Kolumne „Unter uns“

Eine Cheftrainerin in der Bundesliga – wo kommen wir denn da hin?!

Hildesheim - Der 1. FC Union Berlin wird für die verbleibenden Spiele der laufenden Bundesliga-Saison von einer Frau trainiert. HAZ-Kolumnistin Julia Haller hat sich die Reaktionen dazu im Internet angeschaut.

In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller abwechselnd zu Themen, die sie bewegen. Foto: HAZ

Hildesheim - Wir schreiben das Jahr 2026 – und eine Frau ist erstmals Cheftrainerin einer Herrenmannschaft in der 1. Fußball-Bundesliga. Na, Katharina, da wird das Internet aber sicher ganz locker drauf reagiert haben, oder?!

Nee, natürlich nicht. Das Internet, genauer, die Leute im Internet, die spielen nach dieser Nachricht selbstverständlich verrückt. Und zwar in alle Richtungen. Wer in den nächsten Wochen gegen den 1. FC Union Berlin verliert, verlöre sein Gesicht, finden manche. Peinlich, ’ne Niederlage gegen ein Team zu kassieren, das von einer Frau trainiert wird. Andere wünschen der Mannschaft nach dieser Entscheidung den Abstieg in die 2. Bundesliga. Wieder andere sehen die Beförderung von Marie-Louise Eta zur Cheftrainerin als reine PR-Masche.

Ein mutiger Schritt?

Und dann gibt es noch die, die das Ganze als mutigen Akt feiern – endlich, so schreibt ein User auf X, zeige das Team mal Eier. Über die negativen Kommentare habe ich mich natürlich aufgeregt, Katharina.

Darüber, dass manche die Entscheidung des Vereins als mutigen Schritt feiern, war ich aber auch verwundert. Der Bundesligaverein hat nicht einen Golden Retriever auf die Trainerbank gesetzt, sondern eine Frau, die viel Erfahrung und Kompetenz mitbringt. Nur halt keinen Penis – der sollte fürs Training aber auch nicht allzu wichtig sein.

Auf dem Prüfstand

Irgendwie traurig, dass das Ganze so ein Thema ist; dass es nicht längst normaler ist, sich im Profisport das Trainerteam aus fähigen Menschen unabhängig des Geschlechts zusammenzustellen. Ein bisschen weiter als im Fußball ist man da beim Tennis, finde ich – zumindest einer: Andy Murray.

Nicht nur verbesserte der ehemalige Tennis-Star Reporter in Interviews immer wieder, wenn diese nur über die Siege von Männern sprachen – und Errungenschaften von Spielerinnen wie Serena Williams außen vor ließen. Als Murray sich 2014 dann entschied, mit Amélie Mauresmo als Trainerin zusammenzuarbeiten, kassierte er ordentlich Gegenwind, auch aus der Tennis-Community selbst. Murray verteidigte seine Trainerin, und beschwerte sich darüber, dass seine ehemaligen männlichen Trainer nie so auf dem Prüfstand standen wie Mauresmo.

Fokus aufs Wesentliche

Was man der neuen Cheftrainerin Eta deshalb nur wünschen kann: dass die kommenden fünf Saisonspiele, in denen sie als Cheftrainerin fungiert, positiv laufen. Und am besten einen Digital-Detox, damit sie sich den ganzen Quatsch online nicht reinziehen muss – und sie sich aufs Wesentliche konzentrieren kann. Den Fußball!


In der HAZ-Kolumne „Unter uns“ schreiben sich Katharina Brecht und Julia Haller zu Themen, die sie bewegen.

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