Hildesheim - Es gibt Berufe, bei denen gibt es so etwas wie Vererbung. Das trifft manchmal bei Lehrern zu, auch bei Landwirten oder Pastoren. Aber die dürften wohl kaum so ein abenteuerliches und abwechslungsreiches Leben führen wie Schaustellerfamilien. So eine wie die Weltes. Fredi Welte gastiert derzeit mit seinem Break Dancer beim Schützenfest in Hildesheim. Mit dabei seine sieben fest Angestellten plus Gattin, drei Kinder und ein Hund. Geerbt hat er das Fahrgeschäft von seinem Vater. Berufsvererbung ist bei Schaustellern gang und gäbe.
„Eine meiner Töchter wird den Break Dancer später übernehmen“, sagt der 39-jährige Welte. Welche, ist noch offen. Romy ist zehn und besucht die Grundschule in Bramsche, dem Heimatort seiner Familie, Lilly (5) und Amy (4) sind mit seiner Frau bei ihm. Und damit mittendrin im Schaustellerleben.
Geregeltes Familienleben
Während hinter ihm seine Leute letzte Hand an die Fahrgondeln legen, neue Aufdrucke fertigen und sich auf den Starttermin des Hildesheimer Schützenfestes vorbereiten, sitzt er im kleinen Kassenhäuschen und testet die Klimaanlage dort. Bei der Hitze im Kabuff sitzen und schwitzen? Geht gar nicht. „Wir sind eine ganz normale Familie“, sagt Welte. Eigenes Haus bei Bramsche, dort betreut die Großmutter die große Tochter, die an den Wochenenden dann zu den Jahrmärkten und Volksfesten nachkommt, um dabei zu sein.
So wie Fredi Welte als Kind. Mit 16 Schulabschluss, dann gleich zum Vater, um beim Break Dancer mitzumachen. Und damit eine Laufbahn einzuschlagen, die ohne eine reguläre Ausbildung klar kommt. Fredi ist Schlosser, Mechaniker, Lackierer, Lastkraftfahrer, Monteur und Finanzbuchhalter in einer Person. Nur Kochen kann er nicht, räumt er ein.
Beruflich ein Zehnkämpfer
Gut zehn Monate im Jahr ist er mit seiner Familie auf Tour. Jedes Wochenende woanders. Zuerst wird mit vier LKWs, vier Autotransportern das nächste Ziel angefahren, die Wohnwagen aufgestellt, dann der Break Dancer aufgebaut. Mal in drei Tagen ganz entspannt, mal an einem Tag – mit Stress. „Das gehört dazu“, sagt Welte. „In der Regel haben wir eine Fünf-Tage-Woche.“ Aber was heißt schon „in der Regel“? Es kommt, wie es kommt. Und Sonntags kommt dann meistens der Abbau – oder am Montag danach.
Das klingt alles nach „fahrendem Volk“, ein Begriff, der früher prägend war für Schausteller und von vielen Vorurteilen begleitet, sagt Welte. Dabei führt er eigentlich ein ganz normales bürgerliches Leben mit Familie, Eigenheim, Urlaub in der Karibik und eben einem mobilen Beruf.
Und zehn Monate auf Tour. Das heißt Leben in einem Wohnwagen. Aber was für einem! Die Seitenwände sind aufklappbar, die Wohnfläche wächst auf 100 Quadratmeter. Innen große Fenster, großes Wohnzimmer mit Einbauküche, Riesenkühlschrank, Spülmaschine, Backofen. Das Bad geräumig inklusive Badewanne. Ein Schlafabteil für Eltern plus Kinderzimmer. Auf der Veranda steht die Hundehütte für Bruno. Davor ein aufblasbarer Swimmingpool. Ein zweites Zuhause.
„Wir haben ganz normal unsere Nachbarn in Bramsche und unsere Freunde, auch die Kinder“, sagt er. Und an den Wochenenden trifft man eben die Kollegen und Kolleginnen von den anderen Fahrgeschäften. Auch eine Art Familie mit allem Drum-und-dran, Reibereien und Feiern inklusive. Und immer wieder trifft die Großfamilie Welte sich selbst. Wie in Hildesheim, wo sein Bruder Ricardo den Devil Dancer plus Gastronomie betreibt und sein Cousin mit seinem Fahrgeschäft.
Hildesheim als neue Station
Hildesheim ist für sie Neuland, der Break Dancer von Welte ist 2022 das erste Mal hier gelaufen, als der Vorgänger aufgegeben hatte – wegen Corona. Also dreimal Welte beim Schützenfest. Doch die Familie ist groß, es gibt noch einen Zweig in Ostdeutschland. Einmal im Jahr treffen sich die meisten Familienmitglieder beim Schützenfest in Osnabrück mit Autoscooter, Riesenrad, Karussells und anderen Angeboten. „Wir könnten eine eigene Kirmes auf die Beine stellen“, sagt der 39-Jährige.
Er tourt bis etwa 300 Kilometer im Umkreis von Bramsche mit seinem Break Dancer, Ruhrgebiet, Sauerland, Kassel, Bremen, Wolfsburg und Hildesheim. Und jeder Platz ist anders. Was bleibt sind die Kosten für Personal, Diesel, Steuern und Sozialabgaben und mittlerweile preistreibend für Strom. 700 Kilowatt verbraucht der Breakdancer an einem Tag. Das ist in Hildesheim besonders teuer, sagt Welte: 69 Cent für die Kilowattstunde. „Der teuerste Tarif überhaupt.“ Ach ja, und dann muss er noch Standgebühr bezahlen, doch die ist in Hildesheim moderat. Das betrifft auch ein weiteres Vorurteil gegenüber Schaustellern – sozial abgehängt. Welte kann dazu nur lachen: „Wir sind ein ganz reguläres Unternehmen.“
Teures Pflaster – bei den Strompreisen
Bei den Preisen kalkuliert Welte knapp, eine vierminütige Fahrt im Breakdancer kostet regulär 4,50 Euro, aber es gibt auch ein Rabattsystem. „Eine Goldgrube ist das nicht gerade“, sagt er. Längst sind bei Schaustellern Mindestlöhne vorgeschrieben. Und er packt auch mit an – beim Aufbau, beim Transport, in der Kasse – überall, wo jemand gebraucht wird.
Zeit für Hobbys? Klar, sagt Welte: Schwimmen mit den Kindern, er fährt gerne Motorrad und angelt. Oder geht mit dem Hund raus. Nur sein eigenes Fahrgeschäft nutzt er nicht mehr: Zu oft gefahren. Achterbahn oder Wildwasserbahn liegen ihm mehr. Lilly setzt auf den Devil Dancer: „Amy geht lieber ins Kinderkarussell.“ Das lässt die Vierjährige nicht auf sich sitzen: „Ich trau mich auch ins Riesenrad!“
Wie lange man durchhält
Also alle Weltes auf dem Jahrmarkt? Nein, sagt Bruder Ricardo. „Stefan nicht, der ist Zahnarzt in Berlin.“ Bei dem dreht sich nur der Bohrer. Aber die Schaustellerei gehört bei den anderen zum Beruf. Ein Leben lang. „Unsere Oma hat mit 81 aufgehört, mit 82 ist sie gestorben, ihr Leitsatz: Wer rastet, der rostet.“ Und das kommt natürlich für einen Welte überhaupt nicht in Frage.
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