Hildesheim - „Vielleicht wäre die Welt etwas friedlicher und harmonischer, wenn mehr Menschen Aikido betreiben würden“, sagt Nora Weller und lächelt. Die 37-Jährige ist eine Meisterin dieser relativ jungen japanischen Kampfkunst. In Hildesheim gibt sie ein Seminar. Manch‘ einer hat einen weiteren Weg in Kauf genommen, um dabei zu sein. Wie Rainer König aus Aschaffenburg. „Nora Weller ist eine Koryphäe. Da kann man viel lernen“, sagt er. Wie er denken zehn weitere Frauen und Männer, die ihre Techniken in der Sporthalle der Friedrich-List-Schule verfeinern möchten.
Auch ein Mittel zur Selbstverteidigung
Bei „Kampf“ denkt man vielleicht zuerst an Boxen, Judo oder Taekwondo – an verbissene Auseinandersetzungen und harte Schläge. „Beim Aikido passiert in der Regel das genaue Gegenteil“, erklärt Nora Weller. „Ai“ steht für Harmonie oder Vereinigung, „Ki“ bedeutet Geist oder Energie und „Do“ ist die Straße oder der Weg.
Da ahnt auch der Laie, dass es um viel mehr geht als um Kampf und Techniken. „Im Aikido geht es nicht darum, zu siegen oder zu dominieren, sondern darum, Harmonie in der Bewegung zu finden – mit sich selbst und mit dem Gegenüber“, erklärt Weller. „Doch wenn man einige Techniken beherrscht, ist es auch ein gutes Mittel zur Selbstverteidigung.“
Ein ungleiches Duell
Dabei will man den Gegner nicht selbst angreifen, attackieren oder verletzen. Man möchte ihn vielmehr neutralisieren und den Angriff ablenken oder ins Leere laufen lassen. Nora Weller bittet Lucas Dos Reis Martins auf die Matte. Es ist ein ungleiches Duell. Sie wiegt knapp 50 Kilogramm und ist 1,53 Meter groß. 1,85-Meter-Hüne Martins bringt 90 Kilo auf die Waage.
Für mich ist Aikido ein Weg der persönlichen Entwicklung – physisch, mental und spirituell. Es ist nicht nur eine Kampfkunst, sondern eine Lebensschule
Er greift Weller an, setzt zu einem Schlag an. Aber sie weicht der Attacke mit einer schnellen Drehung aus, ergreift die Faust des Angreifers und zwingt ihn mit einem Armhebel, der ein wenig an den altbekannten „Polizeigriff“ erinnert, zu Boden. Weitere Angriffe werden in spektakuläre Flugrollen und Würfe umgeleitet. Selbst für einen starken Mann wie Martins gibt es jetzt kaum ein Entrinnen aus dem sehr wirksamen Griff.
„Die Techniken bestehen aus Würfen, Hebeln und kontrollierten Bewegungen, die mit und ohne Waffen – wie dem Holzschwert, Holzmesser oder Stock – ausgeführt werden“, erläutert Weller. Die gebürtige Dresdnerin lebt in Basel und bietet Seminare in aller Welt an. Aikido gehe weit über das rein Körperliche hinaus, betont sie. „Es stärkt die Konzentration, das Körperbewusstsein und die innere Ruhe. Für mich ist Aikido ein Weg der persönlichen Entwicklung – physisch, mental und spirituell“, erzählt Weller.
Geduld, Respekt und Verantwortung
Die Italienerin Francesca Greco kann das bestätigen. Seit einigen Jahren betreibt sie die Kampfkunst im Hildesheimer Aikido-Verein. „Hier habe ich zu körperlicher Stärke und mentaler Gelassenheit gefunden. Jetzt kann ich mir den Raum nehmen, der mir zusteht, und habe viel mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein“, sagt die Hildesheimer Philosophie-Promotions-Studentin. Weller erläutert: „Man lernt Geduld, Respekt und Verantwortung. Gleichzeitig weiß man sich in schwierigen Situationen zentriert und ruhig zu bewegen. Es ist nicht nur eine Kampfkunst, sondern eine Lebensschule.“
Sie selbst profitiert davon auch im Alltag. Im Hauptberuf arbeitet Weller, die in Basel zusammen mit einem Partner eine Aikido-Schule betreibt, als leitende Ärztin in einer psychiatrischen Klinik. „Ich habe es dort mit Menschen zu tun, die drogenabhängig, psychisch labil und sozial abgestürzt sind. Das ist oft nicht einfach. Aikido hilft mir, den Berufsalltag besser und fokussierter zu bewältigen.“ Marietheres Garbs stimmt ihr zu. Sie ist Lehrerin an einer IGS. Das sei oft stressig. „Beim Aikido finde ich Ruhe und mentale Stärke.“
Deeskalation statt Eskalation
Auch Lucas Dos Reis Martins, der im Verein zusammen mit Greko und Garbs das gut besuchte Kindertraining leitet, hat Aikido „viel gebracht“: Vor zehn Jahren kam er aus Brasilien nach Deutschland. Wie Francesca Greco will er in Philosophie promovieren. „Als Ausländer habe ich mich oft benachteiligt gefühlt“, berichtet er. „Doch beim Aikido sind alle gleich, hier fühle ich mich respektiert.“ Er habe gelernt, auch auf verbale Attacken gelassen und sachlich zu reagieren. „Und wenn das nicht hilft, dann beende ich einfach das Gespräch.“ Ein wichtiger Glaubenssatz des Aikido lautet: „Deeskalation statt Eskalation.“
Das Seminar umfasst auch eine Einheit für Kinder. Einer bleibt auch für das Erwachsenentraining. Parker trainiert gern mit Erwachsenen, „weil sie alle freundlich sind und man intensiver lernen kann als im Kindertraining.“
Es gibt keine Wettkämpfe
Im Aikido gibt es keine Wettkämpfe. „Der Fokus liegt auf der Zusammenarbeit, nicht auf dem Gegeneinander“, erklärt Weller. Fortschritt geschieht nicht durch Sieg, sondern durch Einsicht, Wiederholung und den Austausch mit den Trainingspartnerinnen und -partnern.“ Sie betont: „Dieser nicht-konfrontative Ansatz ist für mich einer der schönsten Aspekte.
Doch übertrieben pazifistisch ist auch Aikido nicht. „Im Selbstverteidigungs-Ernstfall geht es auch darum, dem Angreifer Grenzen aufzuzeigen, wenn es sein muss“, betont Weller. „Entschlossenes Auftreten, ein präziser Hebel, ein Schlag gegen das Jochbein oder ein gezielter Hieb auf den Solarplexus können dann durchaus hilfreich sein.“
Ich habe gelernt, auch auf verbale Attacken gelassen und sachlich zu reagieren. Und wenn das nicht hilft, dann beende ich einfach das Gespräch
In der Sporthalle ist so etwas wie ein kleiner Altar aufgebaut. „Kamiza“, erläutert Weller. „An diesem Ehrenplatz werden neben dem Bild von Morihei Ueshiba, dem Begründer des Aikido, die Waffen der Lehrerin oder des Lehrers aufbewahrt.“
Zum Abschluss des Seminars verneigen sich die Teilnehmenden vor ihm. Schon „Großmeister“ Ueshiba hat einst gesagt, dass Aikido ein Weg sei, der nie aufhöre. Nora Weller hofft, dass sich noch mehr Menschen auf den Weg machen, um in die Geheimnisse dieser Kampfkunst einzutauchen. Sie verspricht: „Wer es ernsthaft betreibt, wird sich selbst und seine Stärken neu kennenlernen.“
Interessierte sind sehr willkommen
Aufgrund der guten Vernetzung in der nationalen und internationalen Aikido-Welt schafft es der Hildesheimer Aikido-Verein immer wieder, dass hochgraduierte Lehrerinnen und Lehrer nach Hildesheim kommen. Dadurch wird vielen Aikidoka ermöglicht, über ihren eigenen Horizont zu schauen. Aber auch Neulinge sind herzlich willkommen, diese Kampfkunst kennenzulernen. Der Verein bietet an fünf Tagen in der Woche Training an (außer in den Schulferien). Ein Probetraining ist jederzeit möglich. Hier gibt es Infos und Kontaktmöglichkeiten.





