Deutscher Vizemeister

Einen Marathon mit 81 Jahren und Knie-Prothese laufen – Horst Stoldt aus Söhre erklärt, wie man das schafft

Söhre - Erst 2010 fing Horst Stoldt mit dem Laufsport an. Heute zählt der 81-Jährige in Deutschland zu den besten Marathon-Läufern in seiner Altersklasse. Beim Besuch der HAZ verrät der Söhrer seine Erfolgsgeheimnisse.

Söhre - Schwungvoll öffnet Horst Stoldt die Tür seines Hauses in Söhre. „Kommen Sie herein“, sagt er lächelnd – und geht mit federnden Schritten voraus. Beinahe jugendlich wirkt sein Elan. Dabei ist er 81 Jahre alt. Ach, das sei nur eine Zahl, bemerkt er. Sein Lebensmotto lautet: „Das Alter bestimmt nicht mein Verhalten, sondern mein Verhalten bestimmt das Alter.“

„Klar zwickt es hier und da mal“, sagt er. Aber davon lässt sich Stoldt nicht beeindrucken. Ganz im Gegenteil: Er ist äußerst aktiv. Erst 2010 hat er mit dem Laufen angefangen. Er beließ es nicht bei lockeren Jogging- oder Walkingläufen.

Er wollte mehr

Der Söhrer wollte mehr: „Ich habe schon immer die Herausforderung gesucht.“ Sein Ziel: die Marathon-Distanz. Also erstellte er einen Trainingsplan und steigerte langsam sein Pensum. „Man darf nichts überstürzen, nicht zu viel auf einmal wollen“, erläutert er seine Strategie. Zunächst standen fünf oder zehn Kilometer auf dem Programm – und irgendwann der erste Halbmarathon (21,1 km).

2013 absolvierte er seinen ersten Marathon in Berlin. Seine Zeit nach 41,2-Kilometern: sehr beachtliche 4 Stunden und 19 Minuten. Seitdem sind etliche weitere Läufe hinzugekommen. Neben zahlreichen Halbmarathons hat er bis heute knapp 20 Marathon-Rennen absolviert, darunter drei World-Major-Marathons in Berlin, London und New York mit etlichen ersten Plätzen. Beweis sind die vielen Medaillen, die aufgereiht an einer Wand hängen. Seine persönliche Bestzeit lief Stoldt 2017 in Amsterdam (4:16). Aktuell ist er einer der besten deutschen Läufer in seiner Altersklasse.

Der Triumph bleibt, die Qual vergeht

Dass er überhaupt mit dem Laufen anfing, hat er in gewisser Weise seiner Frau Gisela „zu verdanken“. Die beiden sind ein erfolgreiches Tanzpaar. Doch dann fiel sie wegen einer Fußverletzung längere Zeit aus. „Da brauchte ich eine Alternative“, erklärt Horst Stoldt. Also: Laufen. Aber ist das für einen Menschen, der elegant über das Tanzparkett schwebt, nicht zu eintönig und langweilig?

„Nein“, betont er. Für mich ist Laufen mehr als einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ich nehme alles aufmerksam und intensiv wahr: die Städte und die Natur, die Geräusche, die Mitläufer und die Menschen an der Strecke.“ Man kann das wohl als „achtsames Laufen“ bezeichnen – und das ist neben der positiven Lebenseinstellung sicher ein weiteres Geheimnis seiner körperlichen und mentalen Fitness.

Lauf, du faule Socke

Gisela Stoldt haut schon mal einen rustikalen Motivationsspruch raus

„Doch fast alle Marathonläufer kommen irgendwann an einen Punkt, an dem es wehtut“, sagt Stoldt. „Bei mir passiert das meist zwischen Kilometer 30 und 35. Dort postiert sich immer seine Frau, die auch schon mal einen etwas rustikaleren Motivationsspruch raushaut: „Lauf, du faule Socke!“ Besonders hart sei der Brocken-Marathon gewesen. Da hilft auch noch so viel Achtsamkeit nicht mehr weiter. Der Berglauf wird irgendwann zur Quälerei. Um so schöner ist das Gefühl, wenn man es geschafft hat. Stoldt präsentiert sein Shirt vom Brockenlauf 2015 mit der Aufschrift: „Der Triumph bleibt! Die Qual vergeht!“

„Oft sind es die anfeuernden Rufe der Leute an der Strecke, die mir einen Push geben“, betont er. Besonders intensiv habe er das beim New York-Marathon 2019 gespürt. „Die Stimmung, die sich dort von den Zuschauern auf die Läuferinnen und Läufer überträgt, ist enorm. Diese Energie hat mir Flügel verliehen.“ New York sei mit Abstand sein emotionalster Marathon gewesen. „Ich bin zusammen mit meinem Sohn Simon gelaufen. Als wir es beide es geschafft hatten, waren wir überglücklich – ein Gänsehaut-Erlebnis.“

Emotional war auch der Marathon auf der Insel Föhr. Denn dort ist Stoldt geboren und aufgewachsen. Der Lauf dort war sozusagen eine Reise in die Vergangenheit, in die eigene Kinder- und Jugendzeit. Als junger Mann hatte er die Insel verlassen, um in Braunschweig zu studieren. Später arbeitete der Diplom-Elektro-Ingenieur in Hildesheim.

Meniskusschaden und Knie-Prothese

Doch zurück zum Laufen: Einmal tat es richtig weh. „Das war 2023 in Bitterfeld.“ Plötzlich habe er einen stechenden Schmerz im Knie gespürt. „Ich wusste sofort: Da ist was kaputt.“ Trotzdem lief er weiter bis ins Ziel. „Ich weiß heute gar nicht mehr, wie ich das geschafft habe.“ Die Diagnose bestätigte seine Vermutung: ein schwerer Meniskusschaden. Schnell war klar: Es muss operiert werden. Doch wo und von wem?

Horst Stoldts Ratschlag: „Man sollte sich nicht vom erstbesten Arzt operieren lassen.“ Er habe „mehrere Angebote“ eingeholt. „Bis nach Heidelberg bin ich gefahren.“ Schließlich landete er bei Professor Lobenhoffer in Hannover. „Seine Expertise hat mich am meisten überzeugt.“ Der Eindruck täuschte nicht. „Er setzte mir eine so genannte Schlittenprothese ein. Schon nach zwei Monaten war das Knie wieder schmerzfrei belastbar.“

Stoldts Fitness-Tipps

Hat Horst Stoldt weitere Tipps für Menschen, die lange fit bleiben wollen? „Es gibt viele Menschen, die krank sind und denen es nicht gut geht“, bemerkt er ernst. „Leider hat man nicht immer Einfluss darauf.“ Sein Rezept: „Gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse. Wir sind Vegetarier. Außerdem mache ich regelmäßige Yoga-Übungen und längere Pausen nach Marathon-Läufen.“ Regeneration sei sehr wichtig. Das werde von vielen Läuferinnen und Läufern unterschätzt. Einen festen Platz in seinem Terminkalender habe zudem der jährliche ärztliche Gesundheitscheck.

Auch tänzerisch ist das Paar längst wieder aktiv. Er hat zudem die Trainer-Lizenz gemacht und coacht einige Gruppen beim SV Wesseln. „Tanze dein Leben“, heißt es. Auf die Stoldts trifft dieser Satz wohl zu.

Vor einigen Wochen absolvierte er seinen ersten Marathon nach der OP. In Hannover ging es um die Deutsche Meisterschaft. Stoldt startete für den VfV Hildesheim. Er ließ es langsam angehen. „Eine Vorsichtsmaßnahme wegen der Knie-OP.“ Doch es lief gut und er kam immer besser in Schwung. Er arbeitete sich von Rang sechs auf Position zwei vor – und die hielt er bis ins Ziel. Nun ist Horst Stoldt deutscher Vizemeister der Altersklasse 80. Mit seiner für einen 81-Jährigen beeindruckenden Zeit von 4 Stunden und 46 Minuten unterbot er sogar die Norm für den berühmten Boston-Marathon (4:50).

Laufkarriere-Ende? Das ist nicht geplant!

Horst Stoldt

Will er dort starten? „Mal schauen“, sagt er. Oder denkt er vielleicht an ein Ende seiner Laufkarriere? Horst Stoldt antwortet entschlossen: „Nein, das ist nicht geplant.“ Sein nächstes Ziel? „Der Wedekindlauf am Sonntag“, erklärt er. Der Zehn-Kilometer-Lauf dürfte für den 81-Jährigen eher ein Spaziergang sein.

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