Hildesheim - Vielleicht ist es Glück. Vielleicht ist das Team von Nightmare Regensburg auch einfach besser trainiert. Jedenfalls fliegen den Raptors Landshut am Samstag beim Nachwuchsturnier auf der Paintball-Anlage am Lerchenkamp die kleinen Farbkügelchen um die Ohren wie nichts Gutes.
Schon nach wenigen Sekunden zerplatzt ein Geschoss am Helm von Emily Türk. Die gelbe Farbe spritzt über den Gesichtsschutz. Die 21-Jährige legt die flache Hand auf ihren Helm, um allen zu signalisieren, dass sie ausgeschieden ist. Dann verlässt sie das Spielfeld durch eine Schleuse. Innen kämpfen ihre Teamkollegen Pam und Tobi um den Sieg. Kleine Farbkügelchen schießen über das Feld und zerplatzen, wenn sie auf einen festen Gegenstand treffen. Erst scheidet Pam aus, am Ende Tobi. Die Regensburger haben das bayerische Duell für sich entschieden.
Vielleicht ist es schon das größte Turnier Europas
Rund 300 Frauen und Männer aller Altersklassen haben sich am Samstag auf der Anlage zum Turnier getroffen. Schon die Kennzeichen auf dem Parkplatz verraten mitunter die weiten Anfahrtswege.
Teilnehmer aus Cuxhaven sind mit einem Wohnwagen angereist. Nicht weit entfernt parken Fahrzeuge aus den Niederlanden und aus Dänemark.
Am Eingang werden sie zu „Deutschlands größtem Paintball-Nachwuchsturnier“ begrüßt. „Aber vielleicht ist es auch schon das größte Europas“, sagt Arne Petry. Nachwuchsturnier deshalb, weil die Teilnehmenden noch Erfahrung sammeln. Vom Alter her findet man alles zwischen 18 und 58. Petry ist nicht nur Veranstalter, sondern gleichzeitig Mitgesellschafter der kompletten Anlage.
Wenn man ein paar Jahre in die Vergangenheit schaut, findet man Petry in nahezu allen deutschen Zeitungen, als darüber diskutiert wurde, Paintball in Deutschland zu verbieten. Der damalige Unionsfraktions-Vize Wolfgang Bosbach war damals ein mächtiger Gegenspieler. „Wir haben alle Bundestagsabgeordneten eingeladen, sich bei uns selbst ein Bild zu machen“, sagt Petry. Seit einigen Monaten ist er Mitgesellschafter der Paintball Battlefields Hildesheim hinter dem Jim+Jimmy. Nun versucht er auch an dieser Stelle, das Image der Sportart aufzupolieren.
Wen auch immer man am Samstag auf dem Areal anspricht, kennt die Vorurteile, die der Paintball-Branche anhängen. Mit waffenähnlichen Geräten auf Menschen zu schießen sei kriegsverherrlichend, unmoralisch und gewaltfördernd. Im Umfeld der Hildesheimer Anlage wird zudem regelmäßig auf die Geschosse, die sogenannten Paintballs, hingewiesen, die Anwohner in der Umgebung gefunden haben wollen.
Was wir hier machen, hat mit Kriegsspielen nichts zu tun
Technisch gesehen ist das kaum möglich, weil jedes Spielfeld komplett von drei engmaschigen Netzen überzogen ist, die zumindest am Samstag kein einziges der Zehntausenden abgeschossenen Farbkügelchen durchlassen. Exemplare der Kugeln finden sich trotzdem drumherum, zum Beispiel, weil beim Beladen der Markierer Kügelchen daneben fallen und zertreten werden.
Von Kriegstreiberei oder -verherrlichung distanzieren sich zudem alle der befragten Spieler. „Was wir hier machen, hat mit Kriegsspielen nichts zu tun“, sagt Pam, der eigentlich Dominik heißt, 33 Jahre alt und bayerischer Verwaltungsbeamter im Bereich Eingliederungshilfe ist. Es gehe in erster Linie darum, auf die andere Seite des Spielfeldes zu gelangen. Pam ist Chef des Teams aus Landshut.
Team-Kollegin Emily fährt beruflich Stapler, Korbinian studiert im sechsten Semester Robotik und Tobi ist Maschinen- und Anlagenführer in einem Unternehmen. Nachnamen spielen auf der kompletten Anlagen kaum eine Rolle. Der Freundeskreis aus Landshut hat sich zufällig beim Paintball kennengelernt und zu den Raptors Landshut zusammengeschlossen.
Auf den ersten Blick wirken sie martialisch, mit einem brüllenden Dinosaurier auf der Brust, den verspiegelten Helmen und den waffenähnlichen Markierern. Die Kleidung ist gepolstert, Knie- und Armschützer sollen bei Stürzen helfen. Beim genaueren Hinschauen entpuppen sie sich aber wie viele andere Spieler auch als ziemlich nette Zeitgenossen, denen es nicht egal ist, wie man über sie und ihre Sportart denkt.
Menschen aus allen Bundesländern treffen aufeinander. Handwerkerinnen stehen hier neben Rechtsanwälten auf den Spielfeldern, Studentinnen neben Verkäufern. „Paintball ist für mich immer Familie“, sagt Olli, Teamchef der Herford Mohawks.
Er war vor wenigen Wochen bei der Paintball-Weltmeisterschaft in Frankreich. „Da kommt man mit Spielern aus Malaysia und Brasilien ins Gespräch“, berichtet er, während sein viermonatiger Sohn Levin in einer Bauchtasche vor seiner Brust strampelt. Levin ist ein Nachzügler. Ollis anderen beiden Kinder sind 19 und 13. „Paintball muss da keiner spielen, jeder geht seinen eigenen Weg.“
Paintball ist für mich immer Familie
Die Raptors Landshut sind am Freitagmittag mit drei Autos an der Isar aufgebrochen und haben am späten Abend Quartier in einem Hostel in der Nähe der Paintball-Anlage bezogen. Ihre Heim-Anlage ist Paintball Fichtheim, auf der man auf 7000 Quadratmetern spielen kann. Die Paintball Battlefields Hildesheim sind etwa sieben Mal so groß.
Allerdings gibt es hier auch einen nicht genehmigten Bereich, der voraussichtlich wieder abgebaut werden muss. Das würde unter anderem ein ausrangiertes Frachtflugzeug betreffen, das derzeit noch oberhalb der Turnier-Spielflächen steht.
Beim „Paintball Rookie Open“ am Samstag dauert jedes Spiel drei Minuten. Drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer pro Team dürfen pro Durchgang aufs Feld. Es geht darum, auf die andere Seite zu gelangen. Wer getroffen ist, scheidet aus. Die Mannschaft mit dem am Ende verbleibenden Spieler hat gewonnen.
Am Samstag kämpfen fast 60 Teams um den Sieg. Man könnte also meinen, dass der Rubel rollt. Arne Petry verdient sein Geld schließlich mit Paintball. Er betreibt mehrere Anlagen, vor allem im Westen Deutschlands. Turniere wie das am Samstag in Hildesheim seien für ihn aber ein Minusgeschäft, sagt er. Da gehe mehr Geld für Personal, Anreise, Übernachtung und vieles mehr drauf als reinkomme. „Heute geht es mehr um das Image der Sportart“, sagt er. Und darum, Mitglieder für die Deutsche Paintball- Liga zu gewinnen, die er mit gegründet hat.
Bei den Raptors Landshut muss er keine Werbung mehr machen. Emily, Pam, Korbinian und Tobi sind ohnehin Feuer und Flamme. Doch zunächst heißt es jetzt einmal gegen das Trio der Cologne Predators zu bestehen. Drei Minuten, Feuer frei. „Hoffentlich werde ich nicht gleich wieder getroffen“, sagt Emily, reißt den Markierer hoch und stürmt mit Pam und Tobi aufs Feld.








