24/7-Supermarkt

Einkaufen rund um die Uhr – im digitalen Supermarkt: Wie sich ein kleiner Ort im Kreis Hildesheim auf einen TanteEnso-Markt vorbereitet

Nettlingen - In Nettlingen wird voraussichtlich der erste Supermarkt im Kreis Hildesheim eröffnen, in dem man rund um die Uhr einkaufen kann. Ein Ladenlokal ist schon gefunden und ein Termin für die Eröffnung ins Auge gefasst. Wer hinter dem Konzept steckt – und welche Bedingung noch erfüllt werden muss.

Früher kaufte man in Tante-Emma-Läden ein. In Nettlingen bekommen die Kunden ihre Waren künftig wohl im TanteEnso-Markt. Foto: Verlagsarchiv Gebrüder Gerstenberg/myenso

Nettlingen - Vor 50 Jahren bekamen die Nettlinger in ihrem Ort noch alles: Lebensmittel, Fleisch, Wurst, Schuhe, Handarbeitszubehör, Elektronik-Artikel und Oberbekleidung. Nach und nach machten die Geschäfte zu. Im Dezember 2021 schloss der letzte Laden, Schlachterei Hagemann. Ohne fahrbaren Untersatz kommen die Nettlinger nicht mehr zum Einkaufen. Bis jetzt. Denn Nettlingen wird voraussichtlich der erste Ort im Landkreis sein, in dem ein TanteEnso-Markt öffnet.

1400 Einwohnerinnen und Einwohner hat das Dorf in der Gemeinde Söhlde, die Menschen leben in 650 Haushalten. Wenn 300 Personen jeweils einen Genossenschaftsanteil von 100 Euro erwerben, steht der Eröffnung des Nahversorgers nichts mehr im Wege. Ortsbürgermeister Thomas Hein (SPD) ist sich sicher, dass die Anteile gezeichnet werden. Und offenbar glauben auch die Enso-Gründer Norbert Hegmann und Thorsten Bausch aus Bremen daran, denn sie haben Hein bereits den Kampagnenplan zukommen lassen. Und die Nettlinger haben schon mit dem Abarbeiten begonnen.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den neuen Nahversorger ist eine passende Immobilie. Auch die gibt es, sogar mitten im Ort, in der Kornstraße. Dort betrieb Friedrich Haußmann einst seinen Elektro-Markt, bevor er sich 1999 mit Euronics-XXL-Haußmann in Hoheneggelsen ansiedelte. Gut 200 Quadratmeter stehen für den Nahversorger TanteEnso bereit, der Bauantrag ist beim Landkreis gestellt, wie Friedrich Haußmann berichtet. Der Unternehmer hatte schon im vergangenen Jahr die Idee, seine Immobilie TanteEnso anzubieten, doch Haußmann erhielt eine Absage. Wenig später klingelte der Ortsbürgermeister durch und erkundigte sich, ob Haußmann das Ladenlokal für TanteEnso bereitstellen würde. „Die arbeiten mit den Ortsbürgermeistern und den Ortsräten zusammen“, erklärt Hein. Und so liegt auch die Organisation des festgelegten Kampagneplans in den Händen des Gremiums. Zur Kampagne gehören ein Rundschreiben des Ortsbürgermeisters an alle Haushalte, Plakatierung und ein Imagefilm. „Der ist bereits gedreht“, sagt Hein. Dennis Rüter und Jan Henri Gehrs übernahmen dafür die Regie. Außerdem wird es am Donnerstag, 20. April um 19 Uhr in der evangelischen Kirche einen Info-Abend geben.

Das Enso-Konzept

Was steht hinter dem Konzept TanteEnso? Da in ländlichen Gebieten immer mehr Nahversorger die Segel streichen, hatten die Gründer die Idee, Orte mit 1000 bis 3000 Einwohnern und Einwohnerinnen eine Einkaufsmöglichkeit zu bieten. Als Modell diente der Tante-Emma-Laden. Auf etwa 250 Quadratmetern finden die Kunden und Kundinnen alle Produkte des täglichen Bedarfs. Aber mehr noch. Sie bestimmen mit ihren Wünschen das Sortiment, können dafür sorgen, dass auch regionale Anbieter im Markt vertreten sind. „Die Produkte müssen auch gekauft werden, sonst fliegen sie wieder aus dem Sortiment“, erklärt Hein. Das Einkaufen funktioniert aber nicht mehr wie bei Tante Emma mit einer Türglocke, sondern zu bestimmten Zeiten digital.

24 Stunden, sieben Tage die Woche geöffnet

TanteEnso hat 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche geöffnet. Mit einer Enso-Card kommen die Kunden zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Laden, können dort einkaufen und bezahlen. Eine Videoüberwachung und regelmäßige Inventuren sollen Diebstahl verhindern. Wie Henrike Haußmann berichtet, funktioniere das wohl recht gut. Denn wenn Waren fehlen, kann anhand der eingelesenen Daten ermittelt werden, wer zur fraglichen Zeit im Laden war. Wie zu früheren Zeiten soll das Geschäft auch Treffpunkt für die Nettlinger sein. Zu bestimmten Zeiten wird auch Personal im Laden sein, vier Mitarbeiter werden es in Nettlingen sein. „Die Enso-Card kann jeder kaufen, dafür muss man kein Anteilseigner sein“, erklärt Ortsbürgermeister Hein. Mit den Anteilen wolle MyEnso, so der Name des Unternehmens, die Verbundenheit der Einwohner mit ihrem TanteEnso-Markt stärken.

Wunschwaren bestellen

Wünschen sich Kunden besondere Waren, die nicht im Sortiment enthalten sind, können sie die bestellen und später direkt im Markt abholen. „Man kann dann endlich wieder einkaufen, ohne das Dorf verlassen“, sagt Henrike Haußmann. Im Ort, so berichtet die Unternehmerin, ist die Ansiedlung des Marktes schon jetzt das Gesprächsthema Nummer eins.

Nicht teurer als andere Märkte

Friedrich Haußmann hat sich sogar die Mühe gemacht und Preise gegenübergestellt. „Meine Frau hat eine Zeit lang die Kassenzettel vom Einkaufen mitgebracht und ich habe die Preise mit denen von Enso verglichen“, erzählt er. Er habe kaum Unterschiede feststellen können. Hinzu komme doch, dass die Verbraucher Sprit sparen, weil sie ja nicht etwa nach Söhlde oder Hoheneggelsen fahren müssen.

Hein glaubt, dass die besonderen Öffnungszeiten künftig auch Kunden aus den umliegenden Dörfern nach Nettlingen ziehen werden. Und dass der neue Nahversorger der Dorfgemeinschaft guttut. TanteEnso liegt genau gegenüber von der Wassermühle, nahe dem Dorfteich Klare Wasser. Der Dorfmittelpunkt werde sich wieder zum Treffpunkt entwickeln. Vor dem Laden in der Kornstraße sollen zudem Ladesäulen für E-Autos installiert werden.

45 Anteile schon gezeichnet

Nun aber hängt alles an den Anteilszeichnern. „Ich weiß, für manchen sind 100 Euro viel Geld“, räumt Hein ein. 45 Anteile sind schon verkauft, den Rest werden die Nettlinger noch aufbringen, so der Ortspolitiker. Bis zum 15. Mai haben die Einwohner und Einwohnerinnen Zeit, einen Anteil zu erwerben. Wird der Bauantrag zeitnah genehmigt, kann der Umbau bald beginnen und TanteEnso könnte sogar schon am Ende des Jahres öffnen.

Dieses Unternehmen steckt dahinter

Das Unternehmen myEnso wurde 2016 von Norbert Hegmann und Thorsten Bausch in Bremen gegründet. Seit Mai 2018 ist myEnso mit seinen Geschäftsmodellen am Start. Das Gesamtsortiment umfasst 15.000 Artikel, 1500 davon kommen von Start-ups, Manufakturen und regionalen Produzenten. Das Sortiment vor Ort umfasst 3500 Artikel. Nach eigenen Angaben hat myEnso derzeit bundesweit über 100.000 Kunden und beschäftigt 40 festangestellte Mitarbeiter.

Das Unternehmen ist in Bremen angesiedelt, dort im Güterverkehrszentrum steht das Logistikunternehmen. Aktuell gibt es acht TanteEnso-Märkte von München bis Stuttgart, weitere sind in Planung. Darunter der in Nettlingen. Anteile können online und analog ausgefüllt werden. Ziel des Unternehmens ist, bald 40 Märkte am Start zu haben. Die Voraussetzungen für Bewerber: Die Orte sollten 1000 bis 3000 Einwohner haben, der nächste Nahversorger liegt mindestens fünf Kilometer entfernt, 300 Einwohnerinnen und Einwohner zeichnen Genossenschaftsanteile.

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