So sieht’s drinnen aus

Einst Knochenfabrik – jetzt Ruine: Einblicke in ein verlassenes Industriegebäude an der Saale

Elze - Verlassene Gemäuer, zerfallene Fabriken, Häuser, die die Natur verschlungen hat: Das sind Lost Places, die es auch im Raum Hildesheim gibt. Die HAZ gibt exklusive Einblicke – diesmal in eine Fabrik in Elze, die zum Teil schon eingestürzt ist. (Mit Video)

Tageslicht strömt in das Hauptgebäude in der alten Knochenfabrik in Elze: Von der Zwischendecke und dem Dach ist nicht mehr viel übrig. . Foto: Chris Gossmann

Elze - Auf der Suche nach besonderen Orten im Raum Hildesheim und deren Geschichte hat es mich nach Elze verschlagen. Hier stehen auf einem Gelände direkt an der Saale die Überreste der alten Knochenfabrik, wie sie von Ortskundigen genannt wird. Ein Name, der mich neugierig gemacht hat, denn den Begriff habe ich zuvor nicht gehört. Was es wohl damit auf sich hat? Wurde hier etwa Knochenersatz für die moderne Medizin hergestellt?

Gebäude trotzt Feuer und Natur

Der Weg auf das Gelände führt über eine kleine Brücke. Die Zufahrt ist mit einem Tor versperrt, das mit einer rostigen Kette gesichert ist. Albert Fischer vom gleichnamigen Bauunternehmen schließt das Vorhängeschloss auf und öffnet das Tor.

Gemeinsam mit Fotograf Chris Gossmann betrete ich das ehemalige Fabrikgelände. Schon direkt nach der Brücke begrüßt uns die Natur. Brombeersträuche und andere Pflanzen erschweren das Vorankommen. Wo einst vermutlich Lastwagen vorgefahren sind, bahnen wir uns vorsichtig einen Weg durch das dornige Gestrüpp bis zum Hauptgebäude, von dem nicht viel mehr als die Wände erhalten geblieben sind.

Im Inneren ist jeder Schritt mit Vorsicht zu genießen. Zwar wachsen auch hier einige Pflanzen, doch die größere Hürde sind Müll und Schutt. An einigen Stellen hängen hölzerne Dachbalken von der Decke. Wie eine Anwohnerin, die nicht namentlich genannt werden will, später erzählt, war das Dach vor ein paar Jahren plötzlich mit einem lauten Knall und einer großen Staubwolke eingestürzt. Zudem habe es mehrere Brände auf dem Gelände gegeben. Der eine soll etwa zwölf bis 15 Jahre zurückliegen und vor allem die Nebengebäude betroffen haben.

Ein weiterer war am 7. Juni 2019 ausgebrochen, wie ein Blick auf die Homepage der Feuerwehr Elze zeigt. Damals hatten zwei Kinder – elf und 13 Jahre – in dem Hauptgebäude gezündelt und damit einen Brand ausgelöst, der mehrere Einheiten der Feuerwehr sowie das Technische Hilfswerk (THW) bis zum nächsten Morgen beschäftigte.

Fliegen und Gestank

Zwischen den rostigen Stahlträgern der früheren Zwischendecke ist an vielen Stellen der Himmel zu sehen. Vorsichtig gehe ich vorbei an einem zurückgelassenen Kinderwagen, an dreckigen Schuhen und einem Stapel Autoreifen und zwänge mich durch ein Holztor auf das Außengelände hinter dem Haus. Unter einem Vordach steht ein altes Auto, das augenscheinlich schon länger nicht mehr gefahren wurde. Ein Überbleibsel der Schrauber, die dort zwischenzeitig ihren Sitz hatten, vermutet die Anwohnerin.

Was zuvor auf dem Gelände passierte, weiß sie auch nur von ihren Vorfahren. „Hier wurden früher Tierknochen gekocht und zermahlen“, erinnert sie sich an Erzählungen. „Das soll fürchterlich gestunken haben.“ Außerdem seien durch die offen gelagerten Reste, die aus Schlachtereien angeliefert wurden, Fliegen angelockt worden. Und zwar so viele, dass man teilweise kaum draußen sitzen und in Ruhe einen Kaffee trinken konnte, berichtet sie mit Blick auf die Geschichten von früher.

Historischer Rückblick

Auch Werner Beermann vom Elzer Heimat- und Geschichtsverein hat sich mit der Geschichte der Fabrik beschäftigt. Nach seinen Erkenntnissen soll auf dem Gelände zunächst eine Lohgerberei gewesen sein. Beim Lohgerben werden Tierhäute zu Leder verarbeitet. Als Gerbmittel wurde die aus Eichen- und Fichtenrinde gewonnene Lohe benutzt. 1893 soll Carl Beck dann eine Futtermittelfabrik auf dem Areal gegründet haben. Dort seien zunächst Hühnerfutter und später Hundekuchen hergestellt worden.

Als Beck 1932 starb, übernahm Heinrich Hennies das Geschäft und baute mit der Zeit weitere Gebäude und Anlagen (zum Beispiel eine Knochenmühle). So habe die Firma bis zu ihrer Stilllegung um 1965 herum tierische Abfälle zu Zwischenprodukten verarbeitet, die unter anderem für die Herstellung von Leim, Futtermittel und Seife genutzt wurden. Zudem habe das Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen auch mit Schrott gehandelt.

Ein Häuschen im Grünen

Von all dem ist heute nichts mehr zu riechen oder zu sehen. Dass nach Informationen von Beermann nach der Fabrikschließung zwischenzeitig auch ein Getränkehandel auf dem Gelände war, lässt sich ebenfalls nicht mehr erkennen.

Auf dem Weg um das Hauptgebäude herum zurück zur Brücke entdecke ich gut versteckt zwischen Pflanzen ein kleines Haus am Rande des Geländes. „Das war das Bürogebäude von Hennies“, erklärt später die Anwohnerin. Die Tür steht nur angelehnt, die Scheiben sind teilweise kaputt. Vom Eingangsbereich gehen zwei Räume ab. In ihnen stehen unter anderem mehrere Tische und ein Sofa. Ob hier früher die Geschäfte abgeschlossen wurden? Oder sind es die Überreste von Obdachlosen, die hier eine Zeit lang unter gekommen sind?

Zukunft ungewiss

Darüber lässt sich nur spekulieren. Und auch die Zukunft des Geländes ist aktuell noch unklar. Fischer hatte bereits Pläne für privates Wohnen und eine Pflegeeinrichtung eingereicht. Die seien jedoch nicht genehmigt worden. Vorerst bleibt also abzuwarten, was mit dem alten Fabrikgebäude passiert. „Noch steht die Ruine“, so Fischer

Hinweis in eigener Sache: Lost Places dürfen nicht einfach so von jedem besucht werden. Das unerlaubte Betreten von fremdem Eigentum stellt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs dar. Wir weisen an dieser Stelle deshalb explizit auf die geltenden Gesetze hin. Für die Lost Places, die wir auf unserer Webseite vorstellen, hatten wir uns im Voraus das Einverständnis der jeweiligen Eigentümer eingeholt, für die Berichterstattung die Grundstücke und Gebäude betreten zu dürfen.


Alle Folgen der Lost-Places-Serie

Von der Villa, die einst Bordell war – und einem Schwimmbecken mitten im Wald: Weitere Geschichten von Lost Places in der Region Hildesheim finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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