Grundschule in Dingelbe

Einstige Schule im Landkreis Hildesheim steht seit Jahren leer – doch eine Neunutzung ist in Sicht

Dingelbe - Einst drückten in Dingelbe Generationen an Kindern die Schulbank, doch seit 2008 ist damit Schluss. Auch der Kindergarten hat das Haus längst verlassen, es steht leer. Die neuen Inhaber haben aber einen Plan, wie es weitergehen soll – und die Arbeiten dafür haben begonnen.

Seit Jahren ungenutzt: Die einstige Grundschule in Dingelbe. Foto: Julia Moras

Dingelbe - Wo in Dingelbe einst Kinderstimmen durcheinander schallten, Kreide auf der Tafel quietschte und die Pausenglocke schrillte, herrscht seit Jahren: Stille. Seit 2019, nach dem Auszug des Kindergartens, ist das ehemalige Schulgebäude am Friedhof menschenleer. Die Fassade bröckelt, auf der Terrasse wuchert Unkraut, eine Lampe baumelt an einem Kabel neben der Tür. Kinder sind nirgendwo zu sehen. Die einstige Dorfschule ist ein sogenannter Lost Place, ein leerstehendes Haus mitten im Ortskern – wenn auch nicht mehr lange. Bald sollen dort, wo sich einst Generationen an Schülerinnen und Schülern die Klinke in die Hand gaben, neue Wohnungen entstehen.

Und dafür, sagt der Inhaber des Gebäudes, Mario Lehninger, brauche es eine Kernsanierung: Alles muss raus, Türen, Heizungen, Fenster. Genauso wie das einstige Schulmobiliar. So zeugt jetzt nur noch wenig davon, dass hier früher Schulkinder ein und aus gingen. Die Wände sind meist blank, viele Ziegelsteine sind unverputzt. Spinnennetze an den Decken, besonders im Dachboden. Der Boden ist übersät mit Holzspänen, Staub und Schutt.

Nur an wenigen Stellen zeigt sich noch die alte Schule – neben der Eingangstür hängt etwa eine „Weltkarte für Kinder“, die Tapete der einstigen Küche ist mit Regenbogenfischen geschmückt. In ersten Stock baumelt ein Rabe des Leseförderprogramms Antolin an einem Faden einsam von der Decke, um ihn herum sind die Wände mit roten Kreiseln verziert. Ein, zwei winzige Schultische haben die erste Phase des Umbaus überlebt. Ansonsten herrscht im gesamten Gebäude gähnende Leere, wohin man auch blickt.

Zehn neue Wohnungen kommen in die alte Schule – doch es sind nicht die ersten

Mario Lehninger und seine Frau Claudia kauften das leerstehende Haus vor gut anderthalb Jahren. Die beiden betreiben zusammen eine Physiotherapiepraxis in Soßmar, früher hatten sie noch eine zweite Praxis in Schellerten. „Die Patienten da hatten mir damals den Tipp gegeben, dass die Gemeinde jemanden sucht, der die Schule kauft“, sagt Lehninger. Er und seine Frau schlugen zu. Anfang kommenden Jahres sollen die Arbeiten für die Wohnräume beginnen. Zehn Wohnungen sollen es insgesamt sein, eine davon soll die Gemeinde als sozialen Wohnraum nutzen.

Doch auch wenn das Haus einst eine Schule war – es wären längst nicht die ersten Wohnungen in dem Haus, das seit über 100 Jahren an seiner jetzigen Stelle steht, sagt Ortsheimatpfleger Klemens Heidland. Bereits als es 1910 das Gebäude der alten Katholischen Volksschule ablöste, waren Wohnungen für die Lehrerinnen und Lehrer vorgesehen. Ursprünglich sollten die Lehrkräfte nur über zwei Schulklassen wachen. Doch spätestens nach Ende des Zweiten Weltkriegs war klar: Der Platz reicht bei weitem nicht.

2008 schloss die Schule, der Kindergarten blieb bis 2019

Geflüchtete aus den ehemaligen Ostgebieten und der sowjetischen Besatzungszone kamen damals in Scharen im Westen an, auch in Dingelbe und den Nachbardörfern – und die Kinder sollten natürlich alle unterrichtet werden. Heidland zeigt auf Einträge in einer akribisch geführten Schulchronik, die in der kleinen Dorfbibliothek liegt. Von „großer Schulraumnot“ ist da die Rede, die sich erst Anfang der 1950er-Jahre langsam entspannte – dank eines Anbaus. So war dann doch genug Platz für die insgesamt neun Klassen, die im Gebäude jahrelang ein und aus gingen. Ende der 1960er-Jahre zog dann die Mittelschule in Ottbergen die höheren Klassen an sich. „Ab da war dann in Dingelbe nur noch die Grundschule“, sagt Heidland, der dort selbst seine ersten Schuljahre in den 60ern durchlebte.

Spätestens nach der Jahrtausendwende war aber klar: die Schule kann sich im Dorf nicht länger halten. Die Geburtenraten sanken stetig, die Schülerinnen und Schüler wurden weniger. „Die Nachfrage ging immer weiter zurück“, blickt der Ortsheimatpfleger auf diese Zeit zurück – und auf die hitzigen Debatten, die die Schließung der Schule jahrelang begleiteten. Es half alles nichts: 2008 war endgültig Schluss, zumindest für die Schülerinnen und Schüler. An ihrer statt kamen Kindergartenkinder im vorderen Bereich des Gebäudes unter. Als der Neubau des Kindergartens dann 2019 fertig war, zogen auch die Kleinsten ab – das Gebäude stand seitdem leer.

2025 beginnt der Bau der Wohnungen

Geht es nach den neuen Inhabern, könnten die ersten Mieterinnen und Mieter aber schon bald die alten Schulräume beziehen, sagt Mario Lehninger. Nach der Kernsanierung folgt 2025 der Bau. „Eigentlich wollen wir damit in einem Jahr durch sein.“ Doch er räumt auch ein: „Es ist doch mehr Arbeit, als wir dachten.“ Schließlich entspreche das Material in weiten Teilen des Gebäudes längst nicht mehr heutigen Anforderungen und sei oft schlicht in die Jahre gekommen.

Doch das ist laut der Dorfchronik nichts neues: 1963 war in einem Eintrag etwa davon die Rede, dass zwei Klassenräume in „sehr schlechtem Zustand“ seien. Dingelbe – damals noch eine eigenständige Gemeinde – habe eine Renovierung für die Osterferien 1964 versprochen. Doch neben dem Eintrag steht ein zweiter, kurzer Nachtrag: „Die Räume sind immer noch nicht renoviert“ – datiert auf den Oktober 1981. Geht es nach der Familie Lehninger, dürfte es dann allerspätestens im kommenden Jahr doch noch soweit sein.

Hinweis in eigener Sache: Lost Places dürfen nicht einfach so von jedem besucht werden. Das unerlaubte Betreten von fremdem Eigentum stellt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs dar. Wir weisen an dieser Stelle deshalb explizit auf die geltenden Gesetze hin. Für die Lost Places, die wir auf unserer Webseite vorstellen, hatten wir uns im Voraus das Einverständnis der jeweiligen Eigentümer eingeholt, für die Berichterstattung die Grundstücke und Gebäude betreten zu dürfen.


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Von der Villa, die einst Bordell war – und einem Schwimmbecken mitten im Wald: Weitere Geschichten von Lost Places in der Region Hildesheim finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

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