Neue Prioritäten

Endlich mehr Zeit für die Familie – Warum das sportliche Karriereende für Giesens Volleyball-Idol Hauke Wagner auch ein Neuanfang ist

Giesen - Volleyballer Hauke Wagner hat die Geschichte der Grizzlys Giesen wie kein anderer geprägt. Sportlich setzt der 38-Jährige einen Schlusspunkt, doch privat herrscht Aufbruchstimmung. Am Sonntag kommt es Giesen zum Abschiedsspiel.

Die Familie steht an erster Stelle: Hauke Wagner mit Ehefrau Lara und den Töchtern Ilvie (links) und Frida. Foto: Werner Kaiser

Giesen - Ein Ende kann auch ein neuer Anfang sein. Mit Volleyballer Hauke Wagner beendet einer der besten und populärsten Sportler der Region seine aktive Karriere. Wie kein anderer hat er den Weg der Volleyballer der Grizzlys Giesen geprägt. Am kommenden Sonntag wird der 38-Jährige zum letzten Mal antreten – bei seinem Abschiedsspiel in der Giesener Sporthalle.

Beim Besuch der Familie in Emmerke ist von Abschiedsgefühlen nicht viel zu spüren. Im Gegenteil: Es herrscht Aufbruchstimmung. „Wir haben ein Haus in Nienhagen gekauft“, erzählen Hauke und Lara Wagner. Bald geht es raus aus der Mietwohnung und rein ins Eigenheim – ein neues Kapitel beginnt.

„Es gibt viel zu tun“

„Bis es soweit ist, ist noch viel zu tun“, sagt das Ehepaar. „Elektrik, Heizung, Wände – vieles muss erneuert werden.“ Und so pendelt Hauke Wagner derzeit ständig zwischen Emmerke und Giesen. „Kürzlich wurde die alte Heizung abgebaut“, erzählt er. „Sie passte nicht durch die Tür und musste zerlegt werden – ein Kraftakt.“

Ein Kraftakt war oft auch seine Karriere: „Sport und Beruf unter einen Hut zu bringen war nicht immer einfach.“ Wagner arbeitet in der Personalabteilung des Helios Klinikums. Dazu kamen die Volleyball-Spiele, tägliches Training und zahlreiche weite Auswärtsfahrten.

Ein schleichender Prozess

Frida klettert auf den Schoß ihres Vaters und greift in die Schüssel mit den leckeren Muffins auf dem Tisch. Wagner lächelt und sagt: „Die Kinder hat es nie interessiert, ob ich gewonnen oder verloren habe. Auch nach einer Niederlage am Samstagabend war tags darauf die Stimmung am Frühstückstisch gut. Sie haben gescherzt, gelacht und wollten spielen.“

Volleyball sei zwar nach wie vor wichtig für ihn gewesen, „aber wenn ich die Wohnung betreten habe, war das Spiel abgehakt.“ Immer häufiger habe er über ein mögliches Karriereende nachgedacht. „Es war ein schleichender Prozess“, bemerkt er. Jetzt sei genau der richtige Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören. „Die Kinder werden größer, Frida kommt bald in die Schule, beruflich habe ich die stellvertretende Leitung der Abteilung übernommen – und der Umzug ist eine neue Herausforderung.“

Eine prägende Persönlichkeit

Aktuell hopsen Frida und Ilvie noch auf dem Sofa in Emmerke herum. „Ist schon komisch“, bemerkt Wagner nebenbei. „Auch die kleine Tochter von Lothar von Hermanni heißt Ilvie.“ Der Handballer hat kürzlich beim HC Eintracht Hildesheim aufgehört. Was Lothar von Hermanni für Eintracht war, das war Hauke Wagner für die Giesener Volleyballer: Leistungsträger, Lokalmatador, Publikumsliebling und eine der prägenden Persönlichkeiten im Hildesheimer Sport. Seine Karriere war bisweilen eine wilde Fahrt: Aufstieg, Abstieg, Aufstiegsverzicht, Wiederaufstieg – Hauke Wagner hat fast alles erlebt. Seit 20 Jahren ist der Diagonalspieler „das Gesicht“ der Giesen Grizzlys. „War“, muss man jetzt sagen.

„Was ich hier erleben durfte, ist großartig“, sagt er. Nach dem Aufstieg 2018 habe sich etwas Tolles entwickelt. Anfänglich kämpften die Grizzlys in der 1. Liga noch gegen den Abstieg, doch dann ging es stetig bergauf: Platz fünf in der Liga, später Rang zwei, Halbfinalspiele in Meisterschaft und Pokal, Teilnahme an der Champions League.

„Das ist schon Wahnsinn“

„Das ist schon Wahnsinn“, sagt Wagner. Und doch trauert er zwei verpassten Chancen hinterher: „In der vorletzten Saison haben wir erst das Pokal-Halbfinale gegen Herrsching und dann auch das Meisterschafts-Halbfinale gegen Friedrichshafen verloren. Ich hätte mit den Grizzlys so gern ein Finale bestritten.“

Herrsching habe beim 3:0 in der Volksbank-Arena einfach bärenstark gespielt. „Die hatten einen absoluten Sahnetag erwischt“, blickt Wagner zurück. Größer sei die Chance in der Meisterschaft gewesen. „In der Playoff-Serie haben wir gegen Friedrichshafen mit 2:1 geführt und dann noch zweimal verloren. Da war mehr drin.“ Apropos Friedrichshafen: Nach dem ersten Erstliga-Aufstieg 2008 trat der damalige TSV Giesen/48 Hildesheim in der Halle 39 gegen den zigfachen Meister an. Die Halle war proppenvoll, mehr als 2000 Fans waren da. „Damals habe ich zum ersten Mal in einer solchen Atmosphäre gespielt“, sagt Wagner. „Das war Gänsehaut pur.“

Itamar Steins Lobeshymne

Grizzlys-Trainer Itamar Stein spart nicht mit Lob für den langjährigen Kapitän: „Hauke ist vor allem ein wunderbarer Mensch, ein Anführer und natürlich ein großartiger Spieler. Er ist für immer eine Legende in der Geschichte der Grizzlys und hat den deutschen Volleyball maßgeblich mitgeprägt.“

Für Hauke Wagner geht es nun sprichwörtlich zurück zu den Wurzeln. In Celle ist er geboren, beim SV Altencelle und beim SV Nienhagen begann einst seine Volleyball-Karriere. Nun steht der Umzug ins Haus in Nienhagen bevor. Da trifft es sich gut, dass auch die Eltern von Hauke und Lara Wagner in Celle und Nienhagen wohnen. Die Großeltern werden sich freuen, dass die Enkelkinder bald gleich um die Ecke wohnen.

Familieninterne Diskussionen

Auch die Planung von Geburtstagen und Weihnachten wird künftig einfacher sein. Wenn eine Familienfeier anstand, war ich oft mit den Volleyballern unterwegs“, erzählt Wagner. Er gibt zu: „Da gab es auch schon mal die ein oder andere lebhafte familieninterne Diskussion.“

Sein Vater Rolf war früher Nationalspieler. „Später war er Trainer von Lara in der Damenmannschaft des SV Nienhagen“, erzählt sein Sohn. Kurios: Während Hauke Wagner aufhört, plant seine Frau ein Comeback. „Ich will wieder im Nienhagener Verbandsliga-Team spielen“, erklärt sie.

Vertauschte Rollen

Vertauschte Rollen also. Bislang saß sie bei den Spielen ihres Mannes auf der Tribüne, künftig wird es wohl umgekehrt sein. Aber kann sich Hauke Wagner wirklich mit der Zuschauerrolle abfinden, wird es ihm da nicht schnell in den Fingern jucken? Er betont: „Ich mache jetzt den Cut, mit Leistungssport ist endgültig Schluss.“

Noch einmal zurück

Am kommenden Sonntag geht es noch einmal zurück in die Giesener Sporthalle, wo Hauke Wagner unzählige Bälle geschmettert und viele Punkte erzielt hat, bevor die glanzvolle Ära in der Hildesheimer Arena begann. Wagner hat ein Team aus ehemaligen Weggefährten zusammengestellt, das gegen die Erstliga-Spieler der Helios Grizzlys antreten wird.

Los geht es um 16 Uhr. Die Fans werden ihm sicher einen gebührenden Abschied bereiten. Hauke Wagner blickt freudig, aber auch mit gemischten Gefühlen voraus: „Ich habe keinen Plan, ich lasse den Tag auf mich zukommen.“

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