Sarstedt - Wie geht es Menschen, deren Heimat sich für mehr als eine Woche in einen von Niedersachsens Hochwasser-Brennpunkten verwandelt hat? Wie geht es ihnen, wenn sie nun am Silvestertag hören, „die Lage ist stabil“?
In Ruthe, dort wo Innerste und Leine zusammenfließen, haben viele Leute kleine Pumpen vor ihren Häusern. Rinnsale von Wasser, das aus den Kellern gepumpt wird, laufen auf die sonst trockenen Straßen. Am Ortsrand sind noch Sandsack-Barrieren aufgebaut. Während die Pumpen ihren Dienst verrichten, sitzen am Nachmittag viele Einwohner und Einwohnerinnen im Partyschuppen von Ortsbürgermeister Christoph Haferland (Wählergemeinschaft WiR). Die Stimmung ist gut. Ein Mann verabschiedet sich samt Sohnemann von Haferland. „Wir haben doch noch gar kein Bier getrunken“, sagt der Gastgeber mit gespielter Empörung. „Dann muss ich wohl noch mal wiederkommen.“ Lachen, Handschlag, tschüss.
Keine Evakuierung
Die Silvesterfeier beim Ortsbürgermeister auf dem Hopfenberg hat in Ruthe Tradition – und es ist ein kleines Wunder, dass sie in diesem Jahr stattfindet. Für Ruthe waren nämlich schon Evakuierungspläne vorbereitet worden, die schließlich doch nicht gebraucht wurden. Und obwohl nun das Grundwasser in viele Keller drückt, sagt Haferland: „Wir sind glücklich – alle Prognosen hatten Schlimmeres vorhergesagt.“
Erleichtert ist auch Sarstedts Bürgermeisterin Heike Brennecke (SPD). Sie ist eine derjenigen, die vermeldet hat, dass die Lage stabil sei. Am Sonntag verabschiedet sie Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW), die die Stadt laut Brennecke gerettet haben. Der sogenannte Fachzug Wasserschaden/Pumpen aus Rheinland-Pfalz zieht nun nach Hodenhagen weiter, wo er im Serengeti-Park helfen wird. Im Gepäck haben die rund 50 Einsatzkräfte neben vielen kleineren Modellen auch Riesenpumpen mit einer Leistung von 25.000 Litern pro Minute. Es sind die größten Pumpen des THW, fünf davon gibt es bundesweit. In Sarstedt waren zwei im Einsatz.
Im Kreis pumpen
Das Sarstedter Flachland ist gut geeignet, um das Wasser wegzupumpen, sagt THW-Zugführer Daniel Baumgarten. „Allerdings fließt es im Flachland auch schnell wieder zurück. Man pumpt viel im Kreis.“ Der 32-Jährige, der auch beim Hochwasser im Ahrtal dabei war, erklärt, dass man mit dem Pumpen kritisch überfüllte Bereiche entlastet. Auch wenn das Wasser später zurückkehrt, gewinnt man Zeit und schützt gefährdete Bereiche. Im Laufe des Einsatzes des Fachzugs pumpten die Einsatzkräfte rund 160 Millionen Liter Wasser.
Brennecke wünscht den Rheinland-Pfälzern einen guten Rutsch, als deren blaue Lastwagen davonrollen. Aber einige Sarstedter sehen die Südwestdeutschen vielleicht sogar bald wieder. Christian Rathke, Ortsbeauftragter des Sarstedter THW, hält es nicht für ausgeschlossen, dass auch Helferinnen und Helfer aus der Region nach Hodenhagen geschickt werden – nun, da die Lage stabil ist.
Kaum Entspannung für die Feuerwehr
„Ja, die Lage ist stabil“, sagt auch Sarstedts Stadtbrandmeister Jens Klug. „Aber jetzt kommen die nächsten Lagen auf uns zu.“ Es habe schon die ersten Anrufe wegen vollgelaufener Keller gegeben: Ob die Feuerwehr da nicht beim Auspumpen helfen könne. Klug schüttelt den Kopf: „Pumpen Sie Ihre Keller noch nicht leer“, appelliert er an die Bevölkerung. Das Grundwasser dringe mit viel Druck einfach neu ein und wasche dabei unter anderem den Mörtel im Mauerwerk aus. Es sei aktuell der beste Weg, das Wasser im Keller stehen zu lassen, um einen Gegendruck zum Grundwasser aufzubauen. Langfristig schone man damit den Mörtel und somit die Mauern.
Apropos langfristig: Klug blickt nachdenklich auf die Hochwasser der Zukunft: „Jedes Mal steigen die Pegel mehr.“ Kleinere Schutzmaßnahmen könne die Kommune selbst stemmen, aber um auch auf kommende Fluten wirklich vorbereitet zu sein, brauche es auch Geld von Land und Bund. Außerdem müsse das Sarstedter „Drehbuch“ für Hochwasser-Alarm mit den neu gewonnen Erkenntnissen weitergeschrieben werden. „Wir haben zum Beispiel das erste Mal Drohnenbilder gemacht – das hilft uns bei der Vorbereitung aufs nächste Mal.“
„Alles ist gut“
Während Klug im Sarstedter Feuerwehrhaus die Situation erklärt, knallt es draußen. Er seufzt. „Und das kommt auch auf uns zu: Die Einsätze zu Silvester.“ Bevor die Silvesternacht startet, will Klug noch die Chance auf ein paar Stunden Ruhe nutzen. Zuvor will er aber noch viel Lob loswerden. „Wir hatten hier knapp 1000 Helfer.“ Neben Organisationen wie der Feuerwehr, dem THW und dem Roten Kreuz hätten auch viele Betriebe, Landwirte und Einzelpersonen Hilfe angeboten. „Und auch der Kontakt zur Verwaltung hat super geklappt, die Bürgermeisterin war die ganze Zeit dabei.“ Besonders dankt er auch den Familien der Helfenden.
In Ruthe leert sich Haferlands Partyschuppen langsam. Die dortige Feuerwehr hat sogar schon eine Fotocollage zur Erinnerung an das Hochwasser 2023 zusammengestellt und eingerahmt. Es ist, als wollten die Leute den Schrecken im alten Jahr lassen. „Alles ist gut“, sagt Haferland zum Abschied. „Und guten Rutsch.“



