Hildesheim - Allein mit seinem Erscheinen vor Gericht überrascht der 29-jährige Angeklagte sowohl seinen Verteidiger Henning Sonnenberg als auch die Vorsitzende Richterin Claudia Eikenberg. „Ich habe vor 25 Minuten das erste Mal mit meinem Mandanten geredet“, sagt Sonnenberg. Er hat fast zwölf Monate vergeblich versucht, mit dem in Berlin lebenden Angeklagten Kontakt aufzunehmen. Richterin Eikenberg hat sogar den Hauptbelastungszeugen erst für den zweiten Verhandlungstag geladen, weil sie nicht mit der Anwesenheit des Angeklagten gerechnet hatte. Angeklagt ist der 29-jährige Bankkaufmann vor dem Hildesheimer Landgericht wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhen einer Straftat.
Vor knapp einem Jahr saß er im ICE von Berlin nach Düsseldorf, als andere Fahrgäste bemerkten, dass der Angeklagte ein Messer in einer Sporttasche fest umklammerte. Mehrere Männer entrissen ihm seine Tasche. Ein zufällig anwesender Bundespolizist griff in die Rangelei der Zeugen mit dem Angeklagten ein und hielt ihn in Schach, bis der Zug in Hildesheim hielt, wo mehrere Bundes- und Landespolizisten den 29-Jährigen festnahmen. Noch im Zug stieß er Drohungen gegen die anderen Passagiere aus: „Ich will hier einen Terroranschlag verüben und steche alle ab.“
Die Medikamente wirken
Das erste Mal sieht Strafverteidiger Henning Sonnenberg seinen Mandanten kurz nach der Tat im Ameos Klinikum. „Da war er fünffach fixiert. Ein Gespräch war nicht möglich“, sagt Sonnenberg. Zwei Wochen später will er seinen Mandanten erneut besuchen, doch im Ameos Klinikum ist er nicht mehr. „Die Medikamente haben angeschlagen. Wir haben ihn entlassen, weil kein Behandlungsbedarf mehr besteht“, teilt ihm der dortige Arzt mit. Vor Gericht tritt der Angeklagte als freundlicher junger Mann auf. Er ist aufgeschlossen und zeigt sich interessiert für die Worte der Vorsitzenden Richterin und später auch der Zeugen.
Sein Leben scheint der Angeklagte im Griff zu haben. Er arbeitet in seinem gelernten Beruf als Bankkaufmann und befindet sich in ambulanter Behandlung, die so gut anschlägt, dass sein Arzt die Medikamente absetzen will. Das sieht der psychiatrische Gutachter Dr. Martin Schöning kritisch. Auch er hat bisher nur einmal mit dem Angeklagten sprechen können, vor einem Jahr im Ameos Klinikum, bestätigt aber die Aussage des Ameos-Arztes. „Die Medikamente haben angeschlagen. Er hat eine chronische Psychose. Es wäre fatal, die Medikamente jetzt abzusetzen“, warnt Schöning.
Kommt der Angeklagte in den Maßregelvollzug?
Das Bild, das die Anklage für den Tatzeitpunkt vom 29-Jährigen zeichnet, unterscheidet sich deutlich von seinem heutigen Auftreten. An diesem Punkt will sein Verteidiger ansetzen. „Mein Mandant ist heute ein neuer Mensch“, sagt Henning Sonnenberg. Er regt an, dass der Gutachter erneut mit seinem Mandanten spricht und daraus gewonnene Erkenntnisse in das Gutachten einfließen lässt. Henning Sonnenberg möchte auch den behandelnden Arzt aus Berlin als Zeugen laden, denn für seinen Mandanten geht es darum, ob er in den Maßregelvollzug eingewiesen oder diese Maßnahme zur Bewährung ausgesetzt wird. Gegen den Rat seines Anwalts lehnt der Angeklagte ab, seinen Arzt von der Schweigepflicht zu entbinden.
Das Verfahren wird am 8. April um 9 Uhr fortgesetzt.
