Reportage

Er prägte die Hildesheimer Altenheim-Landschaft – nun nimmt Michael Sackmann Abschied

Hildesheim - Der Hildesheimer Michael Sackmann wollte nichts lieber, als mit Menschen in der Pflege zu arbeiten. Seine Erfüllung fand er in Altenheimen – und erlebte in der Pandemie als Leiter eine Krise, die er sich nicht hatte ausmalen können. Nun nimmt er Abschied, und mancher fragt sich: Wo will der im Ruhestand bloß hin mit seiner ganzen Energie?

Hildesheim - Kritzel, kritzel, kritzel. Ein Termin weniger. Es ist kurz vor halb acht, draußen vor Michael Sackmanns Bürofenster fallen an diesem Novembermorgen ein paar Schneeflocken träge auf die Zufahrt des Teresienhofs. Es dämmert langsam. Die letzten 20 Minuten ist der Heimleiter am Telefon mit der Zentralen Qualitätsmanagerin der Stiftung katholische Altenhilfe Stellenbeschreibungen durchgegangen, den Hörer eingeklemmt zwischen Ohr und linker Schulter. Zwischendurch kleine Schlucke Kaffee. „Ja..., mmhh... genau. Aber die Identifikation mit christlichen Werten muss noch rein. Ja, nicht zuuu katholisch, aber die christlichen Werte auf jeden Fall. Gut, tschüß, mach’s gut.“ Kritzel, kritzel, kritzel. „Ich steig’ da durch“, sagt Sackmann beim Blick auf seinen Kalender, bevor man fragen kann, ob er da bei den vielen Einträgen und mit Kuli großzügig durchgestrichen erledigten Terminen überhaupt noch durchsteigt. Das System Sackmann funktioniert. Und viele, die mit ihm zu tun haben, können sich nur schwer vorstellen, wie es ohne ihn weitergehen soll.

Er wird auf jeden Fall fehlen

Conny Engelke, Pflegedienstleiterin im Teresienhof

Drei Türen weiter den Flur runter, am Schreibtisch sitzt Conny Engelke, Pflegedienstleiterin im Teresienhof. Also Frau Engelke, wie soll es denn weitergehen ohne Ihren Chef? Na ja, muss ja irgendwie, sagt ihr Blick, ihr Mund dann: „Er wird auf jeden Fall fehlen.“ Engelke seufzt. „Ich dachte, wir gehen mal zusammen“, sagt sie wehmütig. „Aber ich habe noch drei Jahre.“ Was ihren Chef ausmacht? „Das Menschliche, das Zugewandte, für die Bewohner und die Mitarbeiter. Er hat immer ein offenen Ohr.“ Manchmal, sagt Engelke dann, sei er vielleicht fast ein bisschen zu lieb. „Aber dafür bin ich dann ja da.“ Lachen.

Nach fast 39 Jahren Arbeit in Altenheimen ist für Michael Sackmann Ende des Jahres also Schluss. Sein Interesse für die Pflege entdeckt er bereits im Alter von acht Jahren – als Patient. Damals muss er sich zwangsweise im Krankenhaus aufhalten, aber der Betrieb dort interessiert und inspiriert ihn so sehr, dass er später zwei Praktika in der Klinik macht, ehe er seine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer und Krankenpfleger absolviert. Es folgt die Wunschstation: Unfallchirurgie. Dann die Frauen- und Kinderstation. Acht Jahre arbeitet er im Krankenhaus, sein Job erfüllt den jungen Pfleger. Aber es gibt etwas, von dem er gerne mehr und länger etwas hätte: Kontakt zu den Patienten. Immer nur ein paar Tage, maximal einige Wochen, dann sind sie weg. Manche sagen: Das ist doch das Gute, stell’ dir vor, du hast einen nervigen Patienten für ein Jahr oder noch länger. Doch Sackmann sucht das: die Bindung zu den Menschen, eine Beziehung aufzubauen. Es ist 1984, als ihm seine Frau eine Stellenanzeige aus der HAZ zeigt: Die Caritas sucht für ein Altenheim einen Leiter der Pflegestation.

Pendler zwischen zwei Altenheimen – immer mit dem Fahrrad

Teresienhof, 39 Jahre später. Die eine Hälfte von Sackmanns beruflicher Heimat: Er leitet nicht nur den älteren Magdalenenhof, 110 Zimmer, sondern auch das 2005 in der Nordstadt erbaute Heim mit 97 Zimmern. Beide sind voll belegt. Sein Anspruch: An beiden Orten, zwischen denen er täglich mit dem Fahrrad pendelt, auch an einem halben Tag ganz und gar da zu sein. „Ich mute mir das zu“, sagt er. Wohlwissend, dass es durchaus so viel zu tun gibt, dass auch zwei Leitern nicht langweilig werden würde. Zu schaffen ist das mit dem Sackmann-Tempo, an das sich alle um ihn herum gewöhnt haben. „Ich nehme mir manchmal vor: Nach dem Urlaub gehst du einfach mal langsam die Treppe rauf und schaltest einen Gang runter...“, erzählt er, und dass er nicht weiter redet macht klar, wie vergebens der Vorsatz ist.

Draußen vor Sackmanns Fenster hat es aufgehört zu schneien, es ist inzwischen hell. Also, so hell es an einem grauen Novembermorgen eben werden kann. Später am Tag hat er noch eine Sitzung des Katholischen Pflegeverbunds, er soll da auch schon mal verabschiedet werden. Irgendwo zwischen den Kuli-Kritzlern steht in seinem Kalender das Wort Sakko. Aber der 63-Jährige trägt nur Hemd. „Meine Frau meinte, Sakko muss nicht sein.“Er erzählt, während er E-Mails liest, Briefumschläge öffnet, Schreiben sichtet, abheftet. „Ich mach einfach so wie immer“, hat er noch gesagt, er wolle jetzt keine Show veranstalten, weil jemand von der Zeitung da sei und ihn begleiten wolle.

Sehen und gesehen werden, das ist wichtig

Michael Sackmann, über seine täglichen Rundgänge in den Heimen

Seine Bürotür steht offen, ruft jemand im Vorbeigehen vom Flur aus „Morgen!“, ruft er „Morgen!“ zurück, mit dem passenden Namen dazu, wenn er die Mitarbeiterin beim schnellen Aufgucken noch sieht oder sie an der Stimme erkennt. Dann der Morgenrundgang durchs Haus, alle Bereiche, zusammen mit Conny Engelke. „Das ist wichtig“, sagt Sackmann. „Sehen und gesehen werden.“ Er will ansprechbar sein, dicht dran sein an den Leuten, von möglichen Problemen mitkriegen. Hemmschwellen abbauen. Er hält nichts davon, dass sich Mitarbeiter für alles Mögliche Termine geben lassen müssen.

Im Wohnbereich für demente Bewohnerinnen und Bewohner zeigt Sackmann auf eine Glastür, die zum Treppenhaus führt. Sie hatten da mal eine bedruckte Folie mit einer Landschaftsaufnahme angebracht, um den Patienten, die einen starken Bewegungsdrang haben, leicht stürzen und sich verletzen könnten und sich draußen nicht zurecht finden würden, nun ja, eigentlich zu verheimlichen, dass es diese Tür gibt. Die Klinke war frei und zu sehen, die Tür nicht abgeschlossen, aber niemand sollte darauf gestoßen werden: Hallo, hier geht’s übrigens raus. Die bedruckte Folie ist weg. Nicht erlaubt. Auf einen fragenden Blick erklären Conny Engelke und Michael Sackmann: Es gibt eben Vorschriften, die das untersagen – verkleben sie die Glasscheiben, gilt das als freiheitsentziehende Maßnahme. Muss man akzeptieren, aber nicht unbedingt verstehen.

Am Wunschbaum im Eingangsberiech bleibt der Heimleiter kurz stehen, pflückt sich zwei Wünsche von Bewohnern ab. So machen sie das hier: Mitarbeitende und Angehörige machen Geschenke. Die Wünsche sind bescheiden, manche so sehr, dass Engelke es entfährt: „Ach, das ist doch traurig.“ Taschentücher und Madarinen steht da auf einem der roten und gelben Pappkartonsterne.

Kritzel, kritzel, kritzel ... Sackmanns Terminkalender ist Außenstehenden wohl ein Rätsel

Zurück im Büro. Urlaubsplan-Besprechung für nächstes Jahr mit Engelke, Verwaltungsmitarbeiterin Tanja Frühling und Einzugsmanagerin Christina Gudde. Alle duzen sich, scherzen. Nach 20 Minuten sind sie durch. Kritzel, kritzel, kritzel. Noch ein Telefonat, einer Bewerberin für eine Stelle in der Magdalenenhof-Küche absagen. „Ich glaube Ihnen hundertprozentig, dass Sie kochen können“, sagt der Heimleiter, „aber wir brauchen jemanden, der wirklich eine Koch-Ausbildung hat, vielen Dank aber trotzdem und alles Gute!“ Noch einen Schluck Kaffee, der inzwischen kalt sein dürfte. Und nebenan warten schon Hausmeister Thomas Zollner und Sabine May vom Sozialen Dienst. Es geht um die Umgestaltung des Zimmers, etwas gemütlicher soll es werden für Gespräche mit Angehörigen. May verlässt den kurzen Termin zufrieden, Zollner mit klarem Auftrag. Kritzel, kritzel.

10.10 Uhr. Michael Sackmann holt seine gelbe Daunenjacke aus dem Schrank, packt den Terminkalender in seinen Rucksack. Fahrradhelm in die Hand, und los geht’s. Sieben Minuten dauert es mit dem Rad zum Magdalenenhof. „Mit dem Auto sind’s zehn.“ Dort angekommen: Rundgang durch die Wohnbereiche, hier Hallo sagen, da kurz nachfragen, ob es irgendwas zu besprechen gibt, einer Bewohnerin zum Geburtstag gratulieren, es gibt Kekse und Duschgel.

Gott sei Dank wussten wir am Anfang nicht, wie lange das alles dauern würde

Michael Sackmann, über die Corona-Pandemie

Die täglichen Wege mit dem Rad aus Einum nach Hildesheim, zwischen den Heimen hin und her, abens nach Hause, das hält fit, das wird ihm fehlen, ahnt Sackmann, der im Februar 64 wird. „Ich werde wohl irgendwas Richtung Fitnessstudio machen.“ Irgendwann jedenfalls. Er hat sich vorgenommen: Erst mal macht er nichts. Und dann wartet er mal ab. Wie seine Frau und er sich neu im Ruhestand sortieren, ob er sich langweilt oder nicht. Bloß nicht nahtlos weitermachen, die Tage mit Ehrenämtern vollstopfen, womöglich noch in derselben Branche. Ein bisschen Abstand tut sicher gut.

Auch wenn ihm die Menschen fehlen werden, das weiß er. Das Team, von dem Conny Engelke sagt: Wer auch immer Nachfolger ihres Chefs wird – er kann froh sein, solch eines zu bekommen.

Was Michael Sackmann nicht vermissen wird: Die Bürokratie, die nicht selten den Praktikern das Leben schwer macht, nicht harmonieren will mit dem Sackmann-Tempo und der Realität. Er möchte nicht falsch verstanden werden, Gesetze, Vorschriften, alles gut und richtig, nur gibt es wie so oft im Leben auch hier ein Aber. Wenn man gerne Fachkräfte aus dem Ausland einstellen möchte, und alle das eigentlich super finden, aber es einfach unglaublich lange dauert, bis alle Unterschriften aller beteiligten Behörden beisammen sind. Zum Beispiel.

Beim Gedanken ans Altwerden ist er pragmatisch

Worauf er sonst noch gerne verzichtet hätte in seiner Laufbahn? Eigentlich nichts. Obwohl, die Pandemie sei eine „sehr harte Zeit“ gewesen, eine die „ich mir so nicht habe vorstellen können.“ Das sei zum Teil „schon sehr an die Substanz gegangen“, sagt er. Und: „Gott sei Dank wussten wir am Anfang nicht, wie lange das alles dauern würde.“ Seine Einrichtungen sind glücklicherweise von großen tödlichen Ausbrüchen verschont geblieben. Wie folgenschwer es andere getroffen hat, weiß er als Sprecher des Arbeitskreises Hildesheimer Altenheim nur zu gut.

11.30 Uhr, Besprechung mit Jutta Ehbrecht, Pfledienstleiterin im Magdalenenhof. Danach noch einiges an Papierkram, später geht es zur Sitzung des katholischen Pflegeverbunds, danach noch mal in den Teresienhof, gegen 18 Uhr macht er Feierabend und im Dunkeln schwingt er sich aufs Rad Richtung Einum. So lange wie möglich im eigenen Haus bleiben, dann vielleicht verkleinern, eine Wohnung in der Stadt wäre nett. Der Profi denkt da nicht viel anders als die meisten. Aber etwas pragmatischer ist er schon, geprägt durch 40 Jahre mit Menschen an ihrem Lebensende um sich herum. Sackmann hat nicht nur längst eine Vorsorgevollmacht unterschrieben, sondern auch finanziell schon an die Bestattung gedacht, damit seine Frau und seine Tochter nicht irgendwann auf den Kosten sitzenbleiben. Er will sich nicht irgendwann sagen müssen: Ach, hättest du mal.

Ein Faible fürs Royale – vielleicht lässt sich das im Ruhestand nutzen

Eine konkrete Lieblingsidee für den Ruhestand hat Michael Sackmann übrigens doch schon. Für die Phase seines Lebens, in der er keinen dicken Terminkalender mehr braucht. Die Tage ohne Erledigt-Gekritzel. Er hat ein ausgeprägtes Faible für Königliche Familien und Geschichten. Woher das kommt, kann er gar nicht so genau erklären. Und mancher stutzt vielleicht über das Porzellan in seinen Büros mit Aufdrucken, die Queen Elizabeth II. und andere Royals zeigen. Er weiß, dass das vielleicht auf den einen oder anderen seltsam wirken mag. Macht aber nix, er versteht ja auch nicht, warum man sich für 22 Männer interessieren sollte, die mit einem Ball spielen und durchdrehen sollte, wenn Wochenende ist.

Also: Dieses Faible für Monarchie und deren Geschichten, und für Schlösser, das ließe sich wunderbar verbinden, und zwar als ehrenamtlicher Führer auf der Marienburg. Sackmann grinst, ja doch, das wäre was! Er weiß, das Schloss ist nun leider erstmal wegen Sanierungen gesperrt. Aber nicht für immer, und er kann warten.

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