Machtsum - Die SMS von SPD-Chef Sigmar Gabriel erreicht Christian Schrader, als er gerade mit dem Auto den Bahnübergang in Harsum passiert. Es ist im November 2013, die SPD hat bei der Bundestagswahl vor wenigen Wochen nur 25,7 Prozent der Stimmen geholt.
Und Gabriel? Der fragt Christian Schrader, ob er mit ihm nach Berlin gehen möchte – als sein Personenschützer. „Was hast du vor?”, fragt Schrader. „Ich mache eine Große Koalition”, antwortet Gabriel. „Ihr habt gerade die Wahl verloren”, entgegnet Schrader und fragt: „Welche Tabletten muss man genommen haben, um nach einer Wahlniederlage der SPD eine Große Koalition eingehen zu wollen?”
„Warte ab. Wir machen eine Mitgliederbefragung“, sagt Gabriel. Als sich dabei später 75,96 Prozent der Mitglieder für die Koalition entscheiden, fragt der SPD-Politiker erneut bei Schrader an: „Und nun?“ Schrader sagt zu und wird Gabriels Bodyguard, begleitet ihn mehr als vier Jahre lang auf Schritt und Tritt.
Besonderes Verhältnis zu Gabriel
Normalerweise werden Personenschützer nicht auf diese Weise rekrutiert. Die speziell ausgebildeten Polizisten sind Teil der sogenannten Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts. Und für diese Personenschützer ist in der Regel mit 45 Jahren Schluss, erklärt Schrader. Er selbst war aber schon 57, als er als Personenschützer für den Bundeswirtschaftsminister anfing.
Er hatte allerdings schon jahrzehntelange Erfahrung als Personenschützer. Und weil Schrader jedes Jahr die vorgeschriebene „Leistungsüberprüfung“, bei der man unter anderem mit einer 90 Kilo schweren Sandpuppe über einen Hindernis-Parcours laufen muss, bestand, ging es für ihn immer weiter als Bodyguard für Bundespolitiker.
„Schrage“, wie Christian Schrader von Freunden genannt wird, und Gabriel verbindet zudem ein besonderes Verhältnis. Denn schon früher war Schrader für den Schutz Gabriels verantwortlich, als dieser von 1999 bis 2003 Ministerpräsident von Niedersachsen war. „Ich habe einen guten Personenschützer verloren und hoffentlich einen guten Freund gewonnen“, hat Gabriel damals zum Abschied über ihn gesagt, erinnert sich Schrader.
Der Beginn als Personenschützer
Der 62-Jährige war 44 Jahre lang Polizist – davon 29 Jahre als Personenschützer. Seit dem 1. September ist er im Ruhestand. Angefangen als Polizist hat er mit 17 Jahren – 1975 beim damaligen Bundesgrenzschutz in Uelzen. Nur ein Jahr später lässt er sich zur Sicherungsgruppe des BKA abordnen. Der Beginn von „Schrages“ Karriere als Personenschützer. Es war die Hochzeit der Roten Armee Fraktion. Unter anderem muss Schrage zu dieser Zeit Ernst Benda schützen, damals Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Als höchster Repräsentant eines Verfassungsorgans zählt der Verfassungsjurist zur höchsten Gefährdungsstufe 1: „Mit einem Anschlag ist jederzeit zu rechnen.“ Diese Politiker werden rund um die Uhr bewacht. Zuhause von der örtlichen Polizei, unterwegs von den Bodyguards des BKA.
Auch Gabriel gehörte als Wirtschafts- und als Außenminister in diese Kategorie. Aktuell überwachen die Mitarbeiter der Sicherungsgruppe nach Angaben eines Sprechers des Bundesinnenministeriums 37 Bundespolitiker, davon elf ständig und 26 lediglich „anlassbezogen“.
Christian Schrader sitzt am Gartentisch seines Hauses in Machtsum. Vor einigen Jahren hat er das alte Pfarrhaus gekauft und zum Wohnhaus umgebaut. Hier kommt oft auch „die alte Mannschaft aus Niedersachsen“ zusammen, erzählt Schrader, der am 1. September in Pension gegangen ist. Gemeint sind die Kollegen aus der Staatskanzlei.
Erlebnis mit Gerhard Schröder
Mit Schröder verbindet Christian Schrader ein besonderes Erlebnis. Es ist der 3. Juni 1998. Schröder hat eine Reservierung für den ICE nach Hamburg. Schrader soll ihn begleiten. Doch dann bittet die stellvertretende Direktorin des NDR-Funkhauses in Hannover, Marlis Fertmann, den Ministerpräsidenten, bei den Tarifverhandlungen des Senders die Schlichtung zu übernehmen. Schröder weist Schrader an, einen späteren Zug zu buchen. Wäre es bei der ursprünglichen Reservierung geblieben, wären die beiden mit dem ICE Wilhelm Conrad Röntgen gefahren, der an diesem Tag bei Eschede entgleist. 101 Menschen kommen ums Leben, 88 werden schwer verletzt. „Dann sieht man mal, wie dicht man dran ist“ , sagt Schrader.
Wenn die Personenschützer einen Spitzenpolitiker begleiten, sind sie meistens zu dritt unterwegs. Alle tragen Waffen vom Typ Glock mit sich, durchgeladen. „Jede Waffe, die nicht geladen ist, ist nur ein Stück Metall“, sagt Schrader. Die Leibwächter gehen in einer Art Keilformation: einer vorweg, einer links hinter der Schutzperson und einer rechts dahinter. Würde der Politiker beschossen, würden ihn die Bodyguards mittels eines Tritts in die Kniekehle zu Boden reißen und ihn so aus der Schusslinie nehmen. „Dann sind sie ein ballistisches Schutzschild“, stellt Schrader nüchtern fest.
In eine solche Lage ist Schrader in seiner Karriere noch nie gekommen. Brenzlige Situationen hingegen gehörten quasi zum Alltag. Da war zum Beispiel der Besuch von Sigmar Gabriel bei den Vereinten Nationen in New York. Als US-Präsident Donald Trump mit seiner Wagenkolonne am UN-Gebäude vorfährt, wird – wie in solchen Fällen üblich – der Gehweg gesperrt. In diesem Moment geht Gabriel gerade mit seinen Mitarbeitern dort entlang. Eine US-amerikanische Polizeioffizierin fordert die Gruppe an, stehenzubleiben. Doch der Minister ist es nicht unbedingt gewohnt, irgendwo nicht weitergehen zu dürfen. „Gabriel hat das nicht ernstgenommen und ist weitergegangen“, erinnert sich Schrader.
Die Berufskrankheit
Die Polizistin ruft noch einmal „Stop“. Und Schrader weiß, dass mit den Amis nicht zu spaßen ist, wenn es um den Schutz ihres Präsidenten geht. „Chef, du musst schon stehenbleiben. Das ist ernst", sagt er zum Außenminister. Der hört natürlich auf seinen „Schrage“ und bleibt stehen. „Da hätten wir uns beinahe mit der amerikanischen Polizei angelegt“, sagt Schrader und lacht.
Schrader ist ein guter Erzähler, kann Dialoge, die sich vor Jahren abgespielt haben, noch heute detailliert wiedergeben. Der 62-Jährige erinnert sich noch genau an Daten und Fakten. Während er redet, gestikuliert er viel und schaut seinem Gesprächspartner fest in die Augen.
Doch das gelingt ihm nicht immer. Gerade wenn er in größeren Gruppen zusammensitzt, schweift sein Blick immer wieder ab. „Das ist so eine Berufskrankheit, dass man immer mal die Gegend abscannt.“ Das gehörte in seinem Job schließlich auch ständig dazu. „Man muss für alle möglichen Szenarien eine Strategie im Kopf haben.“
Episode mit Hinterausgang
Wichtig ist es, als Personenschützer auch immer wieder auf neue Situationen zu reagieren. „Flexibilität und Improvisation sind die zweiten Vornamen“, sagt Schrader. Das kann er etwa unter Beweis stellen, als er am 28. Mai 2017 eigentlich Gabriel und dessen Frau Anke in der Lobby eines Berliner Hotels in Empfang nehmen soll. Schrader und seine Kollegen warten und warten.
Doch der Chef kommt nicht. Plötzlich klingelt das Mobiltelefon des Personenschützers. Der Minister hat das Hotel durch einen Hinterausgang verlassen – aber vergessen, seine Bodyguards darüber zu informieren. „Ich bin mit Anke auf dem Weg zum Bahnhof“, sagt Gabriel, der gerade im Taxi sitzt.
Schrader sprintet aus dem Gebäude, wo zufällig ein Streifenwagen der Berliner Polizei steht. Dort sitzen eine ältere Polizistin und, am Steuer, ein junger Polizei-Azubi. BKA-Mann Schrader weist sich aus, schildert kurz die Situation. Die Polizistin erkennt sofort den Ernst der Lage, lässt Schrader einsteigen und schaltet das Martinshorn ein.
Netanjahu beschützt
Die Polizistin lotst ihren jungen Kollegen durch den Hauptstadt-Verkehr – und weist ihn an, möglichst schnell zu fahren. „Der Junge ist gefahren, als wenn es kein Morgen mehr gäbe.“
Schrader kommt schließlich am Hauptbahnhof an, sprintet zu den Gleisen und erreicht gerade noch rechtzeitig den Bahnsteig, an dem Gabriels Zug abfahren soll. Doch der sitzt nicht etwa schon im ICE, sondern kommt gerade erst die Treppe runtergelaufen: „Das glaube ich jetzt nicht“, entfährt es dem Politiker, als er sieht, dass sein Beschützer schon vor ihm da ist. „Sigmar, du glaubst doch nicht, dass du mich abhängen kannst“, antwortet der trocken.
Und wieder einmal bestätigt sich eine Erfahrung, die Schrader in seinem Berufsleben immer wieder gemacht hat: „Die Politiker verlassen sich darauf, dass wir zaubern.“ Diese Einstellung hatte offenbar auch Benjamin Netanjahu, den Schrader im Jahr 2000 bei einem mehrtägigen Aufenthalt in Niedersachsen beschützt. Netanjahu war zu dieser Zeit gerade nicht Ministerpräsident und auch nicht Minister, als israelischer Spitzenpolitiker aber trotzdem ein potenzielles Anschlagsziel.
Der Wunsch: Shoppen gehen
Und so war der Wunsch Netanjahus, einfach mal spontan mit seiner Frau in Deutschland shoppen zu gehen, für Schrader eine Herausforderung. Der Personenschützer entschied sich für Galeria Kaufhof in Hildesheim.
Dort war zu diesem Zeitpunkt, nach 20 Uhr, allerdings schon geschlossen. „Sie hatten keinerlei Kenntnis von deutschen Ladenschlusszeiten und gingen davon aus, dass wir als Polizei die Möglichkeit hätten, auch das Unmögliche möglich zu machen“, sagt Schrader.
Der Personenschützer überlegt, dass das Sicherheitsrisiko für den abendlichen Kaufhaus-Besuch überschaubar ist. „Wer bei Kaufhof rechnet damit, dass um 21 Uhr Benjamin Netanjahu zum Einkaufen kommt?“ Schrader erreicht noch einen Mitarbeiter bei Kaufhof. Und schafft es sogar, ihn davon zu überzeugen, dass er sein Geschäft noch einmal öffnen muss, weil gleich der ehemalige israelische Ministerpräsident zum Einkaufen vorbeikommt.
Sohn will Personenschützer werden
Erst kurz vor dem Eintreffen in der Almsstraße informiert er per Funk die Leitstelle der Hildesheimer Polizei und bittet die Kollegen, nicht dort hinzukommen. Je weniger Aufsehen, desto besser. Doch die Kollegen hätten sich darauf nicht eingelassen, erinnert sich Schrader: „Die haben alles geschickt, was blau-weiß war“, erinnert sich Schrader.
Machmal sitzt der Pensionär in Machtsum am Schreibtisch und googelt den Namen seines ehemaligen Chefs. Auf den News-Seiten verfolgt er, was Gabriel treibt, der immer noch Bundestagsabgeordneter ist und als Autor für die Holtzbrinck-Gruppe arbeitet. Nah dran an der Macht wie in den vergangenen Jahren ist Schrader nicht mehr. Dafür wird es jetzt vielleicht bald sein Sohn sein. Der beginnt am 1. Oktober seine Ausbildung beim BKA. Sein Berufsziel: als Personenschützer zur Sicherungsgruppe.
