Hildesheim - Die Hildesheimer Investment-Gesellschaft Bertram & Meyer ist offenbar zusammengebrochen – nach ersten Erkenntnissen haben rund 200 Anlegerinnen und Anleger insgesamt rund 20 Millionen Euro verloren. Offenbar liegt bereits seit Freitag, 10. Januar, ein Insolvenzantrag beim Amtsgericht Hildesheim vor – eröffnet ist ein entsprechendes Verfahren aber noch nicht.
Den Sitz des Unternehmens als besonders gediegen oder pompös zu bezeichnen, wäre unpassend. Das Attribut unscheinbar trifft es eher; als Mieter eines anderen Unternehmens sind Gründer Frank Meyer und sein Geschäftsführungspartner Thomas Bertram hier am Lerchenkamp 52c im Oktober 2020 eingezogen. Von außen betrachtet deutet erst einmal nichts darauf hin, dass hier in schlichten Büros enorme Summen von privaten Anlegern bewegt wurden. Money Management, Technische Chartanalyse und Internet-Trading sind die Schlagworte, mit denen das Unternehmen auf seiner Website um Kunden und Vertrauen wirbt. Jahrelang hat das offensichtlich funktioniert.
Die Firma hat rund 200 Kunden – die mitunter deutlich über 100.000 Euro angelegt haben
Der Stamm derjenigen, die in Finanzprodukte von Bertram & Meyer investieren wollten, die hochriskant waren, aber gerade deshalb sehr hohe Renditen versprachen, wuchs fortlaufend – nach HAZ-Informationen auf zuletzt rund 200 Kundinnen und Kunden. Dem Vernehmen nach lief viel über persönliche Kontakte und Empfehlungen, nach dem Motto: Na, wenn der da investiert, dann muss es ja sicher sein und funktionieren. Und tatsächlich lief es auch lange glatt, das bestätigen mehrere Kunden unabhängig voneinander. Sie hätten mitunter nicht nur die garantierten zwölf Prozent Zinsen pro Jahr erhalten, sondern mitunter sogar mehr als 30.
Doch aus irgendeinem Grund, den bisher keiner der Anleger richtig versteht, weil ihn auch niemand erklärt hat, funktioniert das System Bertram & Meyer nun nicht mehr.
Wer in diesen Tagen den Firmensitz in der Nähe des Hildesheimer Flugplatzes aufsucht, stößt auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude auf den Tesla von Geschäftsführer Thomas Bertram, doch von ihm selbst, von Frank Meyer und dem dritten Mitarbeiter, der hier arbeitete, ist nichts zu sehen. Die Türen sind verschlossen, die Büros dahinter noch eingerichtet. Über einem Stuhl hängt eine Fleeceweste, in einem Raum mit Ledersesseln, der als eine Art Zigarrenzimmer genutzt worden sein soll, steht eine Flasche Rum auf einem Tischchen, und in einer Fensterbank liegt eine Packung mit Süßigkeiten. Celebrations steht auf der Schachtel.
Zum Feiern ist allerdings derzeit wohl niemandem zumute, der Bertram & Meyer sein Geld anvertraut hat. In der verschlossenen Eingangstür zu den Büros hängt ein an Kunden gerichteter Zettel: Für die Firma Bertram & Meyer GmbH sei ein Insolvenzverfahren angemeldet worden – „der Insolvenzverwalter wird entsprechend auf Sie zukommen“. Das ist so zwar nicht ganz korrekt, da das Amtsgericht Hildesheim solch ein Verfahren noch nicht eröffnet hat. Aber: Gründer und Geschäftsführer Frank Meyer hat nach HAZ-Informationen für die GmbH tatsächlich Insolvenz angemeldet, da die Firma zahlungsunfähig ist.
Kunden irritiert über bruchstückhafte Informationen: „gesamtes Kapital“ weg?
Es geht um eine gewaltige Summe, die Bertram & Meyer zuletzt als Anlage verwaltet und investiert haben soll – und die nun verloren sein soll. Dem Vernehmen nach waren es knapp 20 Millionen Euro. Warum das „gesamte Firmenkapital“ weg sei, wie es der Mitarbeiter des Unternehmens, der Bertram zugearbeitet haben soll und als Experte für Kryptowährungen galt, in einer Mail an eine Kundin formuliert, bleibt unklar. Am Freitag, 10. Januar, teilte er der Frau mit, er habe sehr schlechte Nachrichten – am Dienstag habe Geschäftsführer Thomas Bertram intern bekannt gegeben, dass das gesamte Kapital weg sei. Erklärungen dafür bekommen die Anlegerin und andere geschockte Kunden nicht. Aus dem Mailverkehr, der der HAZ vorliegt, lässt sich erkennen: Der Mitarbeiter ist selbst völlig überrascht von der Entwicklung, fühlt sich offenkundig überfordert von der Situation, und auch Frank Meyer scheint nach dieser Darstellung von einer möglichen Pleite nichts geahnt zu haben.
Thomas Bertram hat einen umfangreichen Fragenkatalog der Redaktion zu den Geschäften der Firma, den Hintergründen der mutmaßlichen Insolvenz und dem Umgang damit unbeantwortet gelassen. Frank Meyer hat der HAZ auf eine umfassende Anfrage schriftlich mitgeteilt: „Da wir gerade die Sachverhalte noch aufarbeiten, kann ich Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt leider nicht weiterhelfen.“ Einige Tage später erreicht die Redaktion noch die E-Mail einer Rechtsanwältin einer Kanzlei aus Hannover mit ähnlichem Wortlaut: Meyer habe die Kanzlei „mit seiner rechtlichen Beratung vollumfänglich beauftragt“ – derzeit werde es weder durch die Kanzlei, noch durch Frank Meyer persönlich „irgendwelche Auskünfte“ geben. Auch der Mitarbeiter der beiden Geschäftsführer lässt einen Rechtsanwalt antworten: Sein Mandant werde „zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Stellungnahmen oder Erklärungen abgeben“.
Meyer ist schon lange als Unternehmer in Hildesheim aktiv, sein Stammgeschäft liegt im Bereich des Sanitätsbedarfs und der Orthopädieschuhtechnik, seit 2006 ist er Inhaber eines Fachbetriebs. Einer breiteren Hildesheimer Öffentlichkeit wurde er bekannt, als er 2015 Chef der Hildesheimer Hildesheimer Schützengesellschaft (HSG) wurde, ehe er 2017 die Event Marketing Hildesheim gründete, die von der Stadt den Betrieb des Volksfestplatzes übernahm. Für Aufsehen sorgte Meyer schließlich zunächst mit seinem Engagement als Sponsor des Hildesheimer Football-Teams Invaders, und dann vor allem 2020 mit seiner Ankündigung, in Hildesheim ein Stadion für 6000 Zuschauer bauen zu wollen (woraus nichts wurde), sowie dem Einstieg in die neue European League of Football. Aus der zog er sich rasch wieder zurück; die von ihm neu gegründete Mannschaft German Knights, in die viele ehemalige Invaders-Spieler abgewandert waren, wurde wieder aufgelöst, ehe sie auch nur ein Spiel absolviert hatte. Diese Zeitung kommentierte damals, Meyer sei ein „Ankündigungs-Weltmeister“.
Geschäftsführer stifteten einen Förderpreis für begabte HAWK-Studierende
Die Geschäfte der Bertram & Meyer GmbH liefen parallel zwar expansiv, aber weniger öffentlich. Die beiden Geschäftsführer traten zwar auch als Stifter eines nach ihnen benannten Förderpreises für besondere Studierenden-Leistungen der HAWK-Fakultät Gestaltung auf, doch ansonsten blieb das Wirken vor allem auf den Kreis finanziell potenter Kunden beschränkt, die der Investment-Firma nach eigenen Angaben mitunter deutlich über 100.000 Euro anvertrauten.
Frank Meyer soll mit dem Tagesgeschäft nicht viel zu tun gehabt und sich auf Thomas Bertram verlassen haben: Der war schließlich „seit 2013 erfolgreicher Daytrader und Investor“, wie es nach wie vor auf der Firmenwebsite heißt. Er entwickelte demnach „Systeme zur Erkennung und Verarbeitung charttechnischer Muster und festigt Strategien für ein dauerhaft erfolgreiches Money Management und konstante Profitabilität.“
Die Bertram & Meyer GmbH versprach Investoren von Anfang an viel. Und konnte die Ankündigungen hoher Renditen nach übereinstimmenden Angaben verschiedener Kunden lange wirklich einlösen. Zugleich hat das Unternehmen stets ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Art der angebotenen Deals auch zu Totalverlusten führen könne. Das bestätigt auch eine Anlegerin, die der Redaktion Einblicke in ihr Investment gegeben hat.
Irene Friedrichs (Name von der Redaktion geändert) war wie offenbar viele Kundinnen und Kunden zu Bertram & Meyer gekommen: über persönliche Kontakte. Ihr Bruder kannte einen Mitarbeiter und empfahl ihr die Anlage. Irene Friedrichs investierte im Jahr 2018 zunächst 20.000 Euro. Ein Jahr später schoss sie noch einmal die gleiche Summe nach.
Das Kapital wuchs rasant. Bereits im Jahr 2019 gab es die erwähnten 31 Prozent Rendite. Im November 2024 stand Irene Friedrichs bei gut 84.000 Euro, ihr angelegtes Geld hatte sich mehr als verdoppelt. Zum Jahresende entnahm sie 4000 Euro, auch zuvor hatte sie schon einmal eine niedrige fünfstellige Summe entnommen. Dass Bertram & Meyer ihr Kapital dennoch unterm Strich über gut fünf Jahre mehr als verdoppeln konnte, zeigt, welche immensen Renditen die Investment-Firma zeitweilig tatsächlich einfuhr.
Geschockte Kundin legt ihre Investments offen – und berichtet von irritierenden Details
Dabei beschreibt Irene Friedrichs ein Detail in der Geschäftsbeziehung, dass zumindest den Schluss nahelegt, dass bei Bertram & Meyer nicht immer alles hochprofessionell ablief, die kleine Mannschaft durchaus mal den Überblick verlieren konnte. Nachdem sie im Dezember 2019 erklärt hatte, weitere 20.000 Euro investieren zu wollen, wurde die Summe im April 2020 ihrem Konto gutgeschrieben – obwohl sie die noch gar nicht überwiesen hatte und auch noch keine Unterschrift dafür geleistet hatte. Zuvor habe sie mehrere Monate lang auf die angekündigte Zusendung eines Vertrages gewartet.
„Ich habe mich gefragt, wie es möglich ist, dass ich Gewinne erziele, ohne etwas investiert zu haben, und wie lange es dauern würde, bis man das bemerken würde“, blickt Irene Friedrichs zurück. Im Mai 2020 sei es dann allerdings tatsächlich aufgefallen, und zwar nach Angaben von Bertram & Meyer „einer Buchhalterin“. Daraufhin habe sie die fragliche Summe im Juli 2020 tatsächlich überwiesen.
Erst im Jahr 2024 lief es dann zumindest vergleichsweise weniger gut. Mit 12,2 Prozent gab es nur minimal mehr als die Mindestrendite von zwölf Prozent. Ein erster Hinweis darauf, dass die Lage sich womöglich schon eingetrübt hatte. Für die Anlegerinnen und Anleger aber angesichts der immer noch üppigen Gutschriften offenbar kein Alarmsignal.
Anfang Januar kommt der Hinweis auf „eingeschränkten“ Handel
Das folgte am 7. Januar – jenem Tag, an dem Thomas Bertram seinen Mitstreitern mitgeteilt haben soll, dass das Geld „verloren“ sei. Da erhielt Irene Friedrichs von einer zentralen E-Mail-Adresse der Firma den turnusgemäßen Monatsbericht, in diesem Fall für Dezember 2024. Darin weist Bertram & Meyer daraufhin, dass es anders als in den anderen Monaten diesmal keine Gutschrift – Rendite über die fixen zwölf Prozent hinaus – geben werde. Der Monat verlaufe „vollständig fallend“, heißt es in der Anleger-Information. Die Investment-Gesellschaft habe deshalb „den Handel auf die Verwaltung und Absicherung der bestehenden Positionen eingeschränkt“.
Wer darauf mit einem Abzug von Kapital hätte reagieren wollen, wäre aber nach heutigem Erkenntnisstand schon zu spät gekommen, um sein Geld zu retten.
Von Jan Fuhrhop und Tarek Abu Ajamieh



