Urlaubszeit

„Es wird massive Verwerfungen geben“: Das sagt ein Pilot aus Hannover zum Chaos am Flughafen

Hannover - Lange Warteschlangen vor den Sicherheitskontrollen, verspätete Abflüge, genervte Reisende – am Flughafen Hannover herrscht Chaos. Ein Pilot aus Hannover sagt: In der Ferienzeit wird es sogar noch schlimmer kommen.

Eine Boeing 737 Max 8 von Tuifly landet von Palma de Mallorca kommend am Flughafen Hannover. Dort kommt es derzeit zu langen Warteschlangen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hannover - Man kennt es: Die Warteschlangen am Flughafen Hannover reichen zeitweise von einem Terminal zum nächsten, Koffer stauen sich und stehen herrenlos herum. Aber wo hapert es, warum dauert es so lange, bis der Flieger abhebt? Ein 49-Jähriger (Name ist der Redaktion bekannt) ist Flugkapitän aus Hannover. Er lebt jeden Tag mit diesem Chaos – und hat keine gute Prognose.

Wir waren um 10.40 Uhr zum Interview verabredet. Sie sind 8 Minuten zu spät. Normal im deutschen Flugverkehr?

Acht Minuten sind normal. Da haben Sie noch Glück.

Wie ist die Lage am Flughafen Hannover?

Hannover hat ein Problem bei der Abfertigung – wie viele andere deutsche Flughäfen auch. Die Engstelle ist die Sicherheitskontrolle, besonders in Hannover. Hinzu kommt, dass es in Hannover kein Nachtflugverbot gibt. Es ist also einer der wenigen Flughäfen in Deutschland, auf den es viele Umleitungen gibt. Besonders in der Nacht. Ist ein Flug aus Palma verspätet, kann er zum Beispiel nicht mehr in Bremen landen. Die Maschine geht also nach Hannover. Und dort gibt es in der Nacht natürlich weniger Mitarbeiter, die im Einsatz sind.

Wie ist das mit Verspätungen für Sie?

Ich sage mal so: Mir fehlen 40 Passagiere bei einem Flug, weil die wegen der Probleme am Boden nicht pünktlich in der Maschine sind. Ihre Koffer aber schon. Das heißt: Die Koffer müssen wieder ausgeladen werden. Das kostet Zeit ohne Ende. Wenn ich zu spät abfliege, passen weder Anschlussflüge, noch klappt der Umlauf im Charterbereich. Es verspätet sich alles.

Was machen Sie da als Pilot?

Wir haben wenig Einfluss. Ich könnte etwas schneller fliegen bei Verspätungen – aber mehr auch nicht. Das kostet Kerosin. Darauf achten die Airlines. Die Schlacht wird am Boden gewonnen.

Traumjob Pilot?

Für mich ja. Ich fliege seit 23 Jahren. Aber es wird nicht einfacher. Ich würde den Job immer wieder machen. Aber ein Traumjob ist es auch nicht mehr. Es ist viel Stress.

Was hat sich denn verändert?

Es ist mehr Druck da. Wir dürfen 100 Stunden im Monat fliegen. Maximum. Und kommen an die Grenze. Viele Kollegen sind „abgeflogen“. Das heißt: Sie dürfen nicht mehr. Die Arbeitszeiten gehen ans Limit. Zu den 100 reinen Flugstunden kommen jetzt auch die Umstände. Sie müssen vorher mit dem Zug von Hannover nach Frankfurt, um dort einen Flieger zu übernehmen. Ist die Bahn verspätet, gibt es Stress. Und Verspätungen bei der Bahn sind ja auch nichts Ungewöhnliches. Auch die Nachtflüge gehen an die Substanz.

Hat die Luftfahrt in Deutschland ein grundsätzliches Problem?

Momentan schon. In der Corona-Zeit wurde an Personal gespart. Man hat es ja auch nicht benötigt. Aber es wurden viele Mitarbeiter zu spät aus der Kurzarbeit zurückgeholt. Das macht allen zu schaffen. Ob in der Luft oder am Boden. Grundsätzlich stellt sich mir die Frage, ob der Mindestlohn ausreicht. Wir haben keinen Spielraum mehr. Das System ist an der Grenze.

Ihre Prognose für die Sommersaison?

Ich bin selbst gespannt. Es wird massive Verwerfungen geben. Mir ist auch nicht klar, wie man das so schnell beseitigen kann. Wir sind alle am Limit – das wird das Problem. Am Frankfurter Flughafen ist selbst das Management eingesprungen, um personelle Engpässe zu überbrücken. Es wird im Sommer zu Situationen kommen, die nicht schön sind.

von Christof Perrevoort

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