In Gefahrensituationen

„Eure Stimme ist eure Waffe“ – wie blinde Menschen in Hildesheim lernen, sich in der Not zu verteidigen

Hildesheim - Sich notfalls selbst verteidigen zu können, kann einem in einer gefährlichen Situation die Haut retten. Doch was, wenn man einen Angreifer schlichtweg nicht sehen kann? Die Hildesheimer Selbsthilfegruppe Aktive Blinde und Sehbehinderte hat Betroffene zu einem Selbstverteidigungskurs in die VHS eingeladen.

STOP! Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung müssen sich in Gefahrensituationen auf ihre Stimme verlassen. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Eine Attacke aus dem Nichts: Mit stampfenden Schritten und erhobenen Fäusten kommt die Person auf Reinhard Will zugestürmt. „STOP!“, brüllt er der Angreiferin entgegen. Dann: Stille. Aber die kann für den 63-Jährigen erst recht gefährlich werden. Ohne das Schlurfen von Schritten, das Knistern von Kleidung, das Japsen einer fremden Atmung gibt es für ihn kaum eine sichere Koordinate zur Orientierung. Durch eine Netzhauterkrankung leidet der Hildesheimer unter einer starken Gesichtsfeldeinschränkung, die ihm nur knapp zwei Prozent Sehfähigkeit lässt – auf dem guten Auge. Auf dem Papier gilt er als blind. „Es ist, als ob man durch Milchglas guckt“, wird Reinhard Will später seine Sehbeeinträchtigung umschreiben. Doch erstmal: Stille.

„Du musst auf die Schritte hören“

Auch die Angreiferin ist ruhig geworden. Die Bedrohung ist verflogen, die Szene entspannt sich. „Die Chance ist gleich Null, wenn ich erstmal direkt vor dir stehe. Du musst auf die Schritte hören“, sagt Carmen Moré und blickt in die Runde. Gerade noch als Angreiferin im Spiel, hat sie nun wieder ihre ursprüngliche Rolle eingenommen. Die ausgebildete Präventions- und Selbstverteidigungstrainierin hat sich auf die Arbeit mit blinden und sehbeeinträchtigten Menschen spezialisiert. Für einen zweitägigen Kurs hat sie der Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen (BVN) in Zusammenarbeit mit der Selbsthilfegruppe ABS (Aktive Blinde und Sehbehinderte) Hildesheim in die Volkshochschule geladen. „Eure Stimme ist Eure Waffe“, appelliert sie an die Teilnehmenden.

Es ist eine Premiere – zum ersten Mal in Hildesheim richtet sich ein Selbstverteidigungskurs explizit an Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung. Das Konzept stammt vom Deutschen Ju-Jutsu Verband, der zunehmend auch Angebote für sehbehinderte und blinde Menschen erarbeitet. Knapp ein Dutzend Interessierte sind der Einladung in die VHS gefolgt, darunter Menschen mit mittelschwerer Beeinträchtigung bis zu einem nahezu vollständigen Sehverlust sowie sehende Begleiterinnen und Begleiter. Nicht alle wollen ihren Namen veröffentlich wissen, aus Sorge, durch ihre Beeinträchtigung könnte man sie in der Öffentlichkeit verstärkt als Opfer wahrnehmen.

Keine leichte Beute

„Wir sind keine leichte Beute“, stellt ABS-Leiterin und Kursorganisatorin Anette Sommer klar. Sie selbst hat durch einen schleichenden Sehnervschwund einen Großteil ihres Sehvermögens verloren, konnte jedoch bis 2016 noch als Lehrerin tätig sein. „Nur weil wir eine Sehbeeinträchtigung haben, sind wir per se keine ängstlichen Menschen.“ Folgerichtig unterscheiden sich viele der Situationen, die Präventionstrainerin Moré in ihrem VHS-Kurs gemeinsam mit den Teilnehmenden simuliert, kaum von anderen Selbstverteidigungsangeboten. Hier wie dort liegt der Fokus darauf, sich in Momenten der Gefahr möglichst souverän zu verhalten. „Es geht nicht darum, heldenhaft Gegner auszuschalten“, sagt Moré. Neben der Prävention und dem Erlernen von Handlungskompetenzen nehme die reine Selbstverteidigung sogar den kleinsten Part im Kurs ein. „Das ist dann der Bereich, den wir eigentlich gar nicht erst erreichen wollen.“

Stattdessen die Frage, wie man unliebsamen Mitmenschen von Beginn an den Wind aus den Segeln nimmt. Mit den passenden Antworten im Gepäck ließen sich Bedrohungen mit ausreichend Selbstvertrauen begegnen. Soweit die Theorie. Doch was, wenn der Angreifende schemenhaft bleibt – weil man ihn schlicht und ergreifend nicht sehen kann?

Im Zweifelsfall aufs Bauchgefühl achten

„Der Täter sieht dich – du ihn aber nicht“, sagt Moré. Und brüllt ein markerschütterndes „STOP“ in den Riedelsaal hinein. Die Teilnehmenden tun es ihr gleich. „Wir machen das jetzt weiter, bis die Bude wackelt!“, insistiert die Trainerin. Hände aus den Hosentaschen, aufrecht stehen, im Zweifelsfall aufs Bauchgefühl achten: „Macht ihr euch selbst klein, macht ihr euren Angreifer automatisch größer.“ Diesen gilt es, auf Abstand halten – zur Not mit dem Blindenstock.

Hilfsmittel bei Gefahr

„Den haben wir ja sowieso immer zur Hand“, sagt Teilnehmer Reinhard Will. Und obgleich er den Langstock für ein adäquates Mittel hält, sich Angreifer vom Leib zu halten, plädiert er eher für Deeskalation: „Am besten, man weicht dem Kampf aus und vermeidet alles, um in eine gefährliche Situation zu kommen“, so der 63-Jährige gebürtige Hildesheimer, der auch zweiter Vorsitzender des BVN ist. Dass im Kurs auch verschiedene Hilfsmittel vorgestellt werden, die im Gefahrfall helfen können, hält Reinhard Will deshalb für sinnvoll. Beispiele: Die barrierefreie Notruf-App „NORA“ kann schnell Hilfe organisieren oder ein mit Gas gefüllter Schrillalarm Angreifer in die Flucht schlagen.

Sollte es dann doch zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommen, hat Präventionstrainerin Moré schlagkräftige Tipps parat. „Eine gezielte Ohrfeige kann das Trommelfeld beschädigen. Das macht den Angreifer orientierungslos“, erklärt die 50-jährige, die seit 30 Jahren als Trainerin im Einsatz ist. Als Übung prasseln anschließend die Fäuste der Teilnehmenden auf schwarze Schlagkissen nieder. Doch auch hier macht sich eine Schwierigkeit deutlich: Ein Teilnehmer kann das Ziel nicht erkennen und muss mit seinen Schlägen erst in die richtige Richtung gelenkt werden. Ist diese Übung vielleicht womöglich doch zu alltagsfern? Kurs-Organisatorin Anette Sommer sieht das nicht so. „Es ist gut zu merken, wieviel Power ich habe, wenn es drauf ankommt. Allein eine Situation gedanklich durchzuspielen, das kann schon helfen.“

Angebot muss verstetigt werden

Nach neun Stunden, verteilt auf zwei Tage, ist der Kurs vorüber. Ob er fortgesetzt werden soll, will Kurs-Organisatorin Anette Sommer vorerst offen lassen. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden seien jedenfalls durchgängig positiv gewesen, erzählt sie. Genau wie Kurs-Leiterin Carmen Moré ist sie sich jedoch sicher: Ein Angebot wie dieses müsste es regelmäßig geben, damit sich Routinen bilden könnten. Eine Sparte für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen in einem regulären Selbstverteidigungskurs hielte sie indes für ungeeignet. „Wir haben hier ein eigenes Tempo und vermitteln auch anders“, sagt Moré. Könnte ein eigener Verein hier nicht Abhilfe schaffen? „Dann ließen sich die einzelnen Themen noch weiter vertiefen“, überlegt Reinhard Will. Schließlich könne man einer gefährlichen Situation vor allem dann gut entkommen, wenn bestimmte Handgriffe ganz automatisch abliefen. Dafür brauche es dann aber – Routine.

„STOP!“ brüllt Reinhard Will noch einmal der Angreiferin und Kursleiterin in Personalunion Moré entgegen. Für heute ist die Gefahr erstmal gebannt.

Infos zum Angebot der Selbsthilfegruppe ABS Hildesheim gibt es hier.

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