Hildesheim - Der Hildesheimer Dom wird sich bei den EVI Lichtungen vom 25. bis 28. Januar in ein völlig anderen Ort verwandeln. Laurenz Theinert, Lichtkünstler aus Stuttgart, hat ein elektronisches Piano entwickelt, das Lichtmuster statt Töne generiert. Während die Domorganisten live auf der großen Orgel spielen, improvisiert Theinert dazu über acht Beamer eine 360-Grad-Licht-Show. Bei den Lichtungen 2015 hat er bereits den Marktplatz damit bespielt, 2018 die Neueröffnung der Domäne Marienburg.
Herr Theinert, Sie spielen ein Visual Piano, ein optisches Klavier. Was kann man sich darunter vorstellen?
Es ist eine Klavier-Tastatur, die normalerweise für elektronische Musik verwendet wird. Ich nutze dieses Midi-Signal, das über die Tasten augesendet wird – nicht, um Klänge damit zu erzeugen, sondern grafische Muster. Aber es wird alles live gespielt, wie ein Musikinstrument. Das ist der große Unterschied zu anderen Leuten, die auch Visuals machen. Über bestimmte Voreinstellungen kann ich verschiedene grafische Formen abrufen.
Die sich noch dazu bewegen.
Genau, ich kann sie in allen drei Achsen drehen, sie wandern lassen und übereinanderlegen. Das muss man üben, wie ein Musikinstrument, damit man es live beherrscht.
Was fasziniert sie daran?
Das Faszinierende am Licht ist, dass es jeden erreicht. Der kulturelle Hintergrund ist egal, die Bildung, das Alter, der soziale Status sind egal. Licht im Dunkeln fasziniert jeden. Das ist bei Musik schon anders. Deshalb finde ich diese Lichtfestivals im öffentlichen Raum so wahnsinnig geeignet, um eine Stadtgesellschaft zusammenzubringen.
In Hildesheim bespielen Sie mit dem Dom einen sehr großen Raum. Wie bereiten Sie sich vor?
Zum Einen ist es sehr viel Erfahrung. Ich bin aber auch nach Hildesheim gefahren, um mir den noch einmal anzuschauen. Man kommt dann doch relativ schnell zu einer Lösung. Ich werde acht Beamer einsetzen. Angst hatte ich vor dem Speyrer Dom, der ist noch eine Ecke größer als Hildesheim. Seitdem ich den mit meinem Equipment in den Griff bekommen habe, bin ich da ganz entspannt.
Wir müssen natürlich auch über die Musik sprechen; welche Verwandtschaften haben Licht und Musik – und was trennt sie vielleicht auch?
Das ist wirklich eine ganz spannende Frage, zu der ich auch selber noch mehr forschen möchte. Beide sind flüchtig. Im Grunde möchte ich so etwas wie visuelle Musik machen: Das Licht ist raumfüllend, so wie die Musik den ganzen Raum füllt, und es ist abstrakt, so wie auch die Musik abstrakt ist. Und beides ist live gespielt. Spannend ist, dass zwischen den Sinnen – also dem Sehen und dem Hören – ein Raum aufgeht, in dem man eine große Spannung aufbauen kann, was innerhalb eines Sinnes gar nicht möglich wäre.
Sie kooperieren mit elektronischen Musikern ebenso wie mit Symphonieorchestern – und im Hildesheimer Dom mit Organisten: Triggern unterschiedliche Klänge auch andere Muster und Bilder an?
Richtig, das ist tatsächlich auch mein Vorgehen: Ich höre mir die Musik an und schaue, was es bei mir erzeugt, ganz subjektiv oder intuitiv. Das nehme ich mir als künstlerische Freiheit heraus – dieser spontane Ausdruck dessen, was ich in mir empfinde.
Im Dom spielen Sie mit Domkantor Michael Čulo und Dommusikdirektor Thomas Viezens zusammen, die zum Teil ihrerseits improvisieren werden. Beeinflusst ihr Licht dann auch die Musik?
Organisten sitzen ja oft mit dem Rücken zum Raum. Aber im Hildesheimer Dom ist es sehr, sehr schön, weil der Spieltisch der Orgel unten an der Seite ist, so dass ich immer kommunizieren kann mit den Musikern, und die aber auch etwas sehen können.
Sind Sie dann direkt neben dem Orgel-Spieltisch?
So nah wie möglich. Ich muss ein bisschen in den Raum hinein, damit ich besser sehe.
Werden Sie eigentlich auch von Veranstaltern von Technopartys engagiert? Die ersten abstrakten Musikvideos, die mir begegnet sind, waren Techno-Videos.
Ja, ich war schon auf einigen Techno-Festivals – das größte war das Kazantip-Festival auf der Krim, Open Air am Strand. Da haben 15.000 Menschen getanzt und ich habe Szenenapplaus für meine Visuals gekriegt. Das hat schon Spaß gemacht. Ich mag Techno auch gerne.
Welche Musik bevorzugen Sie?
Ich mag allgemein Musik, die relativ offen ist. Wenn es Richtung Minimal Music oder Improvisation geht, ergänzt sich das Visuelle besser als beispielsweise mit einer Mozart-Sonate. Auch für das Publikum ist das interessanter, glaube ich.
Eine große Rolle spielt wohl auch die Architektur?
Ja, aber sie ist nur ein Mittel. Die Architektur ist im Grunde die Leinwand, auf der meine Kunst erscheinen kann.
Welche Arten von Architektur liegen Ihnen denn als Leinwand näher: historische oder moderne?
Das ist im Grunde gleich. Am schönsten sind immer Situationen, die keine Definition haben oder sie verloren haben. Wie Ruinen. Oder Steinbrüche, die ja weder Architektur noch Natur sind. Aber im Grunde funktioniert jede Form von Architektur. Sie darf auch ruhig komplex sein, mit Säulen oder Ähnlichem.
Bei ihrem ersten Gastspiel bei den Lichtungen haben Sie gleich den ganzen Marktplatz bespielt. Was ist Ihnen von Hildesheim in Erinnerung geblieben?
Das war ein toller Ort auf dem Marktplatz. Und vor allem ist es ein gut kuratiertes Festival. Die meisten Lichtkunstfestivals dürften sich ja eigentlich nur Lichtfestivals nennen, weil sie oft nur zuckerbäckermäßig etwas beleuchten. Da stechen die Lichtungen schon heraus.
Mit welchem Anspruch arbeiten Sie persönlich?
Heutzutage hat ja jeder eine Botschaft oder eine Meinung. Meine Sachen sind bewusst abstrakt und ohne Aussage. Da kann man sich begegnen, jeder assoziiert seine eigene Welt dazu. Das ergibt einen bedeutungsfreien Erholungsraum, das finde ich wahnsinnig wichtig.
Zur Person: Laurenz Theinert
Laurenz Theinert wurde 1963 in Hannover geboren, ist aber schon als kleines Kind mit seinen Eltern nach Stuttgart gezogen, wo er auch heute – nach einem zweijährigen Intermezzo in Pakistan – auch heute lebt. Nach einem Studium der Bildenen Kunst arbeitete er ursprünglich als Fotograf, bevor er sich in den nuller Jahren der Video- und Lichtkunst zuwandte. 2008 hatte er auf der Luminale in Frankfurt seinen Durchbruch, seither wird er zu Festivals rund um den Globus eingeladen, von Sao Paulo, London, Sydney, Berlin über New York bis Singapur. Den Prototyp seines Visual Piano hat vor 22 Jahren Roland Blach gebaut, der damals am Fraunhofer Institut mit Virtual Reality experimentierte. Die heutige Version des Lichtinstruments hat Theinert in einem zehnjährigen Prozess mit dem Softwareentwickler Phillip Rahlenbeck entwickelt. Mehr Infos auf seiner Homepage.
Die Spielzeiten im Hildesheimer Dom
Donnerstag, 25. Januar: 20 und 21 Uhr, mit Domkantor Michael Čulo an der Orgel
Freitag, 26. Januar: 20, 21 und 22 Uhr, mit Dommusikdirektor Thomas Viezens an der Orgel
Samstag, 27. Januar: 19, 20, 21 und 22 Uhr, mit Michael Čulo)
Sonntag, 28. Januar: 19, 20 und 21 Uhr mit Thomas Viezens


