„Schule ohne Rassismus“

Nach „unschönen Vorfällen“ am Alfelder Gymnasium redet Ex-Neonazi den Schülern ins Gewissen – und zeigt, was Radikalisierung anrichten kann

Alfeld - Philip Schlaffer, Aussteiger aus der Neonazi-Szene, hat vor 200 Acht- und Neuntklässlern die Geschichte seines Lebens erzählt – und damit für so manchen Aha-Effekt gesorgt. Zuvor war es in der Schule zu einigen „unschönen Vorfällen“ gekommen.

Der frühere Neonazi Philip Schlaffer zeigt vor 200 Acht- und Neuntklässlern des Alfelder Gymnasiums auch Bilder aus seiner rechtsextremen Vergangenheit. Foto: Markus Riese

Alfeld - Das Alfelder Gymnasium trägt offiziell den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Eigentlich ist die Schule stolz auf diese Auszeichnung. Umso besorgter äußerte sich Schulleiter Michael Strohmeyer jetzt zu einigen „unschönen Vorfällen“, die es in einigen achten und neunten Klassen gegeben haben soll. „Es ging unter anderem um das Verbreiten verbotener und verfassungsfeindlicher Zeichen, Sprüche, auch Zeichnungen und um das Tragen bestimmter Marken“, so Strohmeyer.

Das wollten weder er noch das Lehrerkollegium einfach so hinnehmen; gemeinsam mit Theresa Richter, die als Lehrkraft auch das Projekt „Schule ohne Rassismus“ betreut, organisierte er unter anderem einen Projekttag für die gesamten Jahrgänge acht und neun – und der sollte es in sich haben.

Direkt, schonungslos, erschreckend offen

Der frühere Neonazis und Szene-Aussteiger Philip Schlaffer redete rund drei Stunden lang auf alle rund 200 Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Klassen ein – sehr direkt, schonungslos und fast schon erschreckend offen. Er stellte dem jungen Publikum in der Aula des Gymnasiums dabei immer wieder konkrete Fragen, animierte zum Reflektieren des eigenen Handelns – und nahm die Jugendlichen mit auf eine sehr persönliche Reise durch sein eigenes Leben. Schlaffer, 47 Jahre alt, machte seine eigene Biografie so zum Gegenstand eines Vortrages, der im besten Fall lange nachhallen wird.

„Ich habe fast die Hälfte meines Lebens in der Neonazi-Szene verbracht.“ Schon mit diesem Einstieg sorgt Schlaffer für Aufmerksamkeit. Er berichtet über seine vermeintlich behütete Kindheit, sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, einem ungewollten Umzug nach England und der später ebenso ungewollten Rückkehr nach Deutschland. Später wird er erzählen, dass seine 19-jährige Schwester nur deshalb von zu Hause ausgezogen ist, weil sie Angst vor ihrem damals 16-jährigen Bruder hatte: „Ich habe mich so geschämt, als sie mir das bei einem Abendessen viele Jahre später erzählt hat.“

Zwischendurch wird es auch immer mal wieder allgemeiner. Schlaffer redet mit seinen Zuhörern über unterschiedliche Arten und Ausprägungen von Extremismus, über Rassismus, über rechtsradikale Parteien, über Linksextreme, über Islamisten, auch über rechtsextreme Musik und rechtsextreme Inhalte auf TikTok oder in anderen sozialen Netzwerken. Und er redet darüber, was ihn in die Radikalisierung hat abdriften lassen: „Man hat mir eine Gemeinschaft angeboten, und ich habe das Angebot angenommen“. Nicht der Hass auf etwas habe ihn abgeholt, sondern Emotionen, die Extremisten geschickt einzusetzen wissen. Schlaffer zeigt den Kurzfilm „Radikal“, spricht dann über seine eigene Radikalisierung. „Ich habe sie selbst kaum mitbekommen. Es wurde immer extremer, und ich habe das gar nicht gemerkt.“

Heute glaubt er sogar, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn man ihn aus seiner Familie rechtzeitig „rausgenommen“ hätte, wie er sagt. Als er in die damalige NPD eintrat, war es längst zu spät.

Extremisten setzen Emotionen ein

Schlaffer wurde Hooligan, bekam schon mit 18 ein bundesweites Stadionverbot. Er begann, mit Messern zu hantieren, besorgte sich bald darauf seine erste Waffe – da stand er bereits unter Bewährung. Gewalt wurde zu einem immer wichtigeren Teil seines Lebens: „Gewalttäter finden andere Gewalttäter, die ziehen sich an wie Magneten.“

Im Verlaufe des Vormittags wird Schlaffer davon erzählen, wie er zweimal ins Gefängnis musste. Wie sein verhasster Vater ihn einmal sogar davor bewahren konnte. Wie er unter der Woche arbeiten ging als Groß- und Außenhandelskaufmann – und an Wochenenden zu Nazi-Konzerten und auf rechte Demos. „Das erste, was ich verloren habe, war Empathie und Mitgefühl gegenüber meinen Mitmenschen.“ Er wird von drei SEK-Einsätzen gegen ihn berichten, vom Verliebtsein in eine Neonazi-Frau, von immer radikaleren Entwicklungen in seinem Leben – und schließlich vom Ausstieg, der inzwischen elf Jahre her ist. Auch davon, wer ihm dabei geholfen hat – und mit welchen Widerständen er sich plötzlich konfrontiert sah.

Probleme überall in Deutschland – auch in Alfeld

„Das Problem, dass Rechtsextremismus wieder angesagt ist, haben wir überall in Deutschland. Es ist vielleicht in Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen ausgeprägter als anderswo, aber das Problem haben wir wirklich überall, natürlich auch hier in Alfeld“; weiß Schlaffer. Dass er heute öffentlichkeitswirksam gegen Extremismus und Antisemitismus kämpft – beispielsweise auch als reichweitenstarker YouTuber und Twitch-Streamer – und immer wieder in die Schulen geht, befreit ihn nicht von seiner Schuld, das weiß er selbst. „Ich habe 20 Jahre lang Menschen in Rassen eingeteilt und gegen Juden gehetzt.“ Andere davon abzuhalten, erscheint ihm aber zumindest als eine sinnvolle Aufgabe.

Ob seine jungen Zuhörer an diesem Tag in der Aula des Gymnasiums verstanden haben, worum es geht, wird sich wohl noch zeigen müssen. Für das eine oder andere heftige Aha-Erlebnis dürfte er aber in jedem Fall gesorgt haben, das war an den Reaktionen des jungen Publikums deutlich zu erkennen.

Schlaffer engagiert sich heute im Verein „Extremislos e.V. – Demokratie schützen“, der in seinem Heimatort Stockelsdorf bei Lübeck sitzt und dessen Geschäftsführer er ist (www.extremislos.de).

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