Hildesheim - Bevor Laura M. morgens zur Bushaltestelle geht, checkt sie online, ob der Bus überhaupt fährt. „Oft kriege ich es vorher mit, wenn Busse ausfallen“, sagt die 30-Jährige. „Aber es ist ärgerlich, wenn man eine halbe Stunde früher aufstehen muss, um zu gucken: Fahren Busse, fahren keine Busse?“
Seit Mitte Oktober fallen täglich dutzende Fahrten des Hildesheimer Stadtverkehrs aus, während der Herbstferien spitzte sich die Situation noch einmal zu. Aber auch jetzt, nach Ende der Ferien, ist offenbar noch keine Besserung in Sicht. Die Krankenquote beim Personal des SVHI liegt laut Pressesprecherin Melanie Lopes aktuell bei einer zweistelligen Prozentzahl. „Morgens erhalten wir aktuell kurzfristige Krankmeldungen, die wir versuchen, zu kompensieren – was sich aber als schwierig herausstellt“, erklärt sie.
Fahrgäste sagen: Situation hat sich verschlechtert
Mit der Folge, dass manche Fahrgäste an der Haltestelle vergeblich warten. Vorige Woche wollte eine Leserin, die nicht namentlich genannt werden möchte, einen Bus um 9.08 Uhr nehmen. Um 9 Uhr, als sie schon mit anderen an der Haltestelle wartete, sei dann die Nachricht gekommen: Der Bus entfällt. Seit 2016 nutzt sie täglich den Stadtverkehr, um von Ochtersum zur Arbeit zu kommen. Die Situation habe sich seither verschlechtert, meint sie. Ihr ernüchterndes Fazit: „Morgens kommt man nicht hin, abends kommt man nicht weg.“
Auch die Studentin Laura M. meint, die Situation habe sich „definitiv“ verschlechtert. Sie nutzt fast täglich die Linien 1 und 4, gerade letztere verzeichnet aktuell viele Ausfälle. Die HAWK-Studentin fährt vor allem aus Kostengründen mit dem Bus, im Semesterbeitrag ist das Ticket für den öffentlichen Nahverkehr enthalten. Würde sie aber theoretisch auch dann den Bus nehmen, wenn sie mehr zahlen müsste? „Wahrscheinlich nicht“, sagt sie. „Ich würde es gegenrechnen, aber wenn ich merke, wie oft ich den Bus nicht kriege, wäre es für mich ohne Semesterticket günstiger, wenn ich mit dem Auto fahre.“
Jugendparlament: SVHI hat ein Image-Problem
Das Auto nehmen, weil der Bus nicht kommt: Von genau diesem Szenario hört auch Chiara Rudolph zur Zeit häufiger. Sie ist Vorsitzende des Jugendparlaments für den Kreis Hildesheim. Viele der Jugendparlamentarier und -parlamentarierinnen, so sagt sie, nutzen den SVHI gar nicht mehr, „weil er so unpünktlich, so unzuverlässig ist“. Sie spüre einen großen Unmut.
Statt mit dem Bus zu fahren fragen die Kinder und Jugendlichen dann doch die Eltern, ob sie sie mit dem Auto fahren, oder sie steigen auf Fahrrad oder E-Scooter um. „Was man auch raushört, wenn man sich bei jungen Menschen umhört: Das Image vom SVHI ist bei vielen unten durch“, sagt Rudolph. „Das müsste sich erst mal verbessern, sodass man weiß: Ich kann mich auf den Busverkehr verlassen, ich schaffe es zum Training, zum Arzttermin und pünktlich zur Schule.“
Können Fachkräfte aus dem Ausland helfen?
Das Image aufbessern, aber wie? Nach wie vor fehlt es dem Unternehmen an Fachkräften; die Lage hat sich in den vergangenen Monaten noch verschlechtert. Sprach der SVHI im Mai von „bis zu 20 Prozent“ fehlenden Fachkräften, sind es mittlerweile 24 Prozent. Weil es seit geraumer Zeit zu wenig Personal gibt, wollte der Stadtverkehr noch in diesem Jahr eine eigene Fahrschule an den Start bringen. „Wir sind dabei, das Projekt umzusetzen“, sagt Lopes. Aber: Einen genauen Starttermin kann sie nicht nennen.
Eine Möglichkeit, die auch in den sozialen Netzwerken immer wieder geäußert wird, um das Problem fehlenden Personals zu kitten: Fachkräfte aus dem Ausland. „Kurzfristig werden uns ausländische Fachkräfte nicht helfen können, die Personalnot auszugleichen“, sagt aber Lopes. „Oft fehlt hier nämlich der Führerschein der Fahrzeugklasse D.“ Auf lange Sicht wären Fachkräfte aus dem Ausland der Sprecherin zufolge aber durchaus eine Möglichkeit, das SVHI-Personal aufzustocken.
Göttingen, Hannover, Braunschweig: Wie ergeht es anderen Unternehmen?
Dass Busfahrer und -fahrerinnen fehlen, ist auch in anderen Städten der Fall. Ob Fahrbetriebe aus Göttingen, Hannover oder Braunschweig: Alle drei berichten von großen notwendigen Bemühungen, Nachwuchs zu gewinnen. Früher hätten sich auf eine Stelle bis zu 20 Personen beworben, erklärt Tolga Otkun, Pressesprecher von regiobus Hannover.
„Jetzt sind es ein oder zwei.“ Auch das Hannoveraner Unternehmen habe mit dem Thema Fahrermangel zu kämpfen; vor allem dann, wenn es phasenweise zu mehreren krankheitsbedingten Ausfällen kommt. „Gerade kurzfristig kann es passieren, dass Fahrten ausfallen“, sagt er. „Große Engpässe gibt es im Moment aber nicht.“
Hannover: Bewerbung per Whatsapp
Zu kurzfristigen Fahrtausfällen kommt es aktuell auch bei der Braunschweiger Verkehrs-GmbH (BSVG) nicht. Zwei Buslinien fahren seit längerer Zeit in verringerter Taktung, weil die Fahrer fehlten; seit der Anpassung sei das Angebot laut Pressesprecher Felix Weitner verlässlich. Ein ähnliches Bild zeichnet auch Heike Spielmann von den Göttinger Verkehrsbetrieben. So habe es im Stadtgebiet von April bis September einen reduzierten Fahrplan gegeben. „Seit Oktober 2023 fahren wir wieder den regulären Fahrplan; zu weiteren Fahrtausfällen ist es seitdem nicht gekommen“, erklärt sie.
Was alle drei Unternehmen unterstreichen: Die schwierige personelle Lage führt dazu, dass das Anwerben neuer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen umso wichtiger wird. „Mit gezielten Marketingkampagnen zur Neugewinnung von Fahrpersonal und zum Azubi-Recruiting versuchen wir, dieser Situation entgegenzuwirken“, erklärt etwa Spielmann von den Göttinger Verkehrsbetrieben. In Braunschweig habe sich die Zahl der Ausbildungsplätze für Fachkräfte im Fahrbetrieb dagegen verdoppelt und soll weiter ausgebaut werden. Und wer sich in Hannover als Busfahrer oder Busfahrerin bewerben will, kann das seit diesem Jahr sogar per Whatsapp machen.
Erneute Ausfälle möglich
Wie es in der kommenden Woche weitergeht und ob es erneute Ausfälle einzelner Busfahrten gibt, kann die Hildesheimer Unternehmenssprecherin Lopes derweil noch nicht sagen. „Wir wären ja alle froh, wenn wir krankheitsbedingte Ausfälle einplanen könnten“, sagt sie, „aber dem ist nun einmal nicht so.“
