Tour mit der Feuerwehr

Falschparker als Dauerproblem für die Hildesheimer Feuerwehr – nun zeigen die Retter besonders betroffene Straßen

Hildesheim - Minuten können bei der Feuerwehr entscheidend sein. Das sind die Einsatzkräfte gewohnt. Doch sie werden in Hildesheim oft von wild geparkten Autos behindert. Das kostet Zeit – und die Autofahrer hohe Strafen. Eine Tour zeigt besonders neuralgische Straßen. (Mit Video)

Da kommt das Fahrzeug mit der Drehleiter mit seiner knapp zehn Meter Länge nicht vorbei: Das schwarze Auto hat zu dicht an der Kreuzung Goethestraße/Waterloostraße geparkt, auf der anderen Seite steht zudem ein Poller. Zugführer René Zürner (links) und sein Kollege Matthias Kellner von der Berufsfeuerwehr Hildesheim beraten kurz, wie dennoch der schnellste Weg zum Einsatzort sein könnte. Foto: Phillip Kampert

Hildesheim - Sechs Spiegel können nicht irren. Der Blick von Feuerwehrmann Matthias Kellner wandert immer hin und her. Er sitzt hinter dem Lenkrad und steuert den Einsatzwagen mit der Drehleiter – ein fast zehn Meter langes Fahrzeug. Vorsichtig manövriert der 36-Jährige es durch die enge Goethestraße in der Hildesheimer Oststadt. Das geht nur langsam, denn der 15-Tonner soll auf der beidseitig beparkten Strecke nirgendwo gegenstoßen. Doch er zirkelt das Einsatzfahrzeug routiniert durch die Straße, er kennt das Nadelöhr schon: langsam, Meter für Meter. Bis zur Abzweigung Waterloostraße. Da sieht der Fahrer schwarz. Genauer gesagt: ein schwarzes Auto. Das parkt direkt auf der Kreuzungsecke. Gegen sämtliche Verkehrsregeln.

Das hat sein Kollege René Zürner vorweg im Einsatzleitwagen sofort bemerkt. „Wie sollen wir da um die Ecke kommen – keine Chance“, sagt der Wachabteilungsleiter von der Hildesheimer Berufsfeuerwehr. Nun ist es an ihm, zu sagen, wie es weitergehen kann. Da gibt es mehrere Möglichkeiten: Rückwärtsgang, alternative Route oder etwa die ganz radikale Methode? Die bedeutet im Klartext, das Hindernis wird beschädigt oder gar auf die Seite gelegt, damit die Feuerwehr weiter zum Einsatzort gelangen kann.

Feuerwehr wird nicht selten ausgebremst

In den allermeisten Fällen geht es um kostbare, ja unverzichtbare Minuten: Je eher die Feuerwehr an der Unglücksstelle ist, desto größer die Chance, Gefahr zu bannen und abzuwehren. „Aber wir werden im Ernstfall tatsächlich nicht selten ausgebremst“, bringt es Zugführer Zürner auf den Punkt. Für die Feuerwehr ist es schon Alltag, dass sie auf Hildesheimer Straßen nicht durchkommt und durch parkende Autos behindert wird.

Genau diese neuralgischen Straßen in der Innenstadt möchte die Hildesheimer Berufsfeuerwehr nochmal sehr deutlich aufzeigen. Zusammen mit der HAZ fährt sie mit Einsatzwagen und Drehleiter an einem gewöhnlichen Freitagnachmittag los. Von der Wache am Kennedydamm geht es über die Katharinenstraße in Richtung Oststadt. „Hier rechnen wir immer mit Behinderungen, wissen bei der ersten Meldung schon, was uns da wohl erwarten könnte“, sagt Zürner und klingt durchaus etwas pessimistisch. Der gebürtige Hildesheimer hat eigentlich Landschaftsarchitektur und Umweltplanung studiert. Nun wird er in seinem Beruf als Feuerwehrmann immer wieder mit der fehlenden Weitsicht vieler Autofahrer konfrontiert. Viele wollen eben keinen Schritt zu viel zur eigenen Wohnung laufen, das sagt er mehr so leise vor sich hin. Eine gefährliche Bequemlichkeit, die dramatische Folgen haben kann.

Die vielen Baustellen derzeit in der Oststadt erschweren die Situation noch zusätzlich. „Ist eine Straße gesperrt, fallen folglich weitere Parkplätze weg“, weiß Zürner. So zum Beispiel derzeit in der Binderstraße. Da seien mitunter schnell 50 zusammen. Der Stadtordnungsdienst scheint da vor Ort längst für viele nicht abschreckend genug zu sein. „Der kontrolliert die einschlägig bekannten Straßen regelmäßig und ahndet Verstöße“, bestätigt Stadtsprecher Helge Miethe. Aber die Abstell-Kreativität vieler Fahrzeug-Eigentümerinnen und -Eigentümer kennt offensichtlich keine Grenzen: zu dicht an Bäumen, zu weit in Einfahrten, zu nah an Hydranten oder eben gänzlich ohne Abstand an der Kreuzung.

Der Wendekreis ist groß, die Straße eng

Wie soll die fahrbare Feuerwehr-Drehleiter da um die Ecke kommen? Zumal wenn noch Poller auf der anderen Seite der Waterloostraße den Wendekreis drastisch minimieren? Die beiden Feuerwehrmänner demonstrieren, wie wertvolle Sekunden bei einem Brand oder Unfall in solchen Situationen dahinschwinden können. Auf dem Gehweg bleiben an diesem Nachmittag die ersten Passanten stehen, zwei Nachbarinnen schauen von oben aus dem Fenster. Rotierendes Blaulicht auf der Stelle? Was ist denn hier schon wieder los?

Nun, diesmal ist es nur ein Probelauf. „Im Ernstfall müssen wir immer sehr schnell reagieren, fahren notfalls auch durch Baustellen“, erklärt René Zürner. Natürlich nicht auf Biegen und Brechen. Sondern es gibt bei der Feuerwehr Experten aus dem vorbeugenden Brandschutz, die von vornherein mit planen: Wo können die Retter im Ernstfall durchkommen?

Frage: Wenn es jetzt im Hildesheimer Rathaus brennen würde, käme die Feuerwehr dann mitten durch die große Baustelle aktuell in der gesperrten Rathausstraße – Baken auf und durch? „Notfalls ja, die Decke ist dort bereits wieder geschlossen. Und wir wissen, dass sie die 15 Tonnen der Drehleiter halten würde“, sagt der Wachabteilungsleiter.

Aber: Das muss nicht unbedingt die schnellste Variante sein. „Wahrscheinlicher ist, dass wir über den Kurzen Hagen auf den Marktplatz fahren.“ So wie gerade erst bei einem Fehlalarm Anfang der Woche, der bei der Sparkasse Hildesheim ausgelöst wurde und sofort einen kompletten Löschzug heraneilen ließ.

Zum Ende der Fahrt geht es noch durch die Gartenstraße – auch hier parken die Autos dicht links und rechts. Selbst im absoluten Halteverbot bei der ansässigen Fahrschule. Das 2,50-Meter breite Drehleiter-Fahrzeug kommt zwar einigermaßen durch. Aber: Würde es in einem der hohen Mehrfamilienhäuser oben lichterloh brennen, hätten die Retter schon wieder ein Problem: Um die 30 Meter lange Rettungsleiter ausfahren zu können, sind vier seitliche Stützen am Fahrzeug nötig – jeweils mindestens zwei Meter zusätzlich für die Standsicherheit. Ist es zu eng, kann die Leiter nicht in Stellung gebracht werden und somit niemand in die benötigte Höhe.

Betroffen sind auch Marienburger Höhe, Fahrenheitgebiet, Nordstadt

„In meiner Zeit hier hatten wir so einen Fall noch nicht. Auch mussten wir bislang noch kein Auto komplett aus dem Weg räumen, haben immer eine andere Lösung gehabt“, sagt der 36-jährige Zürner. Doch er ist erst seit einem Jahr bei der Berufsfeuerwehr in Hildesheim. Und sein Kollegium hat ihm schon so einiges erzählt – von der Marienburger Höhe, dem Fahrenheitgebiet, dem Moritzberg oder der Nordstadt beispielsweise. Das sind längst noch nicht alle Ecken, in denen es für die Feuerwehr eng werden könnte. Was er weiß, dass es für Falschparker, die einen Rettungseinsatz behindern, richtig teuer werden kann: 100 Euro und einen Punkt in Flensburg. Und der Blechschaden, der bei dem entfernten Falschparker zwangsläufig verursacht werden musste, der ist dabei noch gar nicht einberechnet.

 

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