Hohenhameln - Am Rosenmontag geben die Narren Vollgas. Besonders in Hohenhameln. Dort zieht der Oberochse Thomas Sobotta die Fäden – noch. Am Montag wird der neue Oberochse in Bad Hohalia gekürt. Anlass, erst mal dem Vorgänger auf den Zahn zu fühlen. Damit der aus dem Nähkästchen des Karnevals plaudert.
Warum sind Sie jetzt nicht in Köln?
Weil ich persönlich eigentlich nie ein großer Karnevalsfan war.
Wie bitte?
Gut, in jungen Jahren gefiel mir Kinderfasching und so auf dem Dorf, aber sonst hat mich das nie so groß interessiert. Aber in Hohenhameln hat sich das aus Zufall ergeben.
Wie kam es dazu?
Der Club der Oberbürgermeister ist in Hohenhameln ein Verein mit Tradition, er ist schon über 70 Jahre alt. Und als neuer Oberochse, der die Sitzung am Rosenmontag organisiert, wird man ja „eingefangen“. Da fiel die Wahl halt auf mich. Und ja, meine Frau und ich haben zugesagt, dass wir da mitmachen wollen.
Warum?
Mir ist hier immer schon dieser Verein aufgefallen – die Männer mit diesem schwarzen Kutscherrock, dem eleganten Zylinder. Also das machte besonderen Eindruck auf mich. Das hat etwas Ehrwürdiges, das fand ich toll und interessant. Und es gab einige Bekannte, die mich angesprochen haben – ich fand’s einfach spannend, dabei zu sein.
Viele sagen, Fasching hierzulande ist doch nur ein müder Abklatsch vom Karneval in den Hochburgen. Was sagen Sie?
In Hohenhameln wird die Rosenmontagssitzung sehr gern besucht. Die Leute freuen sich total auf diesen Termin. Es ist eine tolle Show. Man kennt die Leute auf der Bühne, man kennt die Leute, die Musik machen, und die, die alles organisieren. Das ist eben Dorfleben. Also nicht nur eine langweilige Kopie.
Wie schafft man das?
Es hat sich eine Eigendynamik entwickelt. Wir wollen niemanden nachmachen. Also wir gucken nicht nach Köln oder Düsseldorf, sondern wir haben hier unsere eigenen Sachen.
Wozu braucht eine Gemeinde wie Hohenhameln einen Oberochsen?
Der Name kommt nicht von ungefähr. Denn man geht auf eine Ochsentour. Jedes Jahr wird der Ochse gewählt, der dann für den nächsten Rosenmontag hauptsächlich verantwortlich ist. Das ist halt sehr viel Arbeit: Man organisiert die Gruppen, man kümmert sich um die Bürokratie, darum, dass man die Halle nutzen kann. Man organisiert die Feuerwehr. Man schaut nach Sponsoren. Es gibt dabei natürlich Hilfe aus dem Club der Oberbürgermeister.
Karneval heißt vor allem, sich zu verkleiden, mal ganz anders herumzulaufen. Sind Sie lieber kostümiert oder in Zivil unterwegs?
Alles zu seiner Zeit. Ich sag’ mal so, für mich gehört bei einer Veranstaltung wie der Rosenmontagssitzung ein Kostüm dazu.
Was ist Ihr Lieblingskostüm?
Wir versuchen, eigentlich jedes Mal was Neues zu machen. Da gibt es keinen Favoriten. Einmal bin ich als Oma gegangen – mit grauer Perücke. Und dann auch mal als Cowboy, aber das war auch bezogen auf meine Tanzgruppe, in der ich Mitglied bin.
Ist Karneval ein antiquierter Brauch, der sich irgendwann totläuft?
Gute Frage. In Hohenhameln stoßen immer wieder Jüngere zu uns. Der Verein hat eine schön verteilte Altersstruktur. Wir haben eben die Aktivisten, die sind zwischen 40 und 60, die anpacken, die Bühne aufbauen. Also ich denke, hier wird es bestimmt weitergehen. Also ich denke, in Hohenhameln wird der Karneval bestimmt nicht einschlafen.
Und anderswo?
Das Vereinsleben allgemein leidet ja darunter, dass die Leute doch lieber zu Hause am Computer sitzen oder Fernsehen gucken. Es gibt schon Orte, wo Karneval richtig gelebt wird. In Sievershausen im Kreis Peine etwa. Da gibt es gleich drei Sitzungen.
Warum stellen Sie sich an die Spitze der Karnevalisten?
Man kann sich nicht für den Oberochsenposten bewerben, man wird rausgesucht. Und dann kann man zusagen oder absagen. Und gut, durch meinen Job als Abteilungsleiter bin ich Organisieren gewohnt, also kann ich auch im Vereinsleben Aufgaben übernehmen.
Hat man Sie dazu gedrängt?
Das würde ich nicht sagen. Ich habe mir’s überlegt und dann zugesagt. Der nächste Schritt ist, dass man die Ehepartnerin mit ins Boot holt. Die anderen im Verein haben es ihr nett und einfach dargestellt. Ich war sehr skeptisch, weil ja doch viel Arbeit dranhängt. Doch dann war sie einverstanden. Bei mir ging es schneller mit dem „Ja“.
Wenn Sie im Fernsehen Karnevalssitzungen oder Umzüge sehen, was geht da in Ihnen vor?
Die schaue ich mir gar nicht an.
Das überrascht. Und warum nicht?
Das hat mich nie so interessiert. Gut, wenn in den Nachrichten irgendwas läuft, ja. Aber dass ich bewusst eine Karnevalssendung anschaue? Nee, das nicht.
Beenden Sie bitte den Satz des Karnevallieds, „denn wenn et Tömmelsche jeht“…
Können wir alle Helau rufen.
Das stimmt leider nicht. Es geht so weiter … „dann stonn mer all parat.“
Ja. Okay. Aber was ist das denn? Ist das Kölsch?
Genau. Und was halten Sie eigentlich von Schunkelmusik?
Die gehört mit dazu. Man braucht ein buntes Spektrum, aber nur mit dieser Musik wäre es vielleicht langweilig. Es ist schön, wenn man die Zuschauer einbeziehen kann, sodass sie auf ihren Plätzen mitmachen.
Sind Sie also kein Schunkel-Fan?
Nicht unbedingt.
Was unterscheidet Ballermann- von Karnevalsstimmung?
Ballermann ist oberflächlicher. Es geht um Alkoholkonsum. Im Karneval dagegen gibt es auch gewisse intellektuelle Inhalte, rhetorisch ausgefeilte Büttenreden, Kunst in Form von Tanz und Musik. Das bedeutet, dass man jemandem was bieten muss und möchte. Beim Ballermann ist es so: Man hat selbst einfach Spaß und muss sich um nichts kümmern. Das ist ein großer Unterschied.
Wodurch zeichnet sich Hohenhamelner Humor aus?
Humor ist vielschichtig. Aber ich kann sagen, unser Humor ist norddeutsch direkt. Da gibt es schon einige Sprüche. Zum Beispiel musste unser Bürgermeister schon manchen Anranzer ertragen. Da gibt es direkte Ansprachen.
Sie werden ja am Rosenmontag eine Rede halten. Worum geht’s?
Bei jedem Oberochsen gibt es ein Motto. Und bei mir heißt das Motto: „Bei mir stimmt die Chemie.“ Weil ich doch in der Chemie-Industrie arbeite. Und da wird halt so ein bisschen drumherum philosophiert. Dazu stelle ich mich mit einem Gedicht vor. Es geht darum, wo man herkommt, was man macht, welche Hobbys man hat.
Sie haben eine Tochter und einen Sohn. Lieben die auch den Karneval?
In jungen Jahren waren sie beim Kinderfasching dabei. Jetzt macht meine Tochter bei einer Tanzgruppe mit. Mein Sohn hält sich eher ein bisschen zurück.
Verkleiden die beiden sich am Rosenmontag?
Mein Sohn hat ein Drachenkostüm. Meine Tochter wird von ihrer Tanzgruppe angekleidet.
Sie sind also für immer eingefleischter Karnevalist in Hohenhameln oder fahren Sie vielleicht doch dann mal in die Hochburg nach Köln? Oder Düsseldorf?
Das hat sich bisher nie so ergeben. Aber es war schon mal geplant, sich mit Freunden und Familie das Kölner, Düsseldorfer oder Mainzer Geschehen anzuschauen.
Ihr Tipp für Leute, die es im Karneval mächtig krachen lassen wollen?
Die sollten irgendwann nach Hohenhameln kommen und unsere Sitzung erleben. Wir bieten flotte Musik. Ein Programm mit Schunkeln, Klatschen, Jubel, Tanz und vielen Musikrichtungen. Das Publikum wird auch immer eingebunden. Es gibt auch sehr inhaltsstarke Büttenreden. Ich kann mich an keinen Auftritt erinnern, nach dem es hieß: Mensch, das war wohl nix.
Also dann: Karneval für immer, Karneval ohne Ende?
Solange ich laufen kann, werde ich dabei sein, ja. Einmal im Verein, dann ist man immer mit dem Herzen dabei. Man weiß ja, worauf man sich einlässt. Ich mache noch 40 Jahre weiter.
Zur Person
Thomas Sobotta ist verheiratet und hat zwei 13 und 15 Jahre alte Kinder. Der 56-Jährige lebt in Hohenhameln. Er arbeitet bei dem Unternehmen Petrofer in Hildesheim als Abteilungsleiter Labor und dazu auch Leiter der Qualitätskontrolle. Er ist seit einem Jahr im Club der Oberbürgermeister Bad Hohalia. Das hohe Amt des Oberochsen gibt er nun wieder ab, dem Karneval will er natürlich treu bleiben.
Die Karnevals-Termine für die Region
Wer in der fünften Jahreszeit feiern will, hat dazu vielerorts Gelegenheit. Eine Auswahl: In der Gemeinde Schellerten gibt es einen Rosenmontagsnachmittag der Ortsfeuerwehr Farmsen am 16. Februar ab 15 Uhr im Feuerwehrhaus. Das Faschingsvergnügen der Ortsfeuerwehr Bettmar startet am 14. Februar um 19 Uhr im Feuerwehrhaus. Beginn des Kinderfaschings in der Sporthalle in Schellerten ist am 16. Februar um 15 Uhr. Der Kinderkarneval im katholischen Pfarrheim in Wöhle beginnt am selben Tag um 16 Uhr. Und ebenfalls am 16. Februar richtet der ökumenische Dorfverein Dingelbe seinen Kinderfasching ab 15 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus aus.
In Hohenhameln heißt es „Bad Hohalia, Helau!“. Der Club der Oberbürgermeister lädt am 16. Februar zur Rosenmontag-Fastnachtssitzung in der Mehrzweckhalle ein. Der Einlass beginnt um 18 Uhr, der Einmarsch der Oberbürgermeister ist für 19 Uhr angesetzt. Zum Programm gehören außerdem ein Auftritt der Funkengarde, Büttenreden und die Wahl des neuen Oberochsen. Karten gibt es im Papierhaus Haefke und an der Abendkasse. In der Samtgemeinde Baddeckenstedt wird es ebenfalls bunt. Einen Umzug gibt es in der Grundschule Groß Elbe, der am Rosenmontag auf dem Schulhof gegen 10.30 Uhr losgeht. Der Groß Elber Karnevalsverein ist mit guter Laune und Kamelle dabei. Und was ist mit Hildesheim? „In der Stadt Hildesheim ist der Vereinskarneval auf Eis gelegt. Auf dem Land ist dagegen was los“, sagt Präsidentin Christa Bosse, Präsidentin der Hildesheimer Funken, die auf Besserung hofft.
