Kreis Hildesheim - Das Flüsschen Glene rauscht durch den Wald bei Alfeld. Das Wasser ist klar. Eine angenehme Kühle herrscht hier. Die populäre Lippoldshöhle zwischen den Bäumen ist nah, fröhliches Kindergeschrei schallt, Ausflügler aus Lippstadt und Düsseldorf wollen den Felsen erklimmen. Geschäftiges Treiben herrscht hier im Brunkenser Forst. Die Leute ahnen nicht, was sich ganz in der Nähe verbirgt. Relikte eines alten Schwimmbads.
Bernd Sürig, 80 Jahre alt und Ur-Brunkenser, kennt die Gegend seit Kindesbeinen. Und den Weg durchs nur schwer zu durchdringende Dickicht. „Ich habe hier schwimmen gelernt“, sagt der Mann, der an diesem warmen Tag Kreisheimatpflegerin Paloma Klages und den Reporter von der HAZ wie ein Scout durchs Grün lotst. Es geht buchstäblich über Stock und Stein – hinein ins Gestrüpp. Geäst mit Dornen, Brennesseln, Sträucher und gefällte Bäume versperren den Weg. Mitunter kann man nur noch durchs Unterholz kriechen. Es ist anstrengend. Doch der Weg ist eben das Ziel.
Bassins mit Brunnenwasser
Endlich sind zwei wuchtige Betonbecken zu erkennen. Noch kann man sie sehen, doch der Wald verschluckt die Anlage allmählich. Die Ränder sind vermoost. „Die Natur erobert sich diesen Ort zurück“, sagt Bernd Sürig. Als Junge hat er 1952 in den mit Brunnenwasser gefüllten Becken geschwommen. Man braucht etwas Fantasie, um sich dies heute vorzustellen. Doch alte Bilder dokumentieren die Zeit des Schwimmbads, das die Brunkenser angeführt vom Hauptlehrer August Strohmeier selbst gebaut und bis 1966 genutzt haben.
„Dann kamen die Auflagen. Eine Umwälzpumpe sollte her und so“, sagt Sürig. Es war zu viel Aufwand, all dies zu erfüllen. Also kam das Aus des Schwimmbads.
Blick auf dunkle Vergangenheit
Auch Kreisheimatpflegerin Klages war schon öfter an diesem verlassenen Ort. „Es gab hier früher auch eine Eisenbahnstrecke“, blickt sie zurück. Davon ist jetzt so gut wie nichts mehr zu sehen. Nur ein paar Betonteile erinnern an sie. Der Bahnstreckenabschnitt zwischen Brunkensen und Delligsen war wichtig, um die Nazi-Kriegsanlage, auf die das Schwimmbad zurückgeht, ans Schienennetz anzubinden. Denn dort wurde zwischen 1944 und 1945 aus Rohöl Diesel und Benzin hergestellt. Wichtiger Treibstoff, damit die Kriegsmaschinerie auch in der Endphase des Regimes noch irgendwie weiterlaufen konnte. Damit Fahrzeuge der Wehrmacht vom Fleck kamen.
Die Brunkenser Produktionsstätte war dem Alfelder Stadtheimatpfleger Matthias Quintel zufolge eine Kleindestillationsanlage mit der Tarnbezeichnung Ofen III und IV. Viele solcher Stätten wurden im Rahmen des „Geilenberg-Programms“ ab 1944 im ehemaligen Reichsgebiet in Regie einer Sondereinheit errichtet, versteckt in Steinbrüchen oder unterirdischen Räumen. Im Glenetal wurden monatlich rund 6000 Tonnen Erdöl zu 700 Tonnen Benzin und 2000 Liter Dieselöl verarbeitet.
Verdeckt unter Tarnnetzen
Das Rohöl kam mit Kesselwagen aus dem Raum Celle-Nienhagen per Bahn über die Strecke Duingen-Delligsen. Per Kleinbahn war das Werk mit dem Bahnhof Hohenbüchen verbunden. Das Dieselöl wurde im Raum Hannover (Tarnname „Meise“) weiter verarbeitet, die Rückstände zu Schmieröl in Porta-Westfalica („Dachs I“).
Versteckt war der Produktionsort unter Tarnnetzen. Damit Bomberpiloten der Alliierten die Anlage, die in der Nähe einer Landstraße liegt, nicht entdecken konnten. Die Kampfflieger orientierten sich unter anderem an Straßen. Falls die Flugzeug-Besatzungen die Becken gesehen hätten, wären diese wohl schon bald unerbittlich attackiert worden.
Das weiß auch Zeitzeuge Sürig, der in kurzer Hose und mit Sandalen an den Füßen in traumwandlerischer Sicherheit durch den Wald stapft. Er bleibt kurz an einem dornigen Ast hängen. Dann geht’s weiter. Im Gestrüpp stößt der 80-Jährige plötzlich auf einige Metallteile.
„Das waren Fahrradständer.“ Auch ein paar Reste eines Geländers liegen herum. Und weiter führt Sürig seine Begleiter durch den Wald – und berichtet von den alten Tagen.
„1946 haben die Engländer die Becken leergepumpt“, erzählt er. Einige Jahre später wurden diese umfunktioniert. Die Besitzerin des Grundstücks, Lilly Schmold, erlaubte den Umbau und die Benutzung des Geländes. „Dafür sorgten die Menschen aus Brunkensen. Und vor allem Lehrer Strohmeier“, sagt Sürig. Es war eine schmutzige Schufterei, unter anderem den alten Putz abzuklopfen, dann die Betonwände zu isolieren, den Putz zu erneuern – und die Anlage Schritt für Schritt umzuwandeln.
Eine Treppe und Geländer wurden errichtet, hinzu kamen Schuppen als Umkleiden und um dort Geräte abzustellen. Duschen wurden installiert. Auch ein Podest entstand, um von dort ins Wasser zu springen.
Ein Behälter speiste die einst weißen Bassins. Dafür sorgte eine elektrische Pumpe. Alle Arbeiten erledigten die Brunkenser in Eigenleistung, zudem halfen Material- und Geldspenden weiter. Und dann waren die beiden Becken fertig – eins für Nichtschwimmer, das andere gleich nebenan für die anderen Badegäste. Und wenig später ging’s über die Jahre für tausende Menschen aus Brunkensen und Umgebung hinein ins Nass zwischen den Bäumen.
Rettungsschwimmer überwachen die Anlage
Mehrere junge Rettungsschwimmer überwachten das Schwimmbad. „Einige Frauen sorgten dazu als Aufseherinnen für Zucht und Ordnung“, schildert Sürig das Szenario – damit in der ehrenamtlich betriebenen Anlage nichts aus dem Ruder lief. Träger war die Schwimmabteilung des TSV Brunkensen.
Für kleines Geld konnte man dort planschen. Doch nach dem Füllen der Becken war dies nicht für jeden ein Vergnügen. „Das Wasser war nach dem Einlassen um die 14 Grad kalt“, erinnert sich Sürig. Aber das galt es auszuhalten. „Und wenn sich das Wasser über zehn Tage zu sehr aufheizte, wurde es abgepumpt.“ Danach mussten sich die Leute ins Zeug legen und die Algen von den Wänden mit Besen schrubben, bis die Becken endlich wieder in Schuss waren – und neues Wasser in sie strömte und sie auch wieder dem Sportunterricht dienen konnte.
Lehrer Strohmeier von der Volksschule Brunkensen wollte, dass möglichst viele Schüler Freischwimmer wurden. Das hatte er sich 1948 fest vorgenommen – und setzte seine Idee schließlich in die Tat um. „Fast alle Schüler bestanden und bekamen das Freischwimmer-Zeugnis“, freut sich Sürig.
Er und viele andere Menschen aus dem Ort sind auch heute noch stolz darauf, was die Bürger vor gut 70 Jahren alles geleistet haben. Sürig hebt selbst einen Schwung alter Schwarz-Weiß-Fotos auf, Kleinformate mit einem rauen weißen Rand. Sie zeigen Szenen der Brunkenser Geschichte. Manche entstanden während des Schwimmbadbaus, ein anderes zeigt ein fröhliches Paar mitten im Wasser.
Es gibt zudem eine Ausstellung des örtlichen Heimat- und Kulturvereins. Und durch die Berichte der Zeitzeugen oder ihrer Nachkommen sowie die unermüdliche Forschungsarbeit von Heimatpflegern und -Heimatpflegerinnen wie etwa Paloma Klages gerät diese Ära des Hildesheimer Südkreises nicht in Vergessenheit. Zudem plant die Stadt Alfeld dem Heimat- und Kulturverein zufolge einen Hinweis auf die Anlage auf einer Tafel am Waldrand.
Graue Überreste
Das würde auch Sürig gefallen, der wieder aus dem Wald schlüpft – vorbei ist an diesem Tag der etwas abenteuerliche Streifzug durch den Forst, der die grauen Überreste des Schwimmbads nach und nach zuwuchert. Von denen dürfte in wenigen Jahren nichts mehr zu sehen sein.
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