Beben in Bockenem

Fragen und Antworten zum Meteor-Verkauf

Bockenem - Der zweitgrößte Arbeitgeber im Kreis Hildesheim bekommt neue Eigentümer. Was wollen die? Warum wollen die Japaner nicht mehr? Und was sagt der Betriebsrat?

Axel Geuer (rechts) ist mit seiner Firma Aequita bald der starke Mann bei Meteor. Katsumi Saito von Toyoda Gosei verlässt Bockenem in einigen Wochen. Foto: Tarek Abu Ajamieh

Bockenem - Die bewegte Geschichte der Meteor Gummiwerke bekommt ein neues Kapitel. Zwei deutsche Investoren kaufen dem japanischen Konzern Toyoda Gosei den Bockenemer Automobil-Zulieferer ab. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wer ist Aequita?

Der künftige 90-Prozent-Eigner aus München ist ein Finanzinvestor. Und damit die Sorte Unternehmen, die vielen Mitarbeitern Sorgenfalten auf die Stirn treibt – weil solche Unternehmen oft möglichst schnell möglichst viel sparen wollen – gern durch Personalabbau – um dann die Firma als Ganzes oder in Teilen mit Gewinn weiterzuverkaufen. Aequita sei anders aufgestellt, betonte Gründer und Verwaltungsrats-Chef Axel Geuer am Freitag in Bockenem: „Wir sind selbst auch ein Familien-Unternehmen und setzen unser eigenes Geld ein. Und nicht das von Anlegern, die dann schnell Rendite fordern.“ Es gebe keine Verkaufsdruck, die Beteiligung könne auch langfristig sein: „Da gibt es keine zeitlichen Grenzen.“ Aequita sei spezialisiert auf Situationen wie die bei Meteor, „wo eine Firma in angespannter wirtschaftlicher Lage aus einem Konzern herausgelöst wird“.

Wer ist Prettl?

Die Prettl-Holding ist ein großer deutscher Automobil- und Industrie-Zulieferer. Vom baden-württembergischen Pfullingen aus steuern die Brüder Erhardt und Rolf Prettl knapp 10000 Mitarbeiter in aller Welt. Die Unternehmensgruppe liefert zahlreiche Komponenten für Autos – Gummi-Produkte wie Dichtungen sind bisher aber nicht darunter. Im Landkreis Hildesheim ist das Unternehmen kein Neuling: Von 2003 bis 2008 beschäftigte die Tochtergesellschaft Prettl Adion zwischenzeitlich bis zu 300 Mitarbeiter im Bad Salzdetfurther TecCenter. Das Werk war ein Zulieferer von Blaupunkt und wurde im Zuge der dortigen Krise geschlossen.

Was wird verkauft?

Neben dem Stammsitz in Bockenem und dem noch 70 Mitarbeiter starken Werk in Worbis (Eichsfeld) übernehmen die neuen Eigentümer auch die US-Tochter Meteor Sealing Systems mit rund 350 Mitarbeitern in Dover im Bundesstaat Ohio.

Warum hatte Toyoda Gosei Meteor 2014 erworben?

Im Februar 2014 sprach Atsushi Sumida, der neue Chef aus Japan, noch davon, unter dem Dach von Toyoda Gosei könne Meteor zum „Weltmarktführer für Dichtungssysteme“ werden. Beide Seiten würden profitieren: Meteor ermögliche Toyoda Gosei einen deutlich besseren Zugang zu den deutschen Automobil-Herstellern. Die Bockenemer wiederum könnten mithilfe des Konzerns in Fernost und Nordamerika wachsen.

Was ging schief?

Offenbar gelang es den Japanern nicht, Probleme, die schon bei der Insolvenz eine Rolle gespielt hatten, wirklich zu lösen. In seinen jüngsten Geschäftsberichten räumte Toyoda Gosei Meteor unter anderem hohe Kosten durch zu viel Ausschuss und durch Lieferprobleme ein. Zudem versuchte der Konzern, Teile der Produktion in die Tschechische Republik und nach Rumänien zu verlagern. Doch der Aufbau der dortigen Fabriken klappte nicht so schnell wie erhofft. Bereits mit Blick auf die geringeren Lohnkosten in Osteuropa angenommene Aufträge mussten deshalb in Bockenem abgearbeitet werden.

Was dazu führte, dass Meteor am Stammsitz mit jetzt 1130 Mitarbeitern und 170 Leiharbeitern gegenüber dem Zeitpunkt der Übernahme wieder Personal einstellte, weil mehr zu tun war – im gleichen Zeitraum aber auch die Verluste stiegen. Mehr als 30 Millionen Euro waren es allein im Geschäftsjahr 2018/2019 (Meteor bilanziert vom 1. April eines Jahres bis zum 31. März des nächsten). Miese, die der Mutterkonzern ausgleichen musste – was er aber nicht ewig tun wollte.

Der scheidende Geschäftsführer Katsumi Saito schilderte die Lage durchaus selbstkritisch. Und auch Axel Geuer als Chef des neuen Mehrheitseigners Aequita deutete Probleme an: „Es sind zuletzt vielleicht nicht alle Entscheidungen stringent getroffen worden. Das hing sicher auch mit dem Strategiewechsel des gesamten Konzerns zusammen.“ Personalchef Andre Matz gab zu: „Im Konzern sind viele Entscheidungswege länger, hinzu kam mitunter die Sprachbarriere.“

Der Betriebsrats-Vorsitzende Olaf Reipert monierte gegenüber der HAZ zudem, Toyoda Gosei habe zu wenig investiert und nicht konsequent genug erfolgreiche Bereiche gestärkt und Verlustbringer gekappt.

Was wollen die neuen Eigentümer?

„Wir wollen Meteor möglichst rasch auf einen positiven Pfad bringen“, betonte Aequita-Chef Geuer. Dazu schicke man eigene Experten in die Führung des Unternehmens, sie sollten aber mit den bisherigen Führungskräften zusammenarbeiten. Seine Erfahrung mit Situationen wie bei Meteor sage ihm, „ der Schlüssel zum langfristigen Erfolg liegt in der Rückkehr von Kunden, in zusätzlichen Aufträgen“. Ein „Gesundschrumpfen“ bringe in aller Regel vielleicht für ein oder zwei Jahre bessere Zahlen, sei aber nicht nachhaltig. Als Garantie für die Belegschaft wollte er das freilich nicht verstanden wissen: „Es ist zu früh für Aussagen zur nötigen Personalstärke.“

Geuer kündigte insgesamt schnellere Entscheidungen an. „Wir sind kein Konzern, die Wege werden kürzer.“ Mit Blick auf die nach Osteuropa verlagerten Teile der Produktion sagte er: „Ziel ist so viel Wertschöpfung wie möglich innerhalb von Meteor. Wir müssen schauen, ob sich vielleicht sogar eine Rückverlagerung nach Deutschland rechnet oder ob es andere Lösungen gibt.“

Was wird aus der Umstrukturierung?

Toyoda Gosei Meteor hatte bereits Veränderungen angestoßen, wollte die Schwerpunkte innerhalb des Unternehmens verlagern. Dazu gehört auch ein Qualifizierungs-Programm, mit dem langjährige Mitarbeiter, die in der Konfektion nicht mehr benötigt werden, durch eine neue Berufsausbildung für die auszubauende Extrusion fit gemacht werden –mit massive finanzieller Unterstützung der Agentur für Arbeit. „Erst einmal führen wir das fort, werden dann aber natürlich untersuchen, ob es aktuell noch passt“, sagte Geuer.

Wie reagiert die Belegschaft?

„Überrascht, aber positiv“ – so beschrieb der Betriebsrats-Vorsitzende Olaf Reipert am Freitag seine Stimmung. Im Lauf der Betriebsversammlung am Freitagnachmittag habe sich die Stimmung von anfänglicher Skepsis zu vorsichtigem Optmismus gewandelt. „Die Belegschaft hat Veränderungen erwartet, und die sind auch nötig.“ Die Mitarbeiter hätten Toyoda Gosei am Ende nicht mehr zugetraut, die Wende bei Meteor zu schaffen. Die neuen Eigentümer wollten Geschäft und Kernkompetenzen in Deutschland erhalten und zudem investieren – „das brauchen wir auch, um wettbewerbsfähig zu sein“.

Freilich sind das alles Dinge, die Toyoda Gosei so oder so ähnlich vor fünf Jahren auch versprach, dennoch nimmt Reipert den künftigen Eignern ihre Ankündigungen ab: Bei Aequita und Prettl sei der Wille zum langfristigen Engagement erkennbar und spiegele sich auch in der Historie beider Unternehmen.

Peter Winkelmann von der Gewerkschaft IG BCE reagierte ebenfalls erfreut: „Das war ein starker Auftritt der künftigen Eigentümer. Sie haben Führungskompetenz, Expertise, finanzielle Ressourcen und langfristige Pläne –das ist alles gut für den Standort.“

Auch Personalchef Andre Matz riet der Belegschaft zur Zuversicht: „Dass beide künftigen Eigentümer Familien-Unternehmen sind, ist auf jeden Fall ein starkes Signal.“ Es solle nun auch nicht so aussehen, als sei bei Toyoda Gosei alles schlecht gewesen: „Aber Tatsache ist, dass Entscheidungswege in einem Konzern länger sind und es manchmal auch Sprachbarrieren gab.“ Die Zeit sei gleichwohl „eine wichtige Erfahrung“ gewesen, man habe viel dazugelernt.

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