Hildesheim/Bremerhaven - Auf dem Sonnendeck herrscht noch ungewohnte Leere. Erst vereinzelt sind die gepolsterten Liegen auf dem Luxusliner belegt. „Guck mal, da kommt schon der Kapitän“, flüstert ein Mann seiner Begleiterin am Swimmingpool zu. Sie dreht den Kopf um, guckt über die Sonnenbrille entlang am blauen 25-Meter-Becken und nickt kurz. Aha, der Boss schon an Bord. Der Mann in Uniform bleibt in einiger Entfernung kurz stehen. An der Reling aus Edelstahl und blitzblankem Glas atmet er einmal tief durch. Salzige Luft mit einem Hauch Diesel. Dass er eine unruhige Nacht hinter sich hat, ist ihm nicht anzumerken. Braungebrannt, weißes Hemd, weiße Hose, drei goldene Streifen auf der Schulter – jeder registriert sofort: Das ist einer von der Crew. Aber es ist nicht der Kapitän, es ist der Schiffsarzt.
Solche Verwechslungen kennt Kurt Machens schon. Und er mag es, im Blickpunkt zu sein. Ob in der weißen Schiffsoffiziers-Uniform oder früher mit der schweren Oberbürgermeister-Kette – der Mann kann repräsentieren. Nur die Schulterklappe mit der kleinen goldenen Schlange am Äskulapstab gibt ihn klar als Vertreter des medizinischen Standes zu erkennen. Im Vorbeigehen spendiert der Hildesheimer dem neugierig guckenden Paar sein sonnigstes Nicken und weiß genau, dass er jetzt noch ein Weilchen Gesprächsthema bleibt.
Senior Doc – so steht es auf seinem kleinen Namensschild
So ist das eben an Bord: Hier ist der Kapitän so etwas wie der König, die restlichen Offiziere mit den goldenen Streifen sein Hofstaat. Deren Wichtigkeit im ganz eigenen Kosmos Kreuzschiff hat schon die beliebte TV-Serie Traumschiff jahrelang in den Köpfen verankert. Und diese vorauseilende Ehrfurcht schwappt auch über auf den Hildesheimer Senior Doc – so steht es auf seinem Namensschild am Hemd. Einen Arztkittel braucht es auf dem Luxusliner nicht.
Seit acht Jahren fährt Kurt Machens mittlerweile zur See – raus aus dem Hildesheimer Pott, rauf auf die ganz großen Pötte. Eine Entscheidung nach seiner Abwahl als Oberbürgermeister im Jahr 2014. Mehr als 19 Jahre war er der oberste Repräsentant der Stadt, der einst mit dem selbstbewussten Wahlkampfslogan „Jetzt kommt Kurt!“ antrat. Beliebt war er wie umstritten. Das ist vorbei. Dem Rathaus als Verwaltungschef und auch seinem anderen Arbeitgeber, dem St. Bernward Krankenhaus, hat der 69-jährige Mediziner komplett den Rücken gekehrt, ein neues Kapitel in seinem Leben angefangen.
Hier auf dem Schiff kann ich zwei Leidenschaften verbinden: Medizin und Menschen
„Hier auf dem Schiff kann ich zwei Leidenschaften verbinden: Medizin und Menschen“, sagt er mit seiner sonoren Stimme, mit der er als Politiker aus dem Stegreif eloquente Reden halten konnte. Dafür war er bekannt. Reisen ist jetzt das neue Ziel. So tourt er als Schiffsarzt sechs Monate im Jahr über die Meere, tauscht seine großzügige Dachgeschosswohnung mit Blick über Hildesheim gegen eine Zwölf-Quadratmeter-Kabine mit Bullauge – im Dienst der Hamburger Reederei TUI Cruises.
Die Crew besteht aus rund 1000 Bediensteten
Mein Schiff 1 – so nennt der Reisekonzern schlicht seinen größten Kreuzfahrtriesen, einen 200 000-Tonnen-Koloss mit einer Bettenzahl im vierstelligen Bereich und einer Schiffsschraube von der Höhe eines Zehnmetersprungturms. Noch hat der Mega-Liner in Bremerhaven festgemacht, sicher vertraut mit armdicken Seilen an den Kai-Pollern. Bettenwechsel. An die 3000 Passagiere werden in den nächsten Stunden die schwimmende Hotellerie fluten, in der man sich von morgens bis abends verwöhnen lassen kann: acht Restaurants, 15 Bars, Kinos, Theater, Spa- und Fitnessbereich, eine Ladenzeile von der Kunstgalerie bis zum Tattoo-Studio. Die Crew besteht aus rund 1000 Bediensteten. Es geht ja auf dem opulenten Kreuzfahrtschiff mit seiner Geschwindigkeit von noch nicht mal 50 Stundenkilometern (21 Knoten) gar nicht so sehr ums Vorankommen, es geht ums Sichgehenlassen.
Würden Sie an Land jetzt einen Notarzt rufen?
Doch in der gigantischen Verwöhn-Maschinerie kann sich das Blatt an Bord auch plötzlich wenden: Passagiere werden zu Patienten. Dann ist selbst auf hoher See schnelle und vor allem professionelle Hilfe gefordert. Das ist der Job von Kurt Machens. Mit einem Kollegen teilt er sich Sprechstunden und Bereitschaftsdienste, sodass auf dem Kreuzfahrtschiff – unter der Flagge Maltas – rund um die Uhr ein Arzt erreichbar ist. So wie gerade auf der Rückreise von der Norwegen-Nordkap-Tour. Deswegen habe er auch wenig geschlafen, erzählt der Hildesheimer. Anruf eines Gastes in den frühen Morgenstunden im bordeigenen Hospital. „Würden Sie an Land jetzt einen Notarzt rufen?“ – so lautet zunächst die immer gleiche Nachfrage des medizinischen Assistenten. Die Behandlung an Bord ist alles andere als günstig, kann schnell zum zwölffachen Satz hochschnellen. Hier ist jeder Privatpatient. Der kranke Mann braucht einen Arzt. Eine Auslandskrankenversicherung hatte er vorsorglich abgeschlossen. Zur Krankenstation tief im Schiffsbauch auf Deck 2 schafft er es allein. Erst mit dem nahezu lautlosen Aufzug, der in Windeseile durch sämtliche 15 Decks gleiten kann – genau genommen, sind es nur 14, aber die Zahl 13 wird auch hier wie in jedem guten Hotel vermieden. Aberglaube eben. Dann durch den Gang, wie überall ausgelegt mit dicken, pflaumenblauen Teppichböden, die jedes Geräusch schon im Keim ersticken.
An der großen Tür steht Bordhospital in schwarzen Lettern. Hier nimmt Machens den Mann persönlich in Empfang. Neben der Anmeldung hinter einer hohen Glaswand ist alles vorhanden: ein kleines Sprechzimmer, Untersuchungsräume, Ultraschall, Röntgengerät, Labor, Medikamentenschrank, Beatmungsgerät, stapelweise Notfall-Ausstattung bis hin zu einer orangen Wanne für den Liegendtransport mit Hubschrauber. Nur operiert wird hier nicht.
Als Machens den Patienten abhört, stellt sich heraus, dass eine Lungenentzündung die Ursache sein könnte
„Einatmen, ausatmen – und nochmal!“ Als Machens den Patienten abhört, stellt sich heraus, dass eine Lungenentzündung die Ursache sein könnte. Ausgelöst durch eine verschleppte Erkältung bereits an Land, so seine Vermutung. Auch chronische Vorerkrankungen können sich an Bord mitunter verschlimmern – wegen des anderen Klimas. Noch vom Schiff aus kontaktiert der Mediziner die Klinik in Bremerhaven, organisiert den Transport mit dem Rettungswagen samt Befunde und Krankenbericht. Wäre es ein Krankenhaus im Ausland, würde Doc Machens selbstverständlich noch eine englische Übersetzung mitliefern. „Wenn möglich zusätzlich auch noch in der dortigen Landessprache, selbst auf japanisch oder portugiesisch.“ Beherrscht er etwa alle die Sprachen? Nein, dafür hat der Mann ein gutes Programm am PC. Ein Gebot der Höflichkeit, fügt er noch an und lächelt.
Ja, rückblickend würde ich heute doch so manches anders machen
Seine allererste Begegnung mit der Kreuzfahrt ist schon Jahrzehnte her – als Tourist mit der Familie durchs Mittelmeer. So ein Urlaub von allen Unannehmlichkeiten des Lebens hat ihn damals schon begeistert. Sein Alltag seinerzeit war ja bekanntlich nicht frei von massiven Unterströmungen. Dass Machens als erster Rathauschef in die Stadtgeschichte einging, der vorbestraft sein Amt ausführte, das ist für ihn längst Vergangenheit. Die sogenannte Pecunia-Affäre habe ihm und seiner Familie damals sehr zugesetzt, sagt er. „Und ja, rückblickend würde ich heute doch so manches anders machen.“ Worte, die den Strahlemann auf einmal sehr nachdenklich wirken lassen. Ein Blick zurück im Zorn? Nein, das nicht. Mehr möchte er aber zu dem Thema nun wirklich nicht mehr sagen.
Herr Doktor, Sie sind doch meine Hüfte!
Mitunter begegnet Machens Leuten von früher wieder an Bord. „Herr Doktor, Sie sind doch meine Hüfte“ – so hat ihn neulich erst ein Passagier laut übers ganze Sonnendeck begrüßt. Noch zu Hildesheimer Klinik-Zeiten hatte er dem Mann ein künstliches Gelenk eingesetzt. Und selbst zuhause wird der Mediziner oft nach Tipps gefragt, um nicht seekrank zu werden. Hochdosiertes Vitamin C, so lautet dann die Antwort. Das helfe wirklich gegen Übelkeit und Brechreiz. Der 69-Jährige muss es wissen. „Auf meiner allerersten Reise bin ich selbst seekrank geworden.“ Er lacht. Das passiert ihm heute nicht mehr. Sturm und kräftiger Wellengang können ihm längst nichts mehr anhaben.
Aber nicht immer sind es nur Schwindel, eingeklemmte Finger, vergessene Pillen oder andere leichte Wehwehchen für den Schiffsarzt. Auch für schwerere Fälle muss er gewappnet sein. So wie bei dem verletzten Neunjährigen, der auf dem Indoor-Spielplatz vom Klettergerüst gefallen war und sich auf hoher See einen komplizierten und schmerzhaften Armbruch zugezogen hatte. Die Verletzung fachmännisch zu stabilisieren, bis der Hafen von New York erreicht war, für Machens kein Problem. Tröstende Worte für Kind und Eltern wegen der jähen Wende auf der Urlaubsfahrt hat der Vater von drei Kindern und inzwischen fünf Enkelkindern ebenso parat. Bei akuten Notfällen kann sogar der Kreuzfahrt-Kurs geändert oder bei Gefahr im Verzug der Rettungshelikopter geordert werden. „Ein Menschenleben geht auch auf See immer vor.“
Seine Ausbildung als Chirurg und Facharzt für Unfallmedizin ist nur eine von mehreren Voraussetzungen, um als verantwortlicher Schiffsarzt in See stechen zu dürfen. Auch Kenntnisse in der Notfallmedizin, Geriatrie und Pädiatrie sind gefordert. „Mein ältester Patient war bislang 102 Jahre, der jüngste sechs Monate.“ Zusätzlich musste Machens mehrere Sicherheitszertifikate für Rettung, Bergung und Brandschutz vorweisen. „Viele unterschiedliche Anforderungen, aber deswegen ist der Job ja so spannend.“ Ein Kreuzfahrtschiff sei doch wie eine zusammengewürfelte Kleinstadt auf Zeit. Und ja: Selbst Todesfälle unterwegs kommen vor. Geburten nicht, denn Schwangere dürfen nur bis zum sechsten Monat mitfahren.
Ach was, mit der Glamour-Fernsehserie hat das nicht viel zu tun.
Der 69-Jährige gilt inzwischen als Doc-Experte, hat seine eigene Institution mit Sitz in Hildesheim gegründet, die DGKmed (Deutsche Gesellschaft für Kreuzfahrtmedizin), und berät als Geschäftsführer Interessierte, die ebenfalls mit einer Praxis mit Dauer-Meerblick liebäugeln. Traumschiff pur? „Ach was, mit der Glamour-Fernsehserie hat das hier nicht viel zu tun“, entgegnet Machens. Diese Frage ist ihm schon so oft gestellt worden. Denn: Nicht jeden Tag sind Sonne, See und Wetter auf maximale Annehmlichkeit voreingestellt.
Auch dieser Tag in Bremerhaven entspricht nicht den üblichen Hochglanzbildern im Reiseprospekt, die eine Steigerung von Ultra-Marineblau beim Anblick des Meeres versprechen. Die Nordsee dämmert grau, die Wolken hängen diesig durch. Möwen kreischen unentwegt um das rote Logo des Reiseriesen auf dem Mega-Schornstein. Ein einzelnes Kreuzfahrtschiff stößt allein so viel Feinstaub aus wie eine Million Autos. Schmutzige Abgase wie Ruß, Stick- und Schwefeloxide bescheren den Luxuslinern auch immer wieder den Ruf von Dreckschleudern sowie Verbote, Venedig oder norwegische Fjorde ansteuern zu dürfen. Auch als Schutz des Weltnaturerbes vor dem getakteten Massentourismus. „Das wird hier alles sehr ernstgenommen“, betont Machens auf Nachfrage und verweist auf seinen Arbeitgeber. Dazu gehöre Mülltrennung, Filteranlagen und Energiesparpläne.
Mit schnellen Schritten ist der Arzt schon wieder weiter an Bord unterwegs, schwärmt nebenbei von der jüngsten Asien-Tour und so kulinarischen Köstlichkeiten wie Schweinebraten mit Kruste. „Sieht man leider auch.“ Er streicht sich kurz über den Bauch mit dem stramm sitzenden Hemd. Kurzer Besuch in der verglasten Kommandobrücke beim Kapitän. Bestechende Rundumsicht. Die beiden Männer kennen sich gut, haben viele Kreuzfahrten gemeinsam absolviert. Später, wenn das Kreuzfahrtschiff von Bremerhaven abgelegt hat, werden sie wie schon so oft Seite an Seite bei der feierlichen Vorstellung der Offiziere stehen. Das hat Tradition – Men in White. Den echten Kapitän wird dann nicht nur das Paar vom Swimmingpool erkennen – am goldenen Schulter-Stern. Und den Schiffsarzt aus Hildesheim? Ganz einfach: an seinen Sneakern mit den auffälligen Schnürsenkeln. Neongrün.










