Salzgitter/Hildesheim - Als Notärztin Iris Winkelmann am 16. Juni um 19 Uhr ihren Dienst in der Feuerwache 2 in Salzgitter-Bad antritt, ist sie wie immer in ihrem Job auf alles gefasst. Kann sein, dass es eine ruhige Schicht wird. Kann sein, dass es für sie dramatische Einsätze gibt, in denen es um Leben und Tod geht. Was für sie neu ist an diesem Abend, sind die Dienstelle und die Kollegen. Bisher ist die Anästhesie-Fachärztin von der Hauptwache der Berufsfeuerwehr im Stadtteil Lebenstedt ausgerückt, heute also ihre Premiere in Salzgitter-Bad. Sind halt andere Kollegen, mit denen sie nach einer Alarmierung mit Rettungswagen und Notarztfahrzeug ausrücken würde, aber das wird schon – sind ja allesamt Profis. Schon wenig später wird das Team genau das beweisen müssen.
Gar nicht weit entfernt von der Feuerwache 2 muss sich Kristina Wendig zur gleichen Zeit nach mehreren Stunden mit wiederkehrenden Wehen eingestehen, dass sie die Nacht so nicht zuhause bleiben kann. Sie ist bereits dreifache Mutter und weit davon entfernt, in Panik zu geraten, aber ihr ist klar: Das, was sie jetzt spürt, ist nichts, was sie wegatmen und durch Entspannungsübungen in den Griff bekommen wird. Sie wusste, dass ihr Baby womöglich zu früh kommen könnte, deswegen hatten ihr Mann und sie sich bereits anderthalb Wochen zuvor bei der Pränatalambulanz im Hildesheimer St. Bernward Krankenhaus angemeldet. Das BK, das wussten sie, ist wie kein Krankenhaus in Salzgitter auf der Frühchenstation mit Personal und Technik so ausgestattet, dass auch allerkleinste Babys versorgt werden können und dürfen. Noch hofft Wendig an diesem Sonntagabend, dass sich die Geburt mit medizinischer Hilfe verzögern lässt.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was genau mich erwartet
Ihre siebenjährige Tochter Malia sieht, dass ihre Mutter Schmerzen hat, sagt immer wieder: „Mama, ich hab’ Angst.“ Philipp Wendig ist zu diesem Zeitpunkt in Braunschweig unterwegs, aber eine Freundin seiner Frau ist bei ihr. Sie ist es schließlich, die zum Telefon greift und um 19.26 Uhr die 112 wählt.
„Anstehende Geburt“ – mit nicht mehr als dieser Information an der Hand sitzt Iris Winkelmann nur Augenblicke später neben dem Notfallsanitäter Yannic Osolina auf dem Beifahrersitz des Notarztfahrzeugs, gefolgt von den Rettungsassistenten Andreas Wojczyk und Florian Löwe im Rettungswagen.
„Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was mich genau erwartet“, erinnert sich Winkelmann Anfang August bei einem Gespräch in der Feuerwache 2 an jenen Abend. Oft bekommt sie auf der Fahrt zum Einsatzort noch weitere Informationen in den Wagen – doch am 16. Juni sind sie und ihre Kollegen schon vier Minuten nach der Abfahrt an der Zielanschrift angekommen. Die Wohnung der Wendigs liegt in einem Mehrfamilienhaus im dritten Stock.
Das Ziel steht fest: Das St. Bernward Krankenhaus in Hildesheim
Der Mutterpass der Schwangeren liefert der Notärztin alle wichtigen Daten. Zwei Informationen aus Kristina Wendigs Dokument sind für Iris Winkelmann jetzt wesentlich: Die 38-Jährige ist erst in der 29. Woche schwanger, und sie hat Myome in der Gebärmutter – gutartige Tumore, die bei der Geburt und danach zu starken Blutungen führen könnten. Das muss nicht, kann aber für die Mutter gefährlich werden. Für Winkelmann ist damals schnell klar: Wir machen uns auf den Weg nach Hildesheim. Sie melden sich im BK an, dort machen sie sich auf der Perinatalstation bereit, hier sind sie als Level1-Einrichtung zertifiziert dafür, Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm zu versorgen.
Hinterm Lenkrad des Rettungswagens sitzt Florian Löwe, er schaltet das Blaulicht ein und fährt auf die B 6.
Donnerstag, 1. August, auf der Kinderintensiv- und Frühgeborenen-Station im St. Bernward Krankenhaus. Kristina Wendig, ihr Mann und Tochter Malia nähern sich leise dem Bettchen, in dem ihre Tochter und kleine Schwester liegt. Und ganz ruhig schläft. Ein Monitor zeigt den Puls und die Sauerstoffsättigung an, die Werte sind gut. „Hallo, du Süße“, flüstert Kristina Wendig, als sie ihr Neugeborenes im Arm hält, vorsichtig tippt sie dem Mädchen mit dem Zeigefinger auf die Nase. Die Kleine trägt einen petrolfarbenen Strampler mit kleinen hellgrünen, lachenden Krakenfiguren. Im Bettchen liegt auch ein kleiner gehäkelter Oktopus, gespendet von Ehrenamtlichen für Frühchen hier auf der Station – die Arme des flauschigen Mini-Kraken soll die Neugeborenen an eine Nabelschnur erinnern. 2300 Gramm wiegt Kristina und Philipp Wendigs Tochter inzwischen. „Sie hat es so toll gemacht“, sagt die 38-Jährige und lächelt ihr Kind an. Schüchtern und zugleich stolz steht die siebenjährige Malia in einem Sommerkleid daneben, schmiegt sich an ihren Vater.
Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob alles gut wird
Iris Winkelmann ist als Notärztin eine Allrounderin. Im Ernstfall kommt es auf sie an, da kann sie nicht sagen: „Gynäkologie und Geburtshilfe ist aber nicht so mein Fachgebiet.“ Und sie hat bereits mehrere reguläre Geburten begleitet. Trotzdem: eine Frühgeburt im Rettungswagen und das potenzielle Blutungsrisiko bei der werdenden Mutter, das wäre auch für sie absolut kein Routinefall, sondern eine Herausforderung. Florian Löwe steuert das Fahrzeug so geschmeidig wie es geht über die Bundesstraße Richtung Nord-Westen. Er müsse natürlich immer mit Bedacht unterwegs sein und vor allem andere im Auge behalten, die sich nicht um einen Rettungswagen im Einsatz scherten, sagt Löwe. „Aber in so einem Fall fährt man noch mal vorsichtiger.“ Kristina Wendig fühlt sich sicher und gut betreut hinten im Fahrzeug, das nun zum rollenden Kreißsaal wird. „Die waren super“, wird sie später über Winkelmann und deren Team sagen. Und doch: „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob alles gut wird.“
Winkelmann, selbst dreifache Mutter, zählt Abstand und Dauer der Wehen ihrer Patientin, ist zunächst noch zuversichtlich, dass sie es bis ins Krankenhaus schaffen werden. Doch je näher sie Hildesheim kommen, desto unrealistischer erscheint das. Wendig will die Geburt hinauszögern, spürt aber: Das wird nicht klappen. Winkelmann und der 24-jährige Notfallsanitäter Yannic Osolina tauschen einen vielsagenden Blick aus, als sie diesen Satz von ihr hören: „Genauso hat es sich bei meiner dritten Geburt angefühlt, bevor das Kind kam.“ Winkelmann spricht ihr Mut zu und will ihr das Gefühl geben: Sie bestimmen, was hier passiert – und wenn Sie Ihr Kind jetzt bekommen, dann ist das so, und Sie können es zulassen, wir sind da für Sie.
Es ist gegen 20.20 Uhr, Florian Löwe passiert gerade ein Maisfeld, direkt dahinter führt rechts eine Abzweigung nach Achtum. Er bremst langsam ab, und stoppt den Rettungswagen kurz vor der A 7-Brücke. Knapp vier Kilometer sind es noch bis zum BK. Zu weit. Hinter Löwe und dem Rettungswagen bringt Andreas Wojczyk das Notarztfahrzeug auf der Fahrbahn zum Stehen. Kristina Wendig weiß nicht wo genau sie nun sind, woran sie sich erinnert: Als die hinteren Türen des Rettungswagens geöffnet werden, sieht sie bunte Bilder, Graffiti. Die bemalte Wand einer alten Scheune.
Geburtsort: Lindenweg/Ecke Goslarsche Landstraße (B 6)
Hier also wird sie ihr viertes Kind zur Welt bringen? Geburtsort Lindenweg/Ecke Goslarsche Landstraße (B 6). So wird es tatsächlich in den offiziellen Dokumenten später festgehalten sein.
Iris Winkelmann und ihre Kollegen stehen im Austausch mit dem Hildesheimer Krankenhaus, und Notfallsanitäter Yannic Osolina fordert von dort einen Inkubator an. Eine gute und wichtige Entscheidung, lobt Winkelmann rückblickend. In jenen Minuten schwitzen die Notärztin und ihre Kollegen im Rettungswagen. Vor Anspannung – aber vor allem auch, weil sie die Temperatur der Heizung im Innern bis an den Anschlag hochgedreht haben, um für das Frühchen bereit zu sein.
Eine Ausnahmesituation. In der Enge des Raumes muss das Team um die Notfallmedizinerin den Ablauf besprechen, alles „vorbereiten, was der Wagen hergibt“, sich auch für ein Worst-Case-Szenario rüsten. Und das im räumlichen Sinne über den Kopf Kristina Wendigs hinweg, ohne sie zu verunsichern. „Es wäre nicht gut, wenn die Patientin Angst gehabt hätte“, sagt Winkelmann später.
„Drei Minuten ungefähr“ dauert der Geburtsvorgang an sich schließlich, bei dem sich Kristina Winkelmann an Yannic Osolina festklammert und abstützt. So erinnert sich jedenfalls die Mutter an diese Momente. Iris Winkelmann sagt: „Es waren vielleicht fünf Sekunden.“
1330 Gramm wiegt das Mädchen bei der Geburt am 16. Juni – am 1. August sind es 2300 Gramm
1330 Gramm wiegt das Mädchen, es ist 37,5 Zentimeter groß. Ein winziges, neues Leben. So winzig, dass Kristina Wendig zwei Tage später anfängt zu weinen, als sie vor ihrem Kind steht und merkt: Ich kann sie nicht wickeln, ich habe schon drei Kinder, und nun traue mich nicht, so zerbrechlich wie sie da liegt mit den ganzen Kabeln an ihrem kleinen Körper.
Auf der Bundesstraße trifft das Fahrzeug aus dem BK mit dem Inkubator ein. An Bord ist auch Chefarzt Dr. Alexander Beider. Winkelmann ist froh, dass der Leiter der Perinatalstation dabei ist und das Frühgeborene übernimmt. Ihre Kollegen und sie sind zufrieden mit ihrer Arbeit und auch stolz, dass diese Ausnahmefahrt für Mutter und Kind so gut gelaufen ist. Dass sie auch Grund dazu haben, bestätigt eine Nachricht der Mediziner aus dem BK später, die schließlich per E-Mail bei Iris Winkelmann ankommt.
Einen Namen hat das Mädchen in den ersten Tagen ihres Lebens noch nicht. Kristina und Phillip Wendig hatten ihre Liste mit Favoriten im Kopf schon auf sechs gekürzt. Aber das Mädchen kam tatsächlich zu früh.
Wir hören ja fast nie, was aus unseren Patientinnen und Patienten wird, nachdem wir sie angeliefert haben
Die Kleine entwickelt sich in den kommenden Wochen prächtig, und die Eltern und Geschwister freuen sich riesig, dass sie das neue Mitglied der Familie schließlich Anfang dieser Woche mit nach Hause nehmen dürfen.
„Das freut mich“, sagt Iris Winkelmann, als sie davon erfährt. „Wir hören ja fast nie, was aus unseren Patientinnen und Patienten wird, nachdem wir sie angeliefert haben.“ Das sei manchmal durchaus frustrierend. Wie das Mädchen denn heiße, fragt die Notärztin dann.
Mina.
Iris Winkelmann lächelt. „Ein schöner Name.“



