Giesen/Hildesheim - Es hat am Dienstagabend in der Hildesheimer Volksbank-Arena schon weit vor Spielbeginn dieses Knistern in der Luft gelegen. Wie immer, wenn etwas Besonderes, etwas Großes erreicht werden kann – erstmals überhaupt steht Volleyball-Erstligist Helios Grizzlys Giesen im Playoff-Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Und der Gegner ist kein Geringerer als Rekordmeister VfB Friedrichshafen. In der ersten von maximal fünf Halbfinal-Begegnungen setzten sich die Giesener in einer Nervenschlacht nach Tiebreak mit 3:2 durch. „Das war unglaublich. Es ist sau-wichtig, das erste Spiel zu gewinnen“, freute sich Giesens Trainer Itamar Stein. „Das nimmt uns ein bisschen Druck weg vor dem Auswärtsspiel in Friedrichshafen.“
Giesens kanadischer Außenangreifer Jori Mantha hatte nach dem Sieg direkt einen flotten Spruch auf den Lippen. „Es war ein sehr langes Spiel, fast zu lang“, so Mantha, der mit einem Augenzwinkern ergänzte: „Aber wenn es etwas gibt, das schlimmer ist als ein zweieinhalbstündiges Volleyball-Spiel, dann ist es, ein zweieinhalbstündiges Volleyball-Spiel zu verlieren.“
Münkel peitscht ein und es wird sich verlobt
Hallensprecher und Einpeitscher Mike Münkel animierte die 2011 Zuschauer in der Halle weit vor dem Start der Partie schon einmal zur Laola-Welle, und auf den Rängen machten sie munter mit. Ganz besonders laut wurde es für Sunny und Kilian aus Hameln. Kilian machte seiner Partnerin einen Heiratsantrag auf der Tribüne – sie sagte „ja“.
Gleich im ersten Durchgang wurde dann deutlich, dass die Friedrichshafener ein ganz anderes Kaliber sind als der VC Bitterfeld-Wolfen im vergangenen Viertelfinale, gegen den sich die Giesener durch zwei klare 3:0-Siege durchgesetzt hatten. Beim 17:14 in Satz eins sah es schon so aus, als könnte sich das Team vom Bodensee in der entscheidenden Phase absetzen. Dann ab verschlug Jackson Young einen eigentlich recht leichten Angriffsball, das brachte Sand ins Getriebe des VfB.
Grizzlys führen mit 2:0
Kurz darauf blockte Grizzly Noah Baxpöhler zum 18:18, und Iliya Goldrin hämmerte den Ball kompromisslos zur 19:18-Führung der Gastgeber. JT Hatch servierte dann für die Giesener eine starke Aufschlagserie – die gute Vorarbeit des US-Amerikaners nutzten Michiel Ahyi zum 23:21 und Jori Mantha zum 24:21. Den zweiten Satzball verwandelte schließlich Ahyi zum 25:22 und zur 1:0-Führung der Giesener.
Durchgang zwei begann umkämpft, zunächst konnten sich weder die Giesener noch die Häfler absetzen. Erst als Baxpöhler blockte und Goldrin punktete, hieß es 9:7. Weil Friedrichhafens Michal Superlak später einen Angriff ins Aus lupfte, führten die Gastgeber sogar mit 16:13. Doch der VfB verkürzte noch einmal – Young brachte seine Farben beim 20:19 wieder heran. Aber die Giesener ließen sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Fedor Ivanov servierte einhändig für Jakob Günthör, und anschließend machte Ahyi wie schon in Satz eins den letzten Punkt zum 25:22.
Friedrichshafen dreht auf
Es lief fast ein bisschen zu perfekt für die Giesener. Sie starteten auch mit einer 4:2-Führung in Satz drei. Dann aber reagierte VfB-Trainer Mark Lebedew, er wechselte Jackson Young aus und brachte Jan Fornal ins Spiel. Man hätte meinen können, die Friedrichshafener hätten plötzlich einen Schalter umgelegt – ganz besonders Mittelblocker Jose Masso. Er sorgte mit einer unglaublichen Aufschlagserie dafür, dass sich die Gäste auf 19:11 absetzten. Masso war es auch, der den Durchgang zum 25:19 beendete. Es war die erste kritische Phase für die Giesener in diesem Spiel sowie den bisherigen Playoffs und sie zeigten Nerven.
Das Tief hielt auch in einige Phasen des vierten Satzes an – der VfB hatte jetzt Oberwasser: Besonders von der Aufschlaglinie entfachte der Rekordmeister großen Druck, war zudem im Block und in der Feldabwehr wesentlich stärker. Über 11:8, 15:10 sicherte Michal Superlak seinen Mannen beim 25:21 schließlich Durchgang vier. „Da hat uns Friedrichshafen fast dominiert“, gab Stein später zu. „Wir haben ein paar leichte Fehler gemacht und der VfB war viel besser im Spiel.“
Nur kurz „die Köpfe unten“
Tie-Break – jetzt wurde es eine echte Nervenschlacht: Dank drei Assen von JT Hatch starteten die Giesener mit einem 3:0-Lauf. Sie führten bis zum 8:7 und niemanden in der Halle hielt es mehr auf seinem Sitz, aber der VfB drehte kurz darauf das Spiel und konnte die Führung beim 12:11 für sich beanspruchen. Doch Jori Mantha konterte mit zwei Punkten. Der Kanadier war es schließlich auch, der den sechsten Matchball der Giesener gemeinsam mit Noah Baxpöhler gegen Superlak blockte und die Volksbank-Arena explodieren ließ. MVP wurde bereits zum dritten Mal in Folge bei einem Grizzlys-Heimspiel Libero Niklas Breilin.
„Das zeichnet die Mannschaft in diesem Jahr aus, dass sie immer zurückkommen kann, auch nach zwei verlorenen Sätzen“, erklärte Noah Baxpöhler. „Im dritten Durchgang waren bei uns nach der Punkte-Serie des Friedrichshafeners Masso schon etwas die Köpfe unten. Wir hätten es aber dann auch schon im Vierten klarmachen können, wenn wir besser aufgeschlagen hätten.“ Da stimmte auch der Coach einmal mehr mit ein. „Wir haben eine wichtige Kadertiefe, das hilft uns enorm weiter“, ergänzte Stein. „Auch wie wir insgesamt zurückgekommen sind, war beeindruckend.“ Mantha sagte später noch: „Das war das härteste Spiel der gesamten Saison bisher, super herausfordernd. Vor allem nachdem wir uns in den ersten beiden Sätzen so gut gefühlt haben. Es braucht viel Charakter, um das Spiel dann noch so zu gewinnen.“
VfB will jetzt kontern
Warum der VfB nach den zwei gewonnenen Sätzen und dem 2:2-Ausgleich im Tiebreak dann doch wieder das Nachsehen hatte, erklärte Friedrichshafens Trainer Mark Lebedew: „Weil der Tiebreak wieder ein ganz neues Spiel ist. Wir haben seit November keinen Entscheidungssatz mehr spielen müssen, das hat man heute gemerkt.“ Sein Team will jetzt im nächsten, dem zweiten Halbfinale kontern. „Wir haben ebenfalls seit November kein Heimspiel mehr verloren, das soll auch so bleiben.“
Von: Maximilian Willke und Ulrich Hempen

