Lektüre und Last

Für die Allgemeinheit gespendet, von Chaoten zerstört – ein Blick auf Hildesheims öffentliche Bücherschränke

Hildesheim - Öffentliche Bücherschränke sind für alle da. Aber sie sind in Hildesheim oft Ziel von Randalierern. Welche Schränke noch gut aussehen, welche vielleicht bald abgebaut werden – und welchen eine Bücherschrank-Expertin allen ans Herz legt. (Mit Video)

Der öffentliche Bücherschrank vor dem Theater ist nahezu komplett zerstört. Eine Reparatur wäre teuer. Foto: Christian Harborth

Hildesheim - Irgendjemand hat einen Aufkleber mit der Aufschrift „you will meet the book of your dreams“ auf die Seite des offenen Bücherschranks vor dem Stadttheater geklebt. Du wirst das Buch deiner Träume treffen. Eine schöne Vorstellung. Aber zumindest was diesen Ort angeht, im Moment leider sinnlos. Denn der braune Kasten aus Holz und Glas befindet sich in einem durch und durch bemitleidenswerten Zustand. Alle Scheiben sind zerschlagen, das verwitterte Holz mit Graffiti und halb abgerissenen Werbepostern überzogen. Vier einzelne Bücher sind vom einst stolzen Futter für die Leseratten der Umgebung geblieben. „Die anderen liegen jetzt bei mir im Keller“, sagt Frank Severit, Vorsitzender der Oststadt-SPD und damit gleichzeitig oberster Hüter des Bücherschranks.

Die Oststadt-Sozialdemokraten sind die Paten des Schranks. Sie schauen immer mal nach dem Rechten und lassen kleine Beschädigungen reparieren. Das derzeitige Problem: Mit kleineren Reparaturen ist es vor dem Theater nicht mehr getan. „Wir müssen uns jetzt die Frage stellen, ob ein offener Bücherschrank vor dem Theater überhaupt noch Sinn macht“, sagt der Mann, der auch im Rat der Stadt sitzt. Er ärgere sich sehr über die sinnlose Zerstörung. Bei der nächsten Vorstandssitzung will er das Thema auf die Tagesordnung setzen und mit den anderen Genossen darüber diskutieren, ob es überhaupt sinnvoll ist, ihn für viel Geld noch einmal reparieren zu lassen – oder ob er einfach abgebaut werden sollte. Letzteres würde er zwar sehr bedauern, so Severit. „Aber so geht es ja nicht weiter.“

Ein Dutzend Bücherschränke für Leseratten im Stadtgebiet

Der offene Bücherschrank vor dem Theater ist derzeit vermutlich der am ärgsten ramponierte im Stadtgebiet. An rund einem Dutzend Stellen finden sich die in der Regel ehrenamtlich betreuten Tausch-Schränke in Hildesheim. Neben dem Platz vor dem Theater stehen weitere Exemplare in der Nordstadt am Ottoplatz und in der Justus-Jonas-Straße, auf der Marienburger Höhe und am Kalenberger Graben, am Wetzellplatz und an der Markuskirche auf dem Moritzberg, vor dem Scharnhorstgymnasium, im Ulmenweg, in Itzum, an der Himmelsthürer Pauluskirche, am Trockenen Kamp und einer in der Arneken Galerie.

Letzterer sieht wohl noch am ehesten so aus, wie sich bibliophile Menschen es wünschen. Sauber und intakt. Die weitaus meisten müssen ständig repariert, neu gestrichen oder sogar ganz neu errichtet werden. Der Bücherschrank am Marienburger Platz war vor einigen Jahren sogar mal angezündet worden. Die AWO-Tochter Bazaro Outdoor hatte im Sommer 2022 einen offenen Bücherschrank am Ottoplatz errichtet. Ein halbes Jahr später waren die Schiebetüren abgerissen. Die Mitarbeiter rückten erneut an und bauten jetzt Klappen an, die an vielen anderen Bücherschränken ebenfalls zu finden sind. Seitdem sei da nichts mehr passiert, sagt Kevin Bülow von Awo Bazaro Outdoor. Er vermutet, dass der Bücherschrank am Ottoplatz zudem nicht beschmiert wird, weil er schon ein Motiv hat. Er ist großflächig mit einem Graffiti verziert.

Die Bücherschränke am Kalenberger Graben, im Ulmenweg, am Scharnhorstgymnasium und auf der Marienburger Höhe sowie der an der Michaeliskirche sind aktuell in einem recht guten Zustand, wenn auch teils etwas vollgestopft und unsortiert. Bei dem an der Steingrube gibt es eine Klappe für Kinderliteratur. Allerdings hält sich nicht jeder daran. Viele stopfen ihre Bücher einfach irgendwo hinein.

Bücherschrank in der Nordstadt musste abgerissen werden

An Aufklebern und Werbeplakaten stört sich schon fast niemand mehr, sie werden geduldet. Am Ottoplatz hat das nahe Kulturfabrik-Projekt Faserwerk ein Auge auf den Schrank und kümmert sich, wenn etwas ist. Vielleicht ist dieser Schrank deshalb gerade in einem recht guten Zustand. Das ist freilich nicht überall so. Nicht weit entfernt mussten Kevin Bülow und seine fleißigen Helfer von Bazaro Outdoor vor ein paar Jahren einen Bücherschrank vor dem Jugendzentrum an der Steuerwalder Straße abreißen. Der war komplett verrottet. An dieser Stelle befindet sich jetzt auch das Exemplar vor dem Stadttheater. SPD-Mann Severit schätzt, dass eine Reparatur Tausende Euro kosten wird. Der Vorstand der Oststadt-Partei wird demnächst entscheiden, ob sich die Investition noch einmal lohnt.


Besondere Funde und ihr Geheimtipp – Laura Pöschel nutzt Hildesheims Bücherschränke seit zehn Jahre

An das erste Buch, das ich in einem Bücherschrank gefunden habe, erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß aber noch, wann ich zum ersten Mal in dieser Bibliothek im öffentlichen Raum gestöbert habe: Das war vor zehn Jahren in meiner Ersti-Woche im Studium. Ich war auf dem Heimweg und habe direkt einen Stopp eingelegt, weil mich der Schrank vor dem Ladenzentrum an der Marienburger Höhe neugierig gemacht hat. Fortan habe ich hier immer vorbeigeschaut, wenn ich Pause hatte oder eine Wartezeit überbrücken wollte.

Mittlerweile bin ich Dauergast an vielen Bücherschränken im Stadtgebiet. In diese habe ich bestimmt schon 200 Bücher reingestellt und um die 100 mit nach Hause genommen – und dann behalten, verschenkt oder in einen anderen Schrank gestellt. Ich beschäftige mich gerne mit vielen unterschiedlichen Dingen und mag es, in Texte reinzulesen. Dafür sind Bücherschränke ideal: Anders als in einer Buchhandlung habe ich hier nicht den Druck, das perfekte Buch für mich zu finden, sondern nehme auch mal Literatur zu einem Thema mit, das ich noch nicht kenne. Es kam aber auch schon vor, dass ich auf der Suche nach einem ganz bestimmten Buch war und das dann in einem Schrank gefunden habe. So ein Zufall hat dann schon etwas Magisches.

Buch erst ruiniert, dann wiedergefunden

Mein bester Freund etwa hatte mal ein Buch von mir ausgeliehen und es durch ein Malheur ruiniert. Er hat dann einige Bücherschränke abgeklappert und tatsächlich das Buch in einem gefunden, ganz gut erhalten und genau die gleiche Ausgabe. Hat zwar etwas gedauert diese Suche, aber das Buch steht bei mir im Regal und immer, wenn ich drauf schaue, denke ich an diese Geschichte.

Für mich zählt aber auch der Aspekt der Nachhaltigkeit: Bücher verstauben nicht zu Hause im Regal, sondern wandern durch viele Hände. So kriegt jedes Buch auch abseits seines Inhaltes eine Geschichte. Ich habe in Bücherschränken schon Bücher mit Widmungen und Anstreichungen gefunden, mal lag ein Brief oder ein Einkaufszettel drin. So entstehen Verbindungen mit Unbekannten, die einem gleichsam nah und fremd sind. Und: Bücherschränke eröffnen Menschen den Zugang zu Literatur, unabhängig davon, wie viel sie im Geldbeutel haben. Ich finde, dass Kultur keine Frage des Einkommens sein sollte. Die literarisch gefüllten Möbelstücke fördern also auch die kulturelle Teilhabe.

Von Christian Harborth und Laura Pöschel 

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