Hildesheim - Die paar Schritte in die Vertikale, in den Stammelbach-Speicher hoch, und schon gibt es neue, inspirierende Aussichten – auf die Stadt und auf die Kunst in den Räumen. Der Stammelbach-Speicher ist nicht einfach nur eine Galerie – er ist ein Safe Space für Gedankenexperimente rund um gesellschaftliche Fragen, die hier in internationalem Format beantwortet werden.
Für die kommende Phase April/Mai kuratiert der Stammelbach-Galerie-Verein zwei absolute Hochkaräter: Manuela Karin Knaut und Roman Klonek. Als Stipendiatin gibt Pia Chwalczyk einen Einblick in ihr Atelier im Obergeschoss. Spannende Arbeiten finden, das ist die Kunst; die Crew filtert aus einem Pool von Bewerbungen echte Kunstschätze heraus.
In der ersten Etage erwartet die Besuchenden eine Künstlerin, die das Konzept „Heimat“ einmal komplett linksgedreht hat. Manuela Karin Knaut (lebt in Braunschweig und mit einem Master of Arts aus Johannesburg im Gepäck) bringt eine Energie in den Speicher, die fast physisch greifbar ist. Unter dem Titel „Where Would You Go If You Could Go Anywhere“ zeigt sie großformatige Malerei, Installationen und Objekte. Knaut arbeitet mit Schichten – und mit Geschichte. Sie nutzt Fundstücke vom Flohmarkt oder aus Haushaltsauflösungen, alte Möbel und persönliche Gegenstände, die bereits ein Leben hinter sich haben. In ihren Installationen geht sie auf die Gegebenheiten vor Ort ein, setzt Fragmente zu einer Art „visueller Landkarte“ von Erinnerungen zusammen. Fun Fact am Rande: Für Knaut ist es ein „Comeback“. Vor 14 Jahren war sie schon einmal im Stammelbach-Speicher mit Werken vertreten. Jetzt kehrt sie nach Stationen in Ghana, den USA und Israel als international gefeierte Künstlerin nach Hildesheim zurück. Knaut stellt ihre Werke aus und stellt dabei Fragen: Was behalten wir? Was lassen wir los? Und wie wird aus einem Ort eigentlich ein Zuhause?
Ein Stockwerk höher wird es „Truly Unruly“. Roman Klonek bringt einen Stil mit, der zwischen 70er-Jahre-Trickfilm-Nostalgie, japanischen Animes und bizarrem Slapstick pendelt. Seine Holzschnitte sehen aus wie aus der Zeit gefallene Propaganda-Poster einer Welt, in der skurrile Kreaturen das Sagen haben. Gleichzeitig wirken sie zeitgemäß modern. Für alle Grafik-Nerds und Kunst-Studis ist Klonek ein absolutes Muss. Er beherrscht die „Königsdisziplin“: den verlorenen Schnitt. Dabei wird die Druckplatte nach jeder Farbe weiter bearbeitet und zerstört – es gibt also kein Zurück.
Klonek, in Barsinghausen aufgewachsen, schafft in seinen Werken ein gewolltes Chaos. Er lässt sich inspirieren von komplexen Geschichten (von Thomas Mann bis B-Movies), und sucht darin nach Mustern. Das Ergebnis ist Pop-Art auf einem handwerklich hohen Level. Wer noch Puste hat, schaut in der vierten Etage im „Atelier“ vorbei. Dort zeigt die HAWK-Alumna Pia Chwalczyk die Ergebnisse ihres Atelierstipendiums „JUNGE KUNST!“. Unter dem Titel „Stationen“ präsentiert sie Portraits und Naturstudien mit einer ganz eigenen, klaren, frischen Farbpalette. Besonders spannend: ihr Fokus auf queere Lebensrealitäten und Sichtbarkeit – Kunst, die Haltung zeigt und direkt aus dem Hildesheimer Kreativ-Kosmos kommt.
Zur Eröffnung wird es Reden geben: Die Journalistin Yara Hoffmann stellt Knauts Arbeiten vor, und für Roman Klonek spricht der Filmemacher Leon Heitmann (dessen Masterarbeit „Ecos de la 13“ letztes Jahr im Keller gefeiert wurde). Beata Brunnert vom Stammelbach-Team verspricht: „Wein, Wasser und Baguette stehen wie immer bereit.“ Ein perfekter Sonntagstermin, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die Kunst nicht nur konsumieren, sondern leben.
