Für Senioren und Familien

Gegen Einsamkeit im Alter und für Entlastung der Angehörigen: Was Tagespflege in Hildesheim leistet – und wie man davon profitieren kann

Hildesheim - In Stadt und Kreis Hildesheim gibt es 26 Tagespflege-Angebote, etwa von der Caritas. Deren Leiterin berichtet, wie die Hilfe in Anspruch genommen werden kann. Und eine Seniorin erzählt, wie diese Hilfe ihren Alltag nach einem Überfall zum Guten verändert hat.

Alice Retzlaff und Caritas-Mitarbeiterin Kathrin Kolmay haben beim Ausflug der Tagespflege viel Spaß. „Man erlebt etwas“, sagt die Seniorin. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Konrad Zeuch wuchtet einen Rollator nach dem anderen aus dem Kleinbus der Caritas-Tagespflege. Zeuch hat für eine kleine Gruppe eine Krippenfahrt organisiert. Die erste Station ist die große Außenkrippe der katholischen Kirche in Bavenstedt. Alice Retzlaff schiebt ihren Rollator vor die Krippe, die Seniorin ist 93 Jahre alt und seit fünf Jahren Gast der Caritas-Tagespflege. „Die Tagespflege ist einmalig und gefällt mir sehr gut“, schwärmt sie.

Die Besuche der Tagespflege bedeuten Alice Retzlaff viel. Denn so hat sie an drei Tagen in der Woche Unterhaltung und Abwechslung. Sehr gerne spielt sie „Mensch ärgere Dich nicht!“, auch wenn jemand anders für sie die Spielsteinchen setzen muss, denn sehen kann sie nicht mehr gut. „Aber der Geist ist noch zu 100 Prozent da“, sagt sie. In der Kirche stellt sie es unter Beweis, als Zeuch die Zeichen der Sternsinger hochhält. CMB stehe nicht etwa für Caspar, Melchior und Balthasar, sagt er. „Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus“, erklärt Retzlaff.

Töchter meldeten die Mutter an

Ihre Töchter meldeten sie vor fünf Jahren bei der Tagespflege an. Eine gute Entscheidung, wie die Seniorin im Nachhinein sagt. Die Töchter mussten sie zunächst überreden, dort hinzugehen. „Für meinen Vater wäre das gar nichts gewesen“, erinnert sich Retzlaffs Tochter Christine Maybaum. Die Hildesheimerin sah sich das Angebot zunächst an, bevor sie ihrer Mutter davon berichtete. Die besuchte die Tagespflege anfangs einmal in der Woche, mittlerweile ist sie dreimal dort. „Ich kann das nur empfehlen, die sind alle ganz lieb und zuvorkommend. Und man erlebt etwas“, sagt sie. An den Tagen in der Tagespflege muss sie auch nicht alleine essen, wie sonst in ihrer Wohnung. Dort meistert sie den Alltag allein, mit Unterstützung des Pflegedienstes und freundlicher Nachbarn. Außerdem ist ihre große Familie mit ihren zwei Töchtern immer für sie da, bei ihren Kindern ist sie an jedem Wochenende.

Bis zum vergangenen April ist Alice Retzlaff noch jeden Tag ins Café Beste gegangen. Doch dann wurde sie überfallen. Die alte Dame wurde zu Boden gestoßen und ihrer Handtasche beraubt, mit allen Papieren, dem Hausschlüssel und einem 100-Euro-Gutschein für das Café. „Glücklicherweise kam sie mit ein paar blauen Flecken davon“, sagt die Tochter. Doch nach dem Überfall ging die Seniorin seltener alleine raus, das änderte sich erst mit den drei Besuchen der Tagespflege. Für ihre Töchter ist die Betreuung eine große Erleichterung, denn sie wissen ihre Mutter gut aufgehoben. Auch ihre Medikamente bekommt sie dort pünktlich gereicht.

„Viele wissen gar nicht, dass die Pflegekasse den Besuch bei der Tagespflege finanziert“, erklärt Beatrix Meier, Leiterin der Caritas-Tagespflege in Hildesheim. Die Leistung werde nicht vom Pflegegeld abgezogen. Ab dem Pflegegrad 2 besteht die Möglichkeit, das Angebot an einem Tag oder zwei Tagen in der Woche zu nutzen. Je höher der Pflegegrad, desto mehr betreute Tage sind möglich. Den Senioren wird in der Tagespflege einiges geboten, Ausflüge wie die Krippenfahrt etwa. Spiele, gemeinsames Essen, Bewegungsangebote, Gedächtnistraining und auch eine Mittagsruhe, wenn man möchte. „Wir betreuen täglich 15 Tagesgäste“, erklärt Meier. Dabei werden die Biografien berücksichtigt – also etwa, woran hat ein Gast besondere Freude, was mag er nicht? Danach werden die Gruppen zusammengestellt, in denen auch Praktikanten und FSJler arbeiten. „Die Tagespflege bietet eine Entlastung für pflegende Angehörige“, erklärt Meier. Das bestätigt Claudia Brückner. Sie betreut ihre 91-jährige Mutter Elisabeth Huliczka daheim in Bavenstedt. Ist die Mutter in der Tagespflege, verschafft das der Tochter zeitlichen Freiraum. „Das ist eine große Erleichterung, ein paar Stunden für mich zu haben“, sagt Brückner.

Vom Frühstück bis zum Nachmittagskaffee

Von 8 bis 16 Uhr gibt es das Angebot der Tagespflege werktags. Ein Fahrdienst holt die Gäste ab, um 9 Uhr gibt es Frühstück, Mittagessen wird gereicht und nach dem Kaffeetrinken mit Kuchen geht es am Nachmittag wieder heim.

Im Landkreis Hildesheim gibt es 26 Tagespflegeeinrichtungen, die, abhängig von der jeweiligen Größe, Kapazitäten für 15 bis 22 Tagesgäste haben. Die Kosten einer Tagespflege setzen sich aus den Pflege- und Investitionskosten, der Verpflegung sowie bei Bedarf Fahrdienstkosten zusammen, berichtet Landkreis-Pressesprecherin Birgit Wilken. Im Regelfall haben die Tagesgäste mindestens den Pflegegrad 2, somit werden die anfallenden Pflegekosten über die Ansprüche gegenüber der Pflegekasse (721 Euro bei Pflegegrad 2) getragen. Investitionskosten, Verpflegung und Fahrdienst sind privat zu leisten. Es bestehe aber die Möglichkeit, dieses über die Entlastungsleistungen zu zahlen, erklärt Wilken.

Viele kennen das Angebot nicht

Aus Erfahrung weiß die Leiterin der Tagespflege, dass viele das Angebot gar nicht kennen. Dabei hilft es betagten Menschen ebenso wie deren Angehörigen. „Die meisten Menschen wollen doch so lange wie möglich in ihrem Zuhause bleiben“, sagt Meier. „Die Tagespflege ist dafür eine gute Lösung.“

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