Hildesheim - Vor zwei Jahren hat die Stadt das 2,1 Millionen Euro teure Verkehrsleitsystem in Betrieb genommen – komplett finanziert von Bund und Land. Doch ist das Geld gut angelegt? Baudezernentin Andrea Döring spricht von „einem Gewinn für die Stadt“, der ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt hält die Anlage „in seinen Grundzügen für eine sehr sinnvolle Investition“. Der Kreisverband des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) sieht das anders: So seien die Info-Tafeln, auf denen bei zu viel Verkehr in der Schuh- und in der Kaiserstraße Umleitungshinweise aufleuchten, „praktisch vollkommen nutzlos und somit Geldverschwendung“. Dem VCD sei nicht bekannt, dass Verkehrsteilnehmer anhand dieser Anzeigen ihre Route auswählten.
Der schwierige Start kostete das Vertrauen der Autofahrer
Das dürfte vor allem am holprigen Start liegen. Denn es dauerte, bis die Stadt die angemessenen Vorgaben für das System einstellte: Ab wie vielen Fahrzeugen ist es eigentlich zu voll, ab wie vielen Sekunden dauert ein Weg von A nach B zu lange? So kam es, dass zunächst oft Hinweise auf den neun Infotafeln auftauchten, die mit der Realität nichts zu tun hatten. Oder es tauchten gerade dann keine Hinweise auf, wenn Umleitungstipps nötig gewesen wären.
Inzwischen laufe das System stabil und verlässlich, berichtet Bettina Beyer, die zuständige Expertin der Stadt. Den Eindruck vieler Autofahrer, dass fast gar keine Verkehrshinweise aufleuchteten und wenn überhaupt die Namen der Partnerstädte auf den Tafeln zu lesen seien, weist Beyer zurück. Letzteres geschehe nur außerhalb der Hauptverkehrszeiten zwischen 9 und 16 Uhr. Und es tauchten sehr wohl Anzeigen auf, versichert Beyer – allein am Donnerstag und Freitag vergangener Woche zusammen rund 10, die auf ein hohes Verkehrsaufkommen in der Kaiserstraße hinwiesen.
Stadt Hildesheim betont: Das System basiere auf Freiwilligkeit
Doch die Stadtverwaltung räumt ein: Das System basiere auf Freiwilligkeit. Es sei nicht messbar, ob und wie viele Autofahrer den Umleitungsempfehlungen folgten, sagt Rathaussprecher Helge Miethe. Man vermeide aber bewusst weitergehende Maßnahmen wie Straßensperrungen durch Dauerrot an Zufahrtsstraßen, die das System bei Bedarf durchaus hergeben würde: „Wir arbeiten sozusagen minimalinvasiv.“ Es gebe im Übrigen auch anders herum keine Belege, dass sich der Durchgangsverkehr – und nur um den gehe es – nicht an die Hinweise halte. Beyer und Baudezernentin Döring meinen vielmehr, Indizien für das Gegenteil zu erkennen: So habe sich die Lage in der Innenstadt in den Spitzenzeiten entschärft. Es gehe nur noch in bestimmten, kurzen Zeitkorridoren langsamer voran als gewöhnlich. Beyer empfiehlt ausdrücklich, den Umleitungstipps zu folgen und um die Stadt herum zu fahren: Die Strecke sei dann zwar länger, man sei aber dennoch schneller, weil die Ampeln auf den Ausweichrouten jeweils bevorzugt geschaltet würden. Und genau das ermögliche das neue System überhaupt erst, betont die Stadtbaurätin: Sie lenkt den Blick daher weg von den Infotafeln am Straßenrand auf die verborgene Technik im Hinter- und Untergrund.
So sei im Zuge der Einführung des Systems der Verkehrsrechner erneuert worden – er steuert die Ampeln. Döring verweist zudem auf die 44 Induktionsschleifen und 23 Bluetooth-Scanner, die Erkenntnisse zur Verkehrsmenge und zur Reisegeschwindigkeit der Fahrzeuge an den Rechner melden. „Das System liefert uns jetzt die Zahlen, Daten und Fakten, die wir als Grundlage für die Verkehrssteuerung brauchen“, betont Döring. Diese Technik mache auch den Großteil der Kosten von 2,1 Millionen Euro aus. „Wir hätten das sonst alles selbst bezahlen müssen.“ Was angesichts der Haushaltslage der Stadt schwierig geworden wäre. Und allein deshalb ist das System für die Dezernentin ein Gewinn.
Experte vom ADAC-Landesverband wirbt für zweite Chance für das Hildesheimer Verkehrsleitsystem
Dies könnte auch nach außen noch sichtbarer werden, meint Nils Horschick, der verkehrspolitische Sprecher des ADAC-Landesverbandes Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Die Stadt versuche mit dem System, den Verkehr intelligent zu lenken. Dafür aber müssten sich die Menschen eben auch daran halten. Er wisse, dass viele Autofahrer die Hinweise derzeit übersähen, berichtet Horschick. Doch nun, wo die Dammstraße wieder freigegeben sei und der Verkehr in Hildesheim wieder ungestört laufen könne, sei es an der Zeit, dem Verkehrsleitsystem eine zweite Chance zu geben. Wichtig sei aber auch, mit einer Evaluation zu hinterfragen, ob die Autofahrer die Hinweise annehmen.
