Hildesheim/Langenhagen - Charles Smethurst, der Mann, den viele zu seinen besten Zeiten den „Gentleman der Immobilienbranche“ nannten, betritt den Saal 134 des Landgerichts Hildesheim in der Berufskleidung von früher: Grauer Anzug, hellblaues Hemd, schwarze Schuhe. Großgewachsen, kräftige Statur. Nur dass der Beruf von früher nicht mehr sein Beruf ist. „Rentner“, antwortet Smethurst auf die Frage des Richters. „Wenn das denn ein Beruf ist“, schiebt er fragend nach. Der Mann, der so demonstrativ seriös, um Korrektheit bemüht, wirkt wie jemand, dem man vorbehaltlos vertrauen würde. Dem man es abnimmt, wenn er verspricht, gut auf das Geld anderer Menschen aufzupassen und es zu mehren. Genau das war das Problem. Denn worum es hier, am ersten Tag dieses Prozesses geht, ist womöglich einer der größten Immobilienbetrugsfälle der vergangenen Jahre. Insgesamt 27 Fälle hält ihm die Anklage vor, Schadenssumme 56.395.502,82 Euro. Wobei den Ermittlern selbst klar ist, dass das nicht alles ist.
Man habe sich, so haben die Ermittler schon vor Prozessbeginn erklärt, auf einen Teil der Fälle beschränkt. Am Strafmaß würde sich nichts ändern, auch wenn man den vollen Umfang anklagte. Verfahrensökonomie, so heißt dieses Prinzip. Kurioserweise wirkt es nur so, als vollziehe die Justiz so den Gedanken nach, den auch Smethurst womöglich irgendwann hatte: Ein paar Millionen oder viele Millionen, das macht ab einem bestimmten Punkt auch keinen großen Unterschied mehr. Tatsächlich hat der 65-Jährige von Tausenden Anlegern in Großbritannien, Israel und Südostasien, weit mehr als eine Milliarde Euro eingesammelt. Geld, das für sie größtenteils verloren war. „Die Dimension dieses Falles“, sagt der Münchener Rechtsanwalt Peter Mattil, der hunderte Geschädigte vertritt, „reicht eindeutig an die Fälle P&R und Wirecard heran.“ P&R war in den Zehnerjahren eine Container-Investment-Firma. Nur dass viele der Stahlboxen gar nicht existierten. Um den Finanzdienstleister Wirecard mit seinem schillernden flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek dreht sich gerade ein Strafprozess in München. Irgendwo dahinter käme dann er, Charles Smethurst. Die Frage ist nur: Wie wurde aus dem Mann, der früher einmal für C&A die Hosen und Pullover der nächsten Saison orderte, der Immobilientycoon, der das ganze große Rad drehte?
Das Versprechen klang verheißungsvoll
Und nicht zuletzt: Wo ist das ganze Geld eigentlich hin? Das Versprechen, mit dem Smethurst die Menschen um ihr Geld bat, klang tatsächlich verheißungsvoll. In denkmalgeschützte Bauten in ganz Deutschland werde ihr Kapital fließen, denen er zu neuem Glanz und Wert verhelfen werde. Dank Steuervorteilen und seines Geschicks seien zweistellige Renditen zu erwarten und ein wunderbarer Gegenwert aus Stein. Im Jahr 2008 gründete er dafür in Langenhagen bei Hannover das Unternehmen Dolphin Capital, später umbenannt in German Property Group. Die Liste der Gebäude, die Smethurst im Laufe der erwarb, muss für ausländische Anleger geklungen haben wie ein gedanklicher Ausflug in die deutsche Märchenwelt. Schloss Dwasieden auf Rügen, die Arensburg bei Rinteln, das Gasthaus Hohes Meer in Augsburg, die Kaiserkaserne Jüterbog, die Lederfabrik Zehdenick. Und, und, und. Insgesamt sollen fast 60 Objekte zur Gruppe gehört haben. Nur dass viele Bauten noch immer vor sich hin verfallen, als wäre nie etwas geschehen.
Einer, den Charles Smethurst und den Hochglanzprospekten vertraute, war der Brite Mark Hambling. Der heute 64-Jährige ist Buchhalter, er hat lange in der Immobilienbranche gearbeitet - und war also alles andere als naiv, als er 2014 über Finanzvermittlung auf Smethurst und Dolphin Capital stieß. Auf dem Papier, sagt Hambling heute, habe alles richtig gut ausgesehen. „Und wie die meisten betrachtete ich Deutschland als einen sehr sicheren Platz für mein Geld.“
Das sieht er heute anders.
Hambling suchte damals, mit 53, eine Möglichkeit, für das Alter vorzusorgen. Da kam ihm dieser Deutsch-Brite namens Smethurst, der so solide und bescheiden wirkte, gerade recht. „Das Gegenteil eines Blenders“, sagt Hambling noch heute. Die Hälfte seiner Ersparnisse, insgesamt mehrere hunderttausend Pfund, steckte er in das Projekt.
In den ersten Jahren erhielt er noch Zinsen. Regelmäßige Zahlungen, die ihn beruhigten. Doch die blieben nach einigen Jahren aus. Im Jahr 2019 hörte er eine Radiosendung in der BBC, die den Fall Smethurst aufdeckte. Er habe, sagt Hambling, sofort geahnt, dass alles darin stimmte.
Ein Wirrwarr aus 150 Untergesellschaften
Was der Verlust für sein Leben bedeutet? „Nun“, antwortet er mit britischem Understatement, „wenn ich von Smethurst nie gehört hätte, würde ich heute jedenfalls ein anderes Auto fahren.“ Ein größeres, besseres, soll das heißen. Aber es gehe ihm immer noch besser als anderen, die bei der Altersvorsorge voll auf Dolphin gesetzt haben. Hambling hat eine Gruppe gegründet, die die Interessen der Gläubiger vertritt, mehrere Hundert hatten sich darin zusammengeschlossen.
Einige hätten alles verloren, was sie für das Alter angespart hätten - und seien schließlich verzweifelt. „Ich weiß von Anlegern“, sagt Hambling, „die sich das Leben genommen haben.“
Die große Frage ist, ob Dolphin je dazu gedacht war, das Geld der Anleger zu mehren – und nicht nur das des Gründers. Schon 2015 sollen Betriebsprüfer auf Unregelmäßigkeiten und ein „mutmaßliches Schneeballsystem“ hingewiesen haben. Spätestens 2018 war die Gesellschaft, die für den Zahlungsverkehr in dem aus 150 Untergesellschaften bestehenden Konstrukt zuständig war, laut einem Gutachten überschuldet. Rechnungen und Darlehensrückzahlungen konnte Smethurst da auch nach Angabe der Anklage nicht mehr begleichen.
Dennoch soll Smethurst immer weiter gewirtschaftet haben, als wäre der Zusammenbruch nicht längst absehbar gewesen. Weitere Anleger habe er geworben – und verschwiegen, dass Dolphin längst pleite war. Erst 2020 ging das Unternehmen auch formal in die Insolvenz.
Dabei war auch dem 65-Jährigen schon vorher klar, dass da wohl nichts mehr zu retten war. So sagt er es inzwischen selbst.
Im Jahr 2003, so schildert er es nun vor Gericht, habe er, der Mann aus der Modebranche, in das Immobiliengeschäft hineingefunden. „Ein faszinierendes Geschäftsmodell“, so nennt er die Sanierung denkmalgeschützter Immobilien da. Nach Scheidung und einer Haftstrafe sei die Selbstständigkeit für ihn der Weg aus der persönlichen Krise gewesen. „Meine Tätigkeit brachte mir Ansehen, Geld und meine Selbstachtung zurück“, so stellt er es dar.
Nur dass seine Tätigkeit Tausende andere mitten hinein in persönliche Krise führte.
Sahen Behörden zu lange weg?
Was dann folgte, beschreibt Smethurst als Geschichte eines zu schnellen Aufstiegs. Insgesamt 100 Projekte habe er erfolgreich durchgeführt. Doch zu spät habe er gemerkt, dass sein Unternehmen „zu schnell wuchs“ und ständig auf neue Geldgeber angewiesen war. Schon ab 2015 habe er sich um die Sanierung des Unternehmens bemüht - und 2018 einen letzten Versuch unternommen. „Auf einer intellektuellen Ebene wusste ich, dass jeder weitere Versuch nicht gelingen würde“, sagt er. „Dennoch wollte ich mir mein Scheitern nicht eingestehen.“
Da klingt es dann fast, als sehe er sich selbst als Opfer. Und nicht die anderen.
Doch zur Geschichte dieses Skandals gehört auch die Milde der Behörden, die jahrelang über die Alarmzeichen hinwegsahen. Weder die Bafin, die Finanzaufsicht des Bundes, noch das Finanzamt stoppten Smethurst und Dolphin. Das Bundesamt für Justiz verhängte zwar wegen fehlender Abschlüsse Ordnungsgelder in Höhe von 650.000 Euro, ließ es damit aber auch gut sein.
Er sei ein „Verkaufsgenie“, so beschreiben ihn Menschen, die mit Smethurst zusammengearbeitet haben. Es wirkt, als habe Smethurst selbst den Behörden lange Zeit etwas verkaufen können: die Geschichte vom ehrlichen Kaufmann.
Dass er nicht in Untersuchungshaft musste, ist für Anlegeranwälte nicht mehr als eine Fortsetzung dieser Nachsicht. Und dass er jetzt wegen lediglich 27 Fällen vor Gericht steht, kritisiert Peter Mattil, „das ist, wie wenn jemand einen Supermarkt ausräumt und wegen einer Dose Cola angeklagt wird“.
Es ist die Untätigkeit der Behörden, die Mark Hambling, den Mann, der die Hälfte seiner Ersparnisse verloren hat, noch mehr aufregt als der Betrug selbst. Erst hätten sie ihre Aufsichtspflicht verletzt, dann keine Entschädigung übernommen. Ohnmächtig, sagt er, fühle er sich: „Du bist Opfer eines Verbrechens - und niemanden kümmert es.“
Seine Hoffnung, dass er noch Geld zurückbekommt, ist gering. Wohin das Geld floss, ist eines der Rätsel in diesem Fall. Klar ist, dass Finanzvermittler profitierten, ihnen zahlte Smethurst bis zuletzt üppige Provisionen, von 20 bis 25 Prozent ist die Rede. Auch Smethurts jetzige Frau hat laut Unterlagen, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegen, Beträge erhalten – sie betrieb von Hannover aus zeitweise einen TV-Shoppingkanal und gründete eine Modelinie.
Mildere Strafe gegen Geständnis
Tatsächlich stehen die Chancen der Anleger, ihr Geld zurückzubekommen, offenbar schlecht. Laut Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt gibt es 7500 Gläubiger. Insgesamt soll Dolphin rund 1,5 Milliarden Euro bewegt haben. Zwar seien 55 Immobilien vorhanden mit einem Gesamtwert von 150 Millionen Euro – doch sind diese mit jeweils mehreren Grundschuldeinträgen belastet, was einen Verkauf fast unmöglich macht. Derzeit laufen mehrere aufwendige Klagen.
Und auch bei Smethurst ist offenbar nichts zu holen. Er ist seit drei Jahren in der Privatinsolvenz.
Dafür sieht er jetzt einer vergleichsweise milden Strafe entgegen. Zehn Jahre Haft beträgt die Höchststrafe bei schwerem Betrug. Am ersten Prozesstag einigen sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf eine „Verständigung“: Im Gegenzug für sein umfassendes Geständnis wird das Verfahren in 21 der 26 Anklagepunkte eingestellt. Die Strafe soll zwischen sechs Jahren und neun Monaten und sieben Jahren und drei Monaten liegen. Sollte sich bewahrheiten, dass er krebskrank ist, wie er selbst heute sagt, könnte sich die Strafe noch um einige Monate reduzieren.
Von Thorsten Fuchs
