Gitarre spielen

Gitarren-Crashkurs in Sottrum: Lernt HAZ-Redakteurin in zwei Tagen Gitarre spielen?

Sottrum - Für Menschen, die schon immer mal Gitarre spielen lernen wollen, bietet Musik-Lehrer André Luek in seiner Sottrumer Musikschule Crashkurse an. Genau das richtige für HAZ-Redakteurin Andrea Hempen. Sie wagt den Versuch – kann das klappen?

Sottrum - Ein Instrument lernen – das wärs. Klavier erscheint mir schon wegen der vielen Tasten zu kompliziert, und mit Blasinstrumenten verbindet mich nichts. Aber Gitarre klingt doch gut. Erinnern Sie sich noch an Nicole beim Grand Prix? Ein bisschen Frieden, mit der weißen Klampfe! Herrlich. Ein Glück, dass ich André Luek, den Inhaber der Musikschule Music-Voyage in Sottrum, bei einem Pressetermin kennenlerne. Luek sagt, dass er jedem das Gitarrespielen beibringen kann. Mir bestimmt nicht, sage ich, und dass ich noch nicht einmal im Takt klatschen kann. „Doch, doch“, hält Luek dagegen. Na dann: Wette angenommen.

Erinnerungen ploppen auf

Ich habe mich für den Gitarren-Crashkursus im Januar angemeldet. Ein Wochenende jeweils zwei Stunden Unterricht in der Sottrumer Musikschule, für 160 Euro. Als ich mich auf den Weg mache, sind da auf einmal Erinnerungen an meine ersten musikalischen Gehversuche. Andrea war zwölf Jahre alt. Gitarrenunterricht mit anderen Kindern bei einem schrecklichen älteren Herrn. „Atte katte nuwa“ brachte er uns bei. Ein finnisches Kinderlied. Pädagogisch war der gute Mann nicht besonders bewandert. Mal sehen, was mich jetzt erwartet.

Im Foyer der Musikschule in der Thiebachstraße ist das Licht gedimmt. Zehn Stühle im Halbkreis. Vorne ein Hocker, dahinter aufgereiht zehn Gitarren. Nach und nach trudeln die Schüler ein. Die Spannung ist greifbar, die Teilnehmer hellwach, vielleicht ein sogar aufgeregt, so wie ich.

Gitarre und Zubehör inbegriffen

Für die 160 Euro bekommt jeder eine Konzertgitarre, dazu eine Tasche für das Instrument, einen Ständer, Ersatzsaiten, ein Fußbänkchen und ein Stimmgerät. Die Ausrüstung ist im Preis inbegriffen, da der Musiker in großem Stil bestellt, ist das möglich. Der Abend ist für Leute bestimmt, die immer schon mal Gitarre lernen wollten. Der Kurs soll zeigen, ob das Instrument wirklich etwas für sie ist, oder sie sich doch besser anderes Hobby suchen. Töpfern oder so.

Wir werden heute schon einen ersten Song zusammen spielen

André Luek, Musiklehrer

Nach dem Kursus spielen die Teilnehmer nicht wie Jimmy Hendrix. Logisch. „Aber wir werden heute schon einen ersten Song zusammen spielen“, kündigt der Lehrer an. Ha, ha! Nach dem Kursus ist alles möglich: Lieder begleiten oder eigene Songs spielen. Um dahin zu kommen, muss ich üben. Einige Grundlagen werden mit diesem Kursus geschaffen.

Etwas Theorie

Zunächst gibt es etwas Theorie: Kopf, Wirbel, sechs Saiten, Hals, Bünde, Korpus, Schallloch, Saiten, Steg und Sattel. Neben mir sitzen links Bianca und rechts Stephan. Bianca ist 35 Jahre alt, Erzieherin. Sie hat den Kursus von ihrem Mann zu Weihnachten geschenkt bekommen. Sie hat zwei Söhne, der große wird bald sechs und bekommt zum Geburtstag eine Ukulele. „Wenn das mit der Gitarre nicht funktioniert, dann probiere ich Ukulele“, sagt Bianca.

Wenn Schüler und Schülerinnen etwas nicht lernen, dann liegt es am Lehrer

André Luek, Musiklehrer

Stephan hat eine Gitarre von seiner Frau dabei. Die hat 2017 einen Crashkursus bei Luek besucht und spielt seither im Gitarrenchor der Musikschule. „Wenn Schüler und Schülerinnen etwas nicht lernen, dann liegt es am Lehrer“, sagt Luek. Er unterrichtet Klavier, Gitarre, Gesang, Schlagzeug, Cajon, Schauspiel, gibt Musik- und Schauspieltherapie. „Ihr sollt mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Wenn das nicht so ist, sagt mir bitte Bescheid“, sagt Luek. Dann würden weitere Termine vereinbart. Er wolle keine leeren Versprechungen machen.

Keine Extra-Wurst für die Frau von der Zeitung

Das Instrument wird wie ein rohes Ei behandelt. Das gilt aber nicht für die Teilnehmerin, die über ihren Selbstversuch schreiben will. Keine Sonderbehandlung für die Frau von der Zeitung. Los, Saiten stimmen. Dafür wird ein digitales Stimmgerät am Hals der Gitarre befestigt. Anhand der Vibration erkennt es, ob der Ton stimmt – dann leuchtet das Display grün. Bis es so weit ist, drehen alle Teilnehmer an den Wirbeln. Bei mir leuchtet es gleich bei der ersten Saite nach ein paar Umdrehungen grün. Läuft! Wenn das so weiter geht, wird der erste Song kein Problem für mich. Meine Euphorie legt sich sofort, die folgenden Saiten wollen nicht gestimmt werden. Zumindest nicht von mir. Mit Andrés Hilfe klappt es. Weiter geht es.

Nützliche Eselsbrücke

„Ein André der gern Blödsinn erzählt.“ Dieser Satz wird mich zwei Tage lang verfolgen. Nicht, weil ich denke, dass es so ist, sondern weil wir Kursteilnehmer mit dieser Eselsbrücke die Saiten merken sollen: E, A, D, G, B, e. Die Finger bekommen Zahlen. Dann geht es weiter. Drei Finger für C-Dur, es folgen A-Moll, E-Moll und G-Dur. Alle Teilnehmer schreiben sich die Griffe auf. Wie immer, wenn ich unter Stress gerate, schreibe ich groß und sehr undeutlich. Nullkommanix ist die Seite voll. Blick nach links: Bianca schreibt extrem ordentlich. Blick nach rechts. Stephan ebenfalls. Das setzt mich zusätzlich unter Druck. Und jetzt sollen wir auch noch von C-Dur auf A-Moll wechseln! Leichter gesagt als getan.

Der erste Song

Obwohl zehn Menschen gleichzeitig auf ihren Gitarren klimpern und es sicher nicht harmonisch klingt, höre ich nichts. Das wundert mich kurz, aber klar: Das ist die Konzentration. Kurz vor Schluss spielt Luek einen Rocksong ab. „Den spielen wir jetzt!“. Ja klar! Er malt an ein Flipchart, welche Griffe wann dran sind. Die Wechsel bekomme ich hin. Nur dauert es so lange, dass ich stark hinterherhinke. Das Lied ist vorbei. Ich bin noch nicht fertig. Meine Versuche, den einen oder anderen Griff zu überspringen, scheitern kläglich.

Die Wechsel üben

Zuhause übe ich später vorm Einschlafen den Wechsel zwischen C-Dur und A-Moll. Klappt schon besser, aber wo sind mein Mann und unser Hund? Gut vorbereitet – wie ich meine – starte ich am nächsten Tag in den zweiten Kursteil. Kann ja keiner ahnen, dass da noch weitere Akkorde auf mich warten: A-Dur, D-Dur und E-Dur, G-Dur und E-Moll. Blick zur Seite: Stefan, dieser Fuchs, hat alle Durs und Molls auf ein Blatt geschrieben. Auch Bianca hat es so gehalten. Damit sind die beiden im Vorteil, als wenig später ein neues Lied angestimmt wird. Die Akkorde werden gewechselt, ich muss ständig blättern, und dann noch meine langsamen Griffwechsel. Ist das Schweiß auf meiner Oberlippe? Wieder höre ich nicht, was die anderen Schüler so von sich geben. Beim Blick auf den HAZ-Fotografen Werner Kaiser ahne ich: Ohrenschmaus geht anders. Das einzige, was zu mir durchdringt, ist, dass der Song von Chuck Berry immer leiser wird. Die Wechsel der Fingerpositionen bereiten offenbar nicht nur mir Mühe.

Mein Respekt vor Musikern ist extrem gestiegen

Stephan, Teilnehmer

Nach etwa anderthalb Stunden Unterricht sagt André Luek: „Gestern um 17.59 Uhr konntet ihr noch keinen einzigen Ton spielen.“ Nun haben wir das Rüstzeug, dem Instrument verschiedene Töne zu entlocken. „Mein Respekt vor Musikern ist extrem gestiegen“, murmelt Stephan neben mir. Vom Kursus ist er begeistert: „Das hat wirklich viel Spaß gemacht.“ Bianca sagt: „Das war viel, aber toll!“ Sie will es mit der Gitarre weiter versuchen. Sollte sie das Instrument nicht in den Griff bekommen, wäre ja noch die Ukulele im Haus. Ich bin platt, begeistert und fühle mich Nicole noch viel näher. Die trug damals so eine strenge Rüschenbluse. Ob ich mir so eine kaufen sollte?

Eine Teilnehmerin bedankt sich bei Luek mit den Worten: „Es war mir ein inneres Blumenpflücken.“ Der Mann ist gerührt. „Und, wie sieht es bei dir aus? Willst du weitermachen?“, fragt er mich. Ja, ich will. Für die Bühne wird es nicht reichen, aber vielleicht irgendwann für ein Geburtstagsständchen für meinen Mann. Hauptsache, der Hund läuft nicht wieder weg.

Wenige Tage später meldet sich Luek mit einer neuen Idee bei mir. Für Menschen, die sich nach dem Crashkursus nicht an Kurs-Zeiten binden können oder wollen, hat er ein weiteres Unterrichtskonzept entwickelt. Im nächsten halben Jahr will er einen betreuten Unterricht anbieten, den er Lernkino nennen wird. Per App können Schüler oder Schülerin einen Raum in der Musikschule buchen und bekommen per Video von Luek Anweisungen. In der Stunde darauf soll es dann unter anderem eine Analyse der Übungsstunde geben.

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