Hildesheim - „Bei Nacht sind erstens alle Katzen grau und ist zweitens der Mensch nicht gern allein“, verkündet der selbsternannte König des Jazzschlagers, Götz Alsmann. Und allein ist man im ausverkauften Audimax der Uni wahrlich nicht. Das Licht senkt sich und los geht`s mit einer Nachtwanderung, wie Alsmann verspricht.
Für sein neues Programm „Bei Nacht“ hat er tief gegraben, um vergessene Schlager-Schätze von 1910 bis 1965 zu heben – wie das „Nachtlied“ vom Nachkriegs-Filmkomponist Friedrich Meyer oder „Nachts sind die Straßen so leer“, eine Single-B-Seite von Peter Alexander. Die neu arrangierten Stücke werden jazzig und sehr virtuos präsentiert von der Götz Alsmann Band. Vor allem der Vibraphonist Professor Altfrid Maria Sicking fasziniert an seinen Instrumenten, die er selbst bei komplexen Soli wie nebenbei mit vier Schlägeln gleichzeitig bedient.
Bewegend wird es dann, wenn Alsmann einfach nur singt
Man sieht und hört, was Alsmann und die Band können, doch so richtig mitreißend ist die Musik nicht. Sie kennt im Grunde nur wenige Facetten: Hintergrundmusik, die man gut hören kann, während man in einer Bar in Richtung Sperrstunde seinen letzten Cocktail schlürft. Bei der Variante „jetzt wird`s ein bisschen flotter“ stehen Latino-Rhythmus und Cha-Cha-Cha im Vordergrund, da zuckt auch mal das Tanzbein. Doch wirklich bewegende Momente blitzen nur selten durch, nämlich dann, wenn Götz Alsmann sich ganz dem Gesang widmet, wie bei „Illusionen“ von der unvergessenen Alexandra.
Da steht plötzlich im Raum, was einen Schlager ausmacht: Melancholie, Sehnsucht, Leidenschaft - die ganze Bandbreite des Dramas, Text, Gesang und Musik, die für immer im Kitsch vereint sind. Mit der Auflösung dieses unabdingbaren musikalisch-textlichen Kitsch-Verbunds bleiben meist nur banale Worte mit angenehmer, aber leider themaverfehlender Begleitung.
Plätschernder Jazz ohne Ecken und Kanten
Für einen lockeren Abend ist der plätschernde Jazz ohne Ecken und Kanten in Ordnung und kommt beim 60-plus-Publikum sehr gut an, aber ob das auf der Grundlage dieses oder jenes Schlagers passiert, ist für die meisten Arrangements eher egal.
Nicht egal ist allerdings, dass man zwischen den Liedern erfährt, was für ein großartiger Entertainer Alsmann nach wie vor ist. Mit fein ausgefeiltem Text führt er durchs Programm, erzählt wunderbar absurde Geschichten zu den Schlagern, zu den Filmen, für die sie komponiert wurden, lässt fast vergessene Filmgrößen wie Gisela Fackeldey, Horst Frank oder Margot Hielscher auferstehen oder einen Friseur Webers in Münster erleben, der seine Waschbecken zur Aufbewahrung diverser Schnäpse benutzt. Alsmann erzählt in so brillanter Dynamik, dass man erst meint, den rasanten Geschichten kaum hinterherzukommen, dann aber fast an eine Wand läuft, so wohlgesetzt sind die Pausen.
Allein Alsmanns Moderation ist die Eintrittskarte wert
Das ist so rasend komisch und überzeugend, dass allein Alsmanns Moderation den Konzertbesuch wert ist. Das Publikum ist begeistert, mit Standing Ovations ergattert es noch eine Ukulele-Zugabe und „Sag mir quando“ – und entschwindet in die Nacht, in der es diesmal ein bisschen weniger allein ist.
