Hildesheim - Jesus masturbiert viel und duscht selten. So zumindest offenbart sich Johnny dem Publikum. Der Jugendliche ist nicht nur ein selbsternannter Jesus of Suburbia, sondern auch ein “American Idiot”. Dieser Heiland der Kleinstadt ist, passenderweise, ab sofort in Hildesheim am Theater für Niedersachsen (tfn) zu sehen. Zwischen der Ankündigung für die Spielzeit 2020/21 bis zur Premiere am vergangenen Karsamstag musste das tfn-Team nahezu biblische Plagen ertragen. Jetzt darf die Musical-Company die bekannten Hits der Rock-Band Green Day schmettern. Schon die begeisterten Reaktionen bei der Premiere zeigen: Halleluja, das Warten hat sich gelohnt!
“Green Day’s American Idiot” erzählt die Geschichte aus dem gleichnamigen Album. 2004 machte es die Gruppe zu Weltstars, und schon 2009 lief es erfolgreich am Broadway. Das Stück behält das Grundgerüst der Erzählung, verteilt die Geschichte aber auf die Schultern von drei Hauptfiguren: Johnny, die Hauptfigur der Vorlage, sowie seine Freunde Will und Tunny. Die Drei verplempern ihre Jugend in einer Kleinstadt in den Staaten. Nabel ihrer Welt ist ein Supermarktparkplatz, Treibstoff ihres Alltags sind Drogen. Die Jungs wollen raus aus dieser “Stadt der Verdammten”. Für Will endet der Selbstfindungstrip, bevor er begonnen hat. Das Kreuz, das er zu tragen hat, findet sich nämlich auf dem Schwangerschaftstest seiner Freundin. Tunny sucht Halt bei der Armee, Johnny bleibt an der Nadel hängen.
Es geht ums Lebensgefühl von Heranwachsenden
Auch wenn es die Entstehung während der Bush-Regierung zwischen 9/11 und Irak-Krieg vermuten lassen, war und ist “American Idiot” kaum politisch. In erster Linie erzählen Musik und Musical vom Erwachsenwerden. Ob Bush oder Trump das Sagen haben, ist gleich. tfn-Oberspielleiter Oliver Pauli zeigt die amerikanischen Idioten deswegen auch nur am Anfang bei einer Kissenschlacht. Es geht sonst ausschließlich um Johnny, Will und Tunny. Im Fokus steht das Lebensgefühl von Heranwachsenden: voller Wut und Liebe, ziel- und orientierungslos. Johannes Osenberg, Thomas Wegscheider und Clemens Otto Bauer als Hauptdarsteller-Trio haben sicht- und hörbar Lust auf und Spaß an der Sache. So bleibt das Stück immer nah an den Figuren und so mitreißend wie unterhaltsam. Da stört es auch nicht, dass sich das letzte Drittel mit dickem Katerschädel nach Hause schleppt.
Denn davor drückt das 90-minütige Stück ohne Pause aufs Gas. Bühnenbild und Kostüme stammen direkt von einem Rock-Konzert: Traversen und Pyrotechnik, Rampen und Podeste, bunte Perücken und nackte Haut, Kajal im Gesicht und Sprühfarbe an den Wänden. Regisseur Pauli und seine Kostümchefin Vanessa Khawam-Habib werfen sich ins Klischee wie ein Rockstar ins Publikum und werden genauso getragen. Pauli gelingen immer wieder inszenatorische Kabinettstücke. Den Kriegseinsatz von Tunny lässt er zum Beispiel im hinteren Teil der Bühne geschehen, während Will im Vordergrund auf der heimischen Couch an der Videospielkonsole ballert. Immer wieder lässt Pauli die Handlungsstränge so nebeneinander laufen und erzählt die Geschichten so mehrstimmig und trotzdem fast ohne Dialog nur über starke Bilder und die Musik. Das ist richtig gut gelungen.
Begeisterter Szenenapplaus
Dass “Green Day’s American Idiot” so viel Spaß macht, liegt natürlich auch an der Musik. Das Musical umfasst alle Songs des Albums und erweitert das Repertoire, wo nötig, um Songs vom Nachfolge-Album (“21 Guns” und “Know Your Enemy”, zum Beispiel). Die Chart-Hits wie “Boulevard of Broken Dreams” oder “Holiday” sorgen dann auch für nickende Köpfe im Publikum und bekommen begeisterten Szenenapplaus. Dass Green Day mit “American Idiot” endgültig Rock für die Radiostationen und Stadien gemacht haben, kommt einer Theateraufführung natürlich zugute. Als musikalischer Leiter kann Andreas Unsicker mit Band klassischen Rock aus den Boxen schallen lassen und die Songs zu Ensemble-Hymnen arrangieren. Mit dem Sound aus dem Gilman, dem Club in San Francisco, wo sich Green Day in den 80ern fanden, hat das wenig zu tun. “American Idiot” schüttelt seine Mähne im Scheinwerferlicht zwischen den Rock-Epen von Jim Steinman und Meat Loaf sowie “The Wall” von Pink Floyd. Genauso gewagt wie gefällig. Eine gute Mischung. Der laute Jubel und die stehenden Ovationen am tfn beweisen das. Amen, das heißt, so sei es!
