Praxisübergabe

Groß Düngen: Landarzt Kuddel Renner setzt sich zur Ruhe – ein kritischer Blick zurück und warum er es aber nie anders haben wollte

Groß Düngen - Landarzt ist nicht nur ein Job, sondern eine Berufung. So sieht es Kurt Renner, den fast alle nur Kuddel nennen. Vor 40 Jahren hat er seine erste Praxis in Heinde eröffnet, jetzt ist er im Ruhestand. Dass sich kaum noch junge Mediziner im Land selbstständig machen wollen, kann er nachvollziehen: „Da muss sich viel tun.“.

Kurt Renner, den eigentlich fast alle nur Kuddel nennen, hat das Stethoskop an den Nagel gehängt und seine Landarztpraxis in Groß Düngen übergeben. Foto: Ulrike Kohrs

Groß Düngen - Fast 50 Jahre lang war er in der Medizin tätig, 40 Jahre davon als selbstständiger Landarzt, erst in Heinde, dann in Groß Düngen. Jetzt hat Dr. Kurt Renner, den eigentlich alle nur Kuddel nennen, sein Stethoskop an den Nagel gehängt und die Praxis an seine Nachfolgerin übergeben. Einen anderen Beruf als den des Landarztes hätte er gar nicht haben wollen. „Das war mein absoluter Traumjob“, sagt er. Auch wenn der Zeit, Nerven und Kräfte raubend war, hat Renner nicht einen Tag bereut.

Nickelbrille, schwarze Weste, die grauen Haare etwas länger als die der meisten anderen Männer in seinem Alter. 73 Jahre ist Renner alt. Und was andere so über ihn reden oder denken, ist ihm schon immer egal gewesen. Kuddel ist eben Kuddel: zugänglich wie selbstbewusst, streitbar wie mitfühlend. Vor allen Dingen ist er aber immer er selbst – ob als Arzt, ehemaliger Kommunalpolitiker für die SPD oder als bekannter Bluesmusiker.

Erste Praxis in Heinde

Nach Studium und einer Zeit im St. Bernward Krankenhaus, fasste Renner schnell den Entschluss, seine eigene Praxis aufmachen zu wollen. Im Erdgeschoss seines Hauses in Heinde richtete er die Räume ein. Seine Frau Jutta, gelernte Kinderkrankenschwester, half dort zunächst mit. Oben wohnen, unten arbeiten – lange Jahre ging das gut. Doch Familie Renner, bald mit drei kleinen Mädchen, hatte nie so wirklich Feierabend. „Die Patienten klingelten auch schon mal nachts“, erinnert sich Renner und schmunzelt. Das sei nie wirklich schlimm gewesen – für ihn, den Arzt mit Leib und Seele. Für die Familie war es aber natürlich mitunter problematisch.

Also wagte Renner 2006 einen Neustart, bezog eine neue und deutlich größere Praxis in Groß Düngen. Das sei schon deswegen angezeigt gewesen, weil er unentwegten Patientenzustrom und mittlerweile einen Partner aufgenommen hatte. Auch in den vergangenen Jahren hatte er in Judith Würzburg eine Praxispartnerin, „die ich lange gesucht habe“, erzählt Renner.

Landarzt-Nachwuchs ist Mangelware. Für Renner nicht überraschend. In städtischen Praxen oder gar den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die es mittlerweile überall gebe, hätten die jungen Mediziner und Medizinerinnen ein besseres Auskommen. „Jeder Klempner bekommt schon für die Anfahrt zum Kunden mehr Geld als ein Arzt beim Hausbesuch“, ärgert sich Renner.

Es fehlt an Zeit

Ohnehin seien die Abrechnungspauschalen falsch gestaltet, dann noch dieser unfassbar bürokratische Aufwand, kritisiert er. Es bleibe kaum mehr Zeit für die Patienten. „Aber die braucht man als Landarzt“, erzählt Renner, der bei mancher Familie inzwischen die dritte Generation bei sich in der Praxis hat. Es müsse zwischen Diagnose und Behandlung auch mal Zeit für ein kurzes Schwätzchen sein. „Ich habe den Beruf nie des Geldes wegen gemacht, aber auch ein Landarzt muss am Ende des Monats Rechnungen bezahlen und seine Familie versorgen“, sagt Renner.

Nach 40 Jahren hat er sich nun aus der Praxis zurückgezogen. Judith Würzburg übernimmt. Und Renner hofft, dass sie so viel Glück wie er haben wird und ebenfalls einen guten Partner oder eine Partnerin für den Betrieb findet. Aus der Medizin will sich Renner aber noch nicht so ganz verabschieden. Er will einige Kollegen bei Notdiensten vertreten und beim Blutspendedienst in Springe aushelfen. So ganz kann er den Arzt einfach nicht ablegen.

Der Musiker bleibt

Auf keinen Fall will er jemals den Musiker ablegen. Als Frontman bei Kuddel Renner & His Amazing Blues Orchestra steht er seit Jahrzehnten auf der Bühne und will das auch nicht lassen. „So lange ich den Weg zum Übungsraum finde, mache ich Mucke“, sagt Renner. Und was der sich in den Kopf setzt, das macht er auch.

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