Hildesheim - Wie so ein Proll halt auszusehen hat: dicker Bizeps, dicke Rolex, Goldkettchen umm’en Hals und leichtes Berlinerisch uff’en Lippen. Felix Lobrecht kommt aus Neukölln, konnte also entweder reich oder kriminell werden (oder beides). An diesem Donnerstag ist er in Hildesheim, was bedeutet, dass der 30-Jährige reich geworden sein muss. Provinz muss man sich halt auch leisten können. In Bezug auf die Halle 39, wo der Comedian an diesem Abend auftritt, ist er unschlüssig. „Hier könnten auch Handballspiele stattfinden, aber solche, an denen keiner Geld verdient außer die behinderten Kinder am Würstchen-Stand.“
Halle 39 ist ausverkauft
2000 Leute wollen Lobrecht sehen. Die Halle 39 ist ausverkauft. Cappies und Kapuzenpullis, frisierte Augenbrauen und funkelnde Ohrringe. In seiner Altersgruppe ist Lobrecht ein Star. 500 000 Menschen lassen sich von ihm jede Woche „Gemischtes Hack“ frei Haus liefern. Er betreibt damit den erfolgreichsten Podcast im deutschen Sprachraum. Jetzt war er auch mal in Hildesheim. Studierende des „kreativen Schreibens“ lockt sein Kommen nicht. „Schade“, findet Lobrecht, „ich hätte denen gerne gesagt, dass ich das nie studiert habe und jetzt schon reich bin.“
Jede Minderheit habe ein Recht auf Diskriminierung, hat Kabarettist Serdar Somuncu mal als Parole ausgegeben. Die Deutschen würden sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen, titelt die Bild-Zeitung dieser Tage. Den ersten Szenenapplaus erntet Lobrecht an diesem Abend für die Feststellung: „In Aachen ist jeden Tag Silvester in Köln.“ Für die Beschreibung zwei „Sport-Bitches“ gibt es die zweite Runde: „Nachher nehmen wir MDMA und lassen uns von einem Schwarzen ficken.“
Lobrecht: Hauptsache „Opfer“ und „Hurensöhne“
Die Witzepolizei habe alles kontrolliert, es dürfe gelacht werden, beruhigt Lobrecht. Witze macht er bevorzugt über Frauen („Nur Tampons und Schminke im Kopf“) oder Behinderte („Gibt auch Leute, die müssen den Weg von ihrem Auto zur Haustür selber laufen“), Deutschland („In Neubrandenburg sagen sich Fuchs und Hase noch ’Heil Hitler’ und die Gegend sieht aus wie ein großes Rechtsrock-Konzert“) und politische Korrektheit – die erwähnte Witzepolizei besteht bei ihm aus Xavier Naidoo und Kollegah.
Das wird man alles so noch sagen dürfen. Denn Haltung zeigt Lobrecht in seinem Programm „Hype“ nicht. Hauptsache Tabubruch, Hauptsache laut, Hauptsache „Opfer“ und „Hurensöhne“. Etwas mehr als 90 Minuten bespaßt Lobrecht die Leute. Schon in der zweiten Hälfte geht es kaum noch um Schwule und Ausländer, dafür um eine Krähe, die sich in sein Wohnzimmer verirrt hat, und seine Freunde, die jetzt Kinder kriegen. Standard-Comedy statt Stand-Up-Comedy. Ein paar Sprüche ins Publikum („Das Lachen klang nach 40, ledig, Bürokauffrau – da konntest du die Kaffeeflecken auf den Schneidezähnen hören.“), ein bisschen Publikumsinteraktion („Hast Du gerade einen Orgasmus?“) ein bisschen Wehmut („Jeder Hype ist auch mal vorbei“), dann kommt der Mic Drop. Musik und Licht gehen an und die Leute nach Hause.
Große Klappe, nichts dahinter
Es wird genug Menschen geben, die sich über die Sprüche von Lobrecht aufregen werden und wollen. Darüber, dass Frauen meist Bitches oder Nutten sind, „Mann nicht drinsteckt“ oder diese gut blasen können. Genauso wird es Leute geben, die sich freuen, dass da „mal eener keen Blatt vor’n Mund nimmt“. Aber, was soll’s und wieso der Hype? Wie so ein Proll halt aufzutreten hat. Große Klappe, nichts dahinter. Szenenapplaus.
