Energiewende

Große Wasserstoff-Leitung quer durch den Kreis Hildesheim geplant

Kreis Hildesheim - In Deutschland soll in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ein Wasserstoff-Netz etabliert werden. Eine wichtige Leitung soll an Hildesheim vorbeiführen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wasserstoff gilt als zentraler Baustein der Energiewende. Eine große Rohrleitung soll durch den Landkreis Hildesheim führen. Foto: Jens Büttner/dpa

Kreis Hildesheim - Der Ausbau eines Leitungsnetzes für Wasserstoff – auf lange Sicht aus grünem Strom gewonnen – gilt als eins der wichtigsten Elemente der Energiewende in Deutschland und in ganz Europa. Eine bedeutende Trasse soll bis Ende des Jahrzehnts im Kreis Hildesheim entstehen.

Wo ist die Leitung geplant?

Die Leitung soll von der Gasstation bei Egenstedt, nach Salzgitter-Hallendorf zum dortigen Stahlwerk führen. Zudem soll eine bereits bestehende Erdgasleitung von Hannover nach Egenstedt auf Wasserstoff umgestellt werden. Zusammen sorgen beide Leitungen für eine Verbindung von den Terminals und den unterirdischen Speichern im Raum Wilhelmshaven nach Salzgitter, wo mit dem Stahlwerk einer der potenziell größten deutschen Abnehmer wartet.

Warum gerade dort?

Im Rahmen einer sogenannten Unternehmens-Allianz treiben sieben große Firmen, darunter neben der Salzgitter AG vor allem große Energie-Unternehmen und Gasnetzbetreiber, den Ausbau eines Wasserstoff-Netzes voran, das von Wilhelmshaven aus das Rhein-Ruhr-Gebiet und eben Salzgitter erschließen soll. Der dortige Stahlkonzern agiert seit Jahren als Vorreiter bei der Umstellung von Erdgas und Koks auf – möglichst grünen – Wasserstoff. Das Vorhaben gilt als Jahrhundert-Projekt, Bund und Land fördern es in Milliardenhöhe. Denn es geht auch darum, zu zeigen, dass eine extrem energieintensive Industrie im Zuge der Energiewende in Deutschland gehalten werden kann. Salzgitter will seine Stahlproduktion in den nächsten zehn Jahren in drei Stufen auf CO2-arm umstellen.

Die Salzgitter AG verfolgt das Projekt mit dem Namen „Salcos“ bereits seit acht Jahren und geht davon aus, ihre CO2-Emissionen durch die Umstellung auf grünen Wasserstoff um mehr als 95 Prozent reduzieren zu können. Zuletzt verzeichnete der Stahlkonzern Emissionen von rund 8 Millionen Tonnen CO2 im Jahr – ein Prozent der der gesamten Emissionen in Deutschland, zehn Prozent des Ausstoßes in Niedersachsen.

Wann soll die Leitung entstehen?

Bauherr ist der Gasübertragungsnetz-Betreiber Nowega, eine Tochtergesellschaft der Erdgas Münster GmbH. Sie möchte die Leitung von Hildesheim nach Salzgitter in den Jahren 2029 oder 2030 in Betrieb nehmen.

Wo soll sie genau verlaufen?

Das steht noch nicht fest. Das Planfeststellungsverfahren, in dem festgelegt wird, ob die Leitung überhaupt gebaut werden soll und wenn ja, wo, hat noch nicht begonnen. Genehmigungs-Behörde ist das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG). „Mit diesem wird auch der Baubeginn abgestimmt“, erklärte Nowega auf HAZ-Anfrage.

Ist die Leitung nur für die Salzgitter AG?

Nein. Zwar bietet sich das Stahlwerk als Zielort an, zudem sollen bei Salzgitter die Netze mehrerer großer Leitungsbetreiber im Nordwesten und Nordosten Deutschlands aufeinander treffen. Doch abgesehen davon können von dieser Leitung aus auch weitere Großverbraucher angeschlossen werden, ebenso kann von dort aus ein lokales Leitungsnetz aufgebaut werden.

Wie groß soll die Leitung werden?

Nowega plant einen Rohrdurchmesser von mindestens 40 Zentimetern. Zeichnet sich ab, dass mehr Verbraucher über die Leitung versorgt werden wollen und sollen, ist ein Durchmesser von 60 Zentimetern angedacht. Diese Entscheidung ist noch nicht gefallen. Die Kapazität soll bei drei bis vier Gigawatt liegen.

Was bedeutet das für Boden und Landschaft?

Wie bei den bestehenden Leitungen des Erdgas-Fernleitungsnetzes ist bei neuen Wasserstoffleitungen vorgeschrieben, dass mindestens ein Meter Boden über der Leitung liegt. Über der Leitung dürfen auf einem zehn Meter breiten Schutzstreifen keine Baumaßnahmen erfolgen, auch dürfen dort keine tiefwurzelnden Gehölze wachsen.

Können auch Hildesheimer Firmen davon profitieren?

Ausdrücklich ja, betonen Nowega und die Avacon Hochdrucknetz GmbH, die für die regionale Weiterverteilung zuständig ist. Erste Abfragen in den vergangenen Jahren hatten zwar noch kein konkretes Interesse hiesiger Firmen ergeben. Doch das hat sich inzwischen geändert: Gas-Großverbraucher wie KSM Castings in Hildesheim und Sappi in Alfeld sind längst mit Avacon im Gespräch dazu, weitere Firmen dürften folgen.

KSM sei „sehr interessiert an dem Thema“, sagt Sprecherin Sandra Dichter. Und auch Sappi hat einen Fuß in der Tür. „Wir sind mit der Avacon dazu im Gespräch“, sagt Richard Huster, bei Sappi Alfeld für Energiethemen zuständig. „Im Rahmen der Dekarbonisierungs-Strategie für unser Werk prüfen wir auch den möglichen Einsatz von Wasserstoff.“ Der Hildesheimer SPD-Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal hat interessierte Unternehmen aus der Region und Experten aus der Energiebranche für Anfang Juni zu einer Online-Konferenz eingeladen.

Selbst der Aufbau eines Wasserstoff-Netzes für private Haushalte ist nicht ausgeschlossen. Experten sehen Wasserstoff derzeit allerdings in erster Linie als Brennstoff für große Industriebetriebe.

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