Adenstedt - Für ein Foto führt Hufschmied Stefan Brodbeck den 14-jährigen Obi langsam auf die sattgrüne Wiese an einem beschaulich gelegenen Bauernhof in Adenstedt. Der 29-jährige Mann pustet dem Schecken gegen die Nüstern. Was das soll? Eine Kontaktaufnahme, eine Kommunikation, erklärt der Experte. „Wenn Pferde aufeinandertreffen, pusten sie sich an. Sie haben Botenstoffe im Atem.“ Dies ahmt er nach, um mit den Tieren behutsam eine Verbindung aufzubauen. Das erinnert natürlich an den US-Film „Der Pferdeflüsterer“ mit Robert Redford.
Für den Adenstedter Hufschmied ist es wichtig, dass Tiere ganz und gar keine Sache sind. Deshalb ist beim Beschlagen eines Pferdes, der Hufpflege mit Werkzeug oder der Anprobe eines Hufschuhs aus Kunststoff jegliche Gewalt tabu. Ohrfeigen, Tritte oder Schläge sind laut Brodbeck für ihn kein Mittel, um mit den Tieren zu arbeiten. Er bringt sie einfühlsam auf seine Seite. Mit Streicheln und ruhigen Worten, die sanfte Stimme hilft, das Eis zu brechen. Damit das Tier keine Angst mehr hat, Nervosität abbaut, sogar zutraulich werden kann.
Elegante Vierbeiner können schwierig sein
Der Hufschmied hat seit sieben Jahren Erfahrung im Umgang mit den zuweilen ziemlich eleganten Vierbeinern. Er kennt das mühsame und historische Handwerk genau, weiß um die harte Arbeit, die viel Zeit kostet.
Aber als leidenschaftlicher Tierfreund sieht sich Brodbeck in der Pflicht. Die erfüllt er gern in seinem Betrieb, den er zusammen mit seiner Partnerin Melanie (24) in Adenstedt auf die Beine gestellt hat. Sie ist die Geschäftsführerin, der 29-Jährige legt bei den Pferden Hand an.
Dabei geht es immer um den Schutz der Hufe. Kranke Hufe können für Pferde das Aus bedeuten. Einige Pferde brauchen keine Hufeisen oder Kunststoffschuhe, sie sind sozusagen barfuß unterwegs, das heißt: Brodbeck bearbeitet die Hufe, beschneidet diese und höhlt sie aus, damit die Rösser gut über Flächen laufen können.
Manche marode Hufe modelliert er sogar, indem er sie mit einem speziellen Harz auffüllt. Man fühlt sich an ein Nagelstudio erinnert.
„Pediküre“ für Pferde
Und andere Pferde benötigen Hufeisen, beispielsweise Turnier- oder Polizei-Pferde, die über Scherben oder anderen achtlos weggeworfenen Müll gehen müssen. Auch lange Distanzen sind für sie nur mit Hufeisen zu bewältigen. Etwa dann, wenn Pferd und Reiter tagelang auf verschiedenen Flächen Strecken zurücklegen.
Die „Pediküre für Pferde“ oder der Beschlag fordert Brodbeck und seinen Kompagnon Hannes Rosenkranz in Hary enorm. Um die Arbeit auch in Zukunft zu bewältigen und die Privatkundschaft zufriedenzustellen, setzt der Neu-Adenstedter, der bislang noch in Bad Salzdetfuth wohnt, auf neue Kräfte.
Er würde seinen gut 130 Jahre alten Hof, der einmal eine Klinik und ein Refugium für alte Pferde werden soll und gründlich umgestaltet wird, gern auch als Talentschmiede nutzen. Wohlwissend, dass das fordernde Handwerk nicht allzu viele reizt. Bisher. Durch seine Öffentlichkeitsarbeit und Berichte in Medien wie der HAZ hofft Brodbeck Interesse zu wecken. Deutschlandweit gibt es etwa 1,25 Millionen Pferde (rund 230.000 in Niedersachsen) und schon seit Jahren rund 3500 Hufschmiede, Tendenz sinkend. Das Handwerk benötigt Nachwuchs. Auch Quereinsteiger sind willkommen.
Brodbeck selbst hatte zuvor Tiermedizin studiert, aber nach dem es in zwei Semestern in Heidelberg nur um rote Blutkörperchen ging, hatte der Mann jeden Antrieb verloren. Er wurde Gerüstbauer, bis er sich seiner wahren Profession zuwandte. Mit der ist er glücklich – bei allen Schwierigkeiten. Wenn man als Schmied Metall am Amboss in Form bringt, an der Esse und das Eisen 1200 Grad heiß werden muss, damit es kirschrot und biegsam wird. Ringsum ist es dann laut Brodbeck 35 Grad heiß.
Die Liebe motiviert ihn
Doch die Liebe zu den Pferden ist die Triebfeder, die Brodbeck immer weiter machen lässt. Und möglicherweise bringt er doch noch einige dazu, einen tausende Jahre alten Beruf zu erlernen.


