Wirbel um Bedarfsplan

Gutachter-Panne bringt Rettungsdienst im Kreis Hildesheim in Nöte – wann können Engpässe entschärft werden?

Kreis Hildesheim/Alfeld - Weil der Gutachter über tausend Rettungseinsätze vergaß, geriet das Gefüge der Planung für den Kreis Hildesheim aus dem Lot, besonders im Raum Alfeld. Das hat in den vergangenen Wochen viel Wirbel verursacht. Es gab heftige Kritik wegen bestehender und weiterhin drohender Engpässe. An einer Lösung wird gefeilt – aber es gibt ein neues Problem.

Die Einsatzgebiete der Rettungswachen und -wagen bedarfsgerecht zu planen, ist eine Wissenschaft für sich. Foto: Chris Gossmann

Kreis Hildesheim/Alfeld - Der Rettungsdienst im Kreis Hildesheim soll nun in Ruhe neu aufgestellt werden, nachdem sich herausgestellt hat, dass der beauftragte Gutachter beim Berechnen des Bedarfs offenbar zwei Umstände nicht ausreichend berücksichtigt hatte: die Schließung der Notaufnahme in Alfeld, die zu längeren Fahrten in andere Kliniken führt – und, vor allem, die mehr als 1000 Einsätze pro Jahr in Delligsen. Der Flecken im Nachbarlandkreis Holzminden wird mit seinen 7.600 Einwohnern komplett vom Rettungsdienst des Landkreises Hildesheim mit versorgt. Dass das Einsatzgebiet Delligsen aus der Berechnung herausfiel, betrifft indes nicht nur den Flecken, sondern genauso die angrenzenden Kommunen im Kreis Hildesheim. Denn durch die falsche Berechnung fehlen nach der ersten Fassung des neuen Bedarfsplanes wahrscheinlich Kapazitäten in der Alfelder Rettungswache – und das könnte bei Notfällen in der ganzen Umgebung kritisch werden.

Zusätzliche Ausschreibung für Übergangszeit nötig

Eigentlich sollte der Kreistag den überarbeiteten Bedarfsplan am 20. März beschließen. Der Plan legt genau fest, mit wie vielen Fahrzeugstunden die einzelnen Rettungswachen in den kommenden Jahren ausgestattet werden sollen – und auf der Grundlage sollte der Betrieb der Wachen zum 1. Januar 2026 für mehrere Jahre neu ausgeschrieben und vergeben werden. Doch nun zeichnet sich ab, dass der Gutachter die überarbeitete Version wohl erst Ende März vorlegen kann. Dann würde die Zeit für das aufwändige Ausschreibungsverfahren nach Einschätzung der Kreisverwaltung schon knapp werden. Die schlägt daher vor, ein halbes Jahr mit einer Interims-Ausschreibung zu überbrücken und die längerfristige Vergabe erst zum 1. Juli 2026 anzustreben. „Wir setzen jetzt auf Sorgfalt statt Schnelligkeit“, sagt Torsten Köhler, Leiter des Amtes für Bevölkerungsschutz beim Landkreis Hildesheim, nach dem jüngsten Wirbel um den Bedarfsplan.

Wie berichtet hatten Notfallsanitäter aus dem Südkreis, die sich mittlerweile zur AG Rettungsdienst zusammengeschlossen haben, die Zahlen des Gutachters mit eigenen Daten aus den Einsatzstatistiken infrage gestellt. Die Kritik wurde Mitte Januar in einer Sitzung von zwei Fachausschüssen intensiv diskutiert. Als der Gutachter die Zweifel nicht entkräften konnte, zog die Verwaltung ihre Vorlage zurück und lässt den Bedarfsplan überarbeiten. Das klappt nun allerdings nicht mehr schnell genug, um die dauerhafte Vergabe noch fristgerecht durchzuziehen, nach Angaben Köhlers unter anderem, weil 150.000 Datensätze geprüft werden müssen und es im Büro des Gutachters mehrere Krankheitsfälle gab.

Kritiker und Kreisverwaltung nähern sich an

Die Verantwortlichen im Kreishaus und die Kritiker aus den Reihen der AG haben sich am Donnerstag bei einem gemeinsamen Gespräch im Kreishaus weiter angenähert – das berichten beide Seiten übereinstimmend. „Wir wollen schließlich alle dasselbe“, sagt die zuständige Dezernentin Evelin Wißmann, „den Rettungsdienst so gut wie irgendwie möglich aufstellen.“ Doch die Kapazitäten seien nicht beliebig auszuweiten, denn: Alles muss mit den Krankenkassen als Kostenträger ausgehandelt werden.

Das Problem: Aktuell wird die gesetzliche Vorgabe, dass der Patient oder die Patientin in 95 Prozent aller Notfälle innerhalb von 15 Minuten erreicht werden muss, kreisweit nicht eingehalten – auf dem Land außerhalb von Hildesheim sind es nur knapp 90 Prozent. Und die AG geht eben davon aus, dass die tatsächliche Lage zum Teil schon kritischer ist, als die offiziellen Zahlen es aussagen. Daher kommen die nun noch einmal auf den Prüfstand. Ralf Wichmann, Notfallsanitäter und Vorsitzender der AG, berichtete in einer Runde zur Aufarbeitung des Gespräches im Kreishaus über sein Erleben des Arbeitsalltags: „Vor ein paar Tagen war ich mal 23 von 24 Stunden einer Schicht im Einsatz. Das geht nicht, da macht man irgendwann mal Fehler.“

Auch Holle steht noch einmal im Fokus

Die Ressourcen sind also offenbar knapp – und deswegen hält der Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion, Friedhelm Prior, es für wichtig, noch einmal im Detail über die jetzt geplante Interims-Ausschreibung zu sprechen. Prior nahm neben anderen Politikerinnen und Politikern auch an der jüngsten Runde mit der AG teil und meinte: „Wenn das Angebot im Rettungsdienst jetzt schon nicht ausreicht, sollten wir diesen Zustand nicht einfach noch für ein halbes Jahr verlängern. Da ist jetzt schon eine Anpassung nötig.“ Über das weitere Vorgehen und den Vorschlag der Kreisverwaltung wird am kommenden Donnerstag, 13. März, in einer Sitzung von zwei Fachausschüssen beraten.

Neben Alfeld und Delligsen steht bei der Überarbeitung des Bedarfsplans noch eine andere Gemeinde besonders im Fokus, nämlich Holle. Wie berichtet, soll ein dort tagsüber stationierter Rettungswagen der Bockenemer Wache wieder in diese zurück – dieser Plan stieß aber in Holle auf erhebliche Kritik, zum Beispiel bei Bürgermeister Falk-Olaf Hoppe. Der Standort in Holle könne für die dortige Bevölkerung allerdings unter Umständen ungünstiger sein als der angestammte in Bockenem, gibt Torsten Köhler zu bedenken. Denn: „Aus Holle muss der Wagen öfter auch mal über die Kreisgrenze zu einem Notfall nach Baddeckenstedt fahren. Nur weil er in Holle steht, heißt das nicht, dass er immer für Holle zur Verfügung steht.“ Welcher Standort geeigneter ist, Bockenem oder Holle, wird nun auch noch einmal neu abgewogen.

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