Hildesheim - Deutschland und der Eurovision, es ist kompliziert. Die Hassliebe zu dem europäischen Musikwettbewerb speist sich hierzulande daraus, zuletzt verlässlich die hinteren Plätze gebucht zu haben, aber eben auch alle Jubeljahre einen Künstler entsandt zu haben, der doch internationales Format hat. 2004 hatte Maximilian Nepomuk „Max“ Mutzke dort seinen Durchbruch und die 20 Folgejahre hat der Sänger genutzt, zu zeigen, dass sein künstlerisches Spektrum mehr ist als „Can’t Wait Until Tonight”.
Das Duo harmoniert
Bei den Jazztime-Machern ist das angekommen, weswegen sie den 41-Jährigen bereits zum zweiten Mal für eines der Gala-Konzerte gebucht haben. An diesem Sonnabend steht deswegen ein sündhaft teurer Flügel auf der Bühne des Theaters für Niedersachsen, an dem zuerst eine bildhübsche Frau Platz nimmt. Marialy Pacheco, gebürtige Kubanerin, ausgebildete Jazzpianistin, gute Freundin von Mutzke. Aus seinem Repertoire sucht sie für das gemeinsame Programm Stücke heraus, um diese am Piano zu spielen, während Mutzke singt.
Das Duo harmoniert. Mutzke zieht mit seiner Bühnenpräsenz zwar die Aufmerksamkeit auf sich, aber Pacheco gerät den Abend über nie zum Beiwerk. Im Gegenteil, Gesang und Klavier sind so aufeinander abgestimmt, dass selbst ein Radio-Hit wie „Welt hinter Glas” so klingt, als wäre er nie anders komponiert. Mutzke singt, wie es mittlerweile sein Markenzeichen ist: Mit viel Volumen und Kraft in Lunge und Stimme, wobei es anstrengend aussieht, ohne angestrengt zu wirken, und immer ein wenig kratzig ohne unsauber zu klingen. Pacheco begleitet das so dezent und zurückhaltend wie selbstbewusst.
Karaika-Modus im voll besetzten Theatersaal
Man fühlt sich schlicht in guten Händen, weil die beiden Künstler sich erkennbar wohl miteinander und auf der Bühne fühlen. Schon beim ersten Song schaltet Mutzke den voll besetzten Theatersaal in den Karaoke-Modus, bringt im Laufe des Abends das Publikum immer wieder zum Mitsingen und reißt es am Ende, mit Unterstützung von Pacheco und einem Gastauftritt von Saxofonist Jakob Manz, sofort aus den Sesseln. Diese Konzertsaalatmosphäre lockern Mutzke und Pacheco – er leger in schwarzer Jacke, weißem Hemd und weißen Sneakern sowie einem stilprägendem Hut mit breiter Krempe und sie elegant in halsbrecherisch hohen Schuhen und einem Rücken freien, schwarz-weißem Cocktailkleid – mit Anekdoten, Plaudereien und Moderationen auf.
Dabei sind es nicht nur „Gute Geschichten”, wie ein Song und ein Versprechen von Mutzke für den Abend lautet. Pacheco erzählt, wie sie als Teenager allein die Entscheidung traf, von einem Studienaufenthalt in Deutschland nicht in ihre Heimat, „die schönste Diktatur der Welt” mit den Traumstränden und ihrer Familie, zurückzukehren. Fünf Jahre durfte sie nicht mehr nach Kuba einreisen, ihr Vater, überzeugter Kommunist, hadert bis heute mit ihrer Entscheidung. Sie erzählt das mit Ernst und Leichtigkeit und einem „Moin”. So schweben an diesem Abend oft die großen Gefühle, getragen von Piano und Saxofon, durchs sanfte Scheinwerferlicht zu den Menschen.
Mutze rührt Konzertpartnerin zu Tränen
Mutzke rührt seinerseits selbst Pacheco mit dem Song „Wenn ich mal nicht mehr da bin” zu Tränen. Es ist maximal emotional. Das lässt fast vergessen, dass die Songs auch mit Jazzpiano-Begleitung oft einer ähnlichen Struktur folgen. Klassischer Pop mit Strophe, Refrain, Bridge und am Ende die Eskalation mit zugekniffenen Augen. So ungekünstelt und authentisch, so gekonnt und souverän, wie Pacheco und Mutzke das aber präsentieren, lässt man sich gerne darauf ein.
