Bockenem - So schnell konnte Helga Raser, die ein halbes Jahrhundert die Orgel in der katholischen St. Clemens-Kirche in Bockenem gespielt hat, nichts aus der Ruhe bringen. Doch ein Tag ist bei der Kirchenmusikerin dann doch in nicht so guter Erinnerung geblieben. „Ich habe immer bestimmte Schuhe getragen. Die waren aber plötzlich aus unerklärlichen Gründen nicht greifbar. Da ich mit hohen Absätzen schlecht die Orgel spielen konnte, habe ich die Schuhe einfach ausgezogen. Nur in Strümpfen lief es dann ebenfalls ohne Probleme. Sonst gab es in der langen Zeit eigentlich keine großen Pannen“, berichtet die Bockenemerin, die am Dreikönigstag ein letztes Mal eine Messe in St. Clemens begleitet hat.
In Zukunft möchte die 84-Jährige mehr für ihren pflegebedürftigen Mann da sein. Nach so vielen Jahren schwingt bei ihr schon ein wenig Wehmut mit. „Ich habe aber in der letzten Zeit gemerkt, dass beides zusammen nicht mehr gut funktioniert. Daher habe ich den Entschluss gefasst, meine Tätigkeit in der Gemeinde zu beenden“, berichtet Helga Raser.
Der Diakon verlieh ihr den letzten Schliff
Noch gut kann sich die Bockenemerin an die erste Zeit erinnern. „Der damalige Organist war erkrankt. Pfarrer Voges wusste, dass ich Klavierspielen konnte“, berichtet die gebürtige Regensburgerin. Den letzten Schliff verlieh ihr dann der frühere Diakon Martin Falkenberg. „Bei ihm habe ich Orgelunterricht genommen. Der größte Unterschied zum Klavier liegt in der umfangreichen Fußarbeit mit den Pedalen“, erläutert die passionierte Musikerin, die in ihrer Familie mit sechs Jahren das Klavierspielen erlernt hat. Nach ein paar Übungsstunden dauerte es auch nicht mehr sehr lange bis Helga Raser ihren ersten Einsatz in der Kirche hatte. Bis zur Profanierung von St. Theresia im Jahr 2010 spielte sie regelmäßig in Bornum bei den Gottesdiensten. Wie viele Stunden Helga Raser an der Orgel verbracht hat, lässt sich kaum feststellen. Nur die helle Stelle auf der hölzernen Sitzbank lässt erahnen, dass es etliche Stunden gewesen sind.
Ob Heilige Messen, Taufen, Kommunion, Trauungen oder auch Trauerfeiern, sie begleitete sämtliche kirchliche Anlässe musikalisch. In der langen Zeit hat die Bockenemerin auch viele Pfarrer kommen und gehen sehen. „Jeder von ihnen hat natürlich seinen eigenen Charakter gehabt. Das Miteinander hat eigentlich immer gut funktioniert“, berichtet Helga Raser. Eine Stütze bei ihrer Tätigkeit war stets ihr Ehemann. Josef Raser hatte stets seinen Platz auf einem Stuhl neben der Orgel. So unterstützte er seine Frau zum Beispiel beim Umblättern der Noten. Der Kontakt zur Gemeinde war ihr stets wichtig. „Allein schon die Begrüßung war immer eine tolle Sache“, erzählt die 84-Jährige. Und wenn es zu bestimmten Anlässen einmal richtig in der Kirche voll war und die Leute ganz dicht hinter ihrem Platz standen, ließ sie sich davon auch nicht aus der Ruhe bringen. „Alles, was um mich herum passierte, hat mich überhaupt nicht gestört.
„Großer Gott, wir loben dich“ an erster Stelle
Der Platz war für mich wie eine eigene kleine Welt“, erklärt Raser. Ihr musikalisches Repertoire ist nahezu unerschöpflich. Es gibt aber zwei Favoriten, die sie besonders gerne mag. So stand bei den Klassikern „Großer Gott, wir loben Dich“ an erster Stelle, bei den neueren Titeln favorisierte Helga Raser das Lied „Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen“. Die Orgel ist St. Clemens machte ihr in all der Zeit keine Probleme. „Mal abgesehen von den regelmäßigen Besuchen einer Fachwerkstatt, um das Instrument zu stimmen“, blickt Helga Raser zurück. Auch wenn ihre Zeit als Kirchenmusikerin in der katholischen Gemeinde vorüber ist, so ganz ohne Orgel geht es dann auch nicht. Wenn es ihre Zeit erlaubt, nimmt sie gerne noch einmal auf der vertrauten Bank Platz, auch wenn dann niemand mehr aus der Gemeinde ihrem Spiel lauscht.
