Hannover - Wieder ein Rückschlag für den Handel in Hannovers Innenstadt. Die Billigmodekette Primark reduziert ihre Verkaufsfläche an der Osterstraße. Nur noch in Erdgeschoss und Tiefgeschoss wird verkauft. In den beiden Etagen darüber sind die Regale leergeräumt, das Licht ist ausgeschaltet.
Angeblich handelt es sich nur um einen Test, wie es auf Anfrage in der Primark-Deutschlandzentrale heißt. Das Unternehmen prüfe derzeit verschiedene strategische Optionen. Eine davon sei die Schließung von zwei Etagen in Hannover.
Dafür, dass alles nur ein Test sein soll, schafft Primark sehr schnell Fakten. Montagmorgen kamen Arbeiter mit zwei Hubsteigern und ersetzten an der Fassade im Schriftzug „4 Etagen voller Mode“ die „4“ durch eine „2“. Alles ist nun etwas enger: Im Erdgeschoss gibt es Damen- und Kosmetikartikel, im Tiefgeschoss Herren- und Kinderkleidung, Homeaccessoires und Dessous. Die Fahrtreppen zu den Obergeschossen sind mit großen Holzkisten abgesperrt.
Primark schließt Standorte
Primark ließ sich jahrelang feiern als der Shootingstar der Mode-Handelsketten. In kürzester Zeit expandierte das irische Unternehmen mit seinem Billigkonzept in alle deutschen Großstädte. 32 Filialen mit rund 6300 Beschäftigten sollen es Ende 2022 gewesen sein.
Die aktuelle Umsatzkrise wegen der inflationsbedingten Kaufzurückhaltung aber scheint Primark kalt zu erwischen. Mehrere Standorte sind in Gefahr, die ersten beiden in Berlin und Hessen schon geschlossen. In Hannover soll das große Textilhaus (früher Quelle, zwischenzeitlich Sinn-Leffers, seit 2011 Primark) zwar im Grundsatz erhalten bleiben. Doch auch hier wird nun gespart.
„Sortiment komprimiert“
Ein Mitarbeiter im Geschäft bestätigte: „Wir haben das Sortiment komprimiert.“ Es gebe zwar angeblich die gleiche Artikelauswahl, nur auf weniger Fläche. „Wenn Ihnen etwas fehlt, dann sagen Sie Bescheid“, sagte der junge Mann freundlich.
Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi allerdings herrscht gegenüber langjährigen Beschäftigten vielfach kein so wertschätzender Ton. Beschäftigte würden „mit fast mafiösen Methoden“ zu Auflösungsverträgen gedrängt, sagt Verdi-Betriebsbetreuer Mizgin Ciftci. Vor allem Vollzeitbeschäftigte, alleinerziehende Eltern und Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen, würden wegen angeblicher Unflexibilität „unter Druck gesetzt und zu Gesprächen ins Personalbüro bestellt“, sagt Ciftci. Dort würden sie dann zu Auflösungsverträgen gedrängt. „Mehrere Dutzend“ solcher Verträge seien schon vollzogen.
„Primark will die Flächenproduktivität erhöhen“
Sein Verdacht: „Primark will die Flächenproduktivität erhöhen. Deshalb wurden zwei Etagen geschlossen, jetzt muss Personal abgebaut werden.“ Bei seiner Expansion habe das damals boomende Unternehmen ungewöhnlich viele Vollzeitkräfte eingestellt, auf Druck der Gewerkschaft wird nach Tarifvertrag bezahlt. Nun wolle sich Primark wohl von den als zu teuer empfundenen Beschäftigten trennen, sagt Ciftci. Mehr als 200 waren es zuletzt bei Primark in Hannover.
Ob es dem Unternehmen wirklich so schlecht geht, wie jetzt immer gemunkelt wird, könne niemand nachvollziehen, heißt es bei der Gewerkschaft. Die Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ hatte kürzlich von einem dramatisch fallenden Jahresumsatz geschrieben. Vor Corona sollen es noch 926 Millionen Euro gewesen sein, 2021 nur noch 380 Millionen. „Wir können das nicht überprüfen“, sagt Ciftci, „aber wenn es Probleme gibt, sollte ein Unternehmen den redlichen Weg gehen und über einen Sozialausgleich verhandeln, anstatt mit dubiosen Auflösungsverträgen zu drohen.“
Aus der Zentrale gab es zu den Vorwürfen keinen Kommentar.
Von Conrad von Meding
