Vor 100 Jahren verhaftet

Hannovers spektakulärster Kriminalfall: Fünf Dinge, die Sie noch nicht über Fritz Haarmann wussten

Hannover - Vor 100 Jahren erschütterte die Mordserie von Fritz Haarmann ganz Deutschland. Das Landesarchiv verwahrt die alten Akten – und diese bergen echte Überraschungen. Fünf Dinge, die Sie noch nicht über den Fall Haarmann wussten.

Nach der Verhaftung: Fritz Haarmann (Zweiter von links) wurde 1924 festgenommen – und erlangte als Serienmörder weltweite Bekanntheit. Foto: dpa

Hannover - Mit weißen Samthandschuhen schlägt er die Mappe auf. „Haarmann-Prozeß“ steht in altmodischen Buchstaben auf dem vergilbten Einband. „Viele glauben, dass alte Akten langweilig sind“, sagt Archivar Franz Hauner, „dabei ist in ihnen die Vergangenheit lebendig“.

Das Landesarchiv am Waterlooplatz hütet die Relikte eines Kriminalfalls, der vor 100 Jahren ganz Deutschland erschütterte. Wenn je ein gewöhnlicher Krimineller die Identität und das Image einer Stadt geprägt hat, dann er. Wann immer Menschen über Hannover sprechen, werden sie – warte, warte nur ein Weilchen – irgendwann auch auf ihn kommen.

„Der Fall Haarmann war einer der wichtigsten Kriminalfälle der Weimarer Republik“, sagt Archivar Hauner, „bis heute ist das Interesse daran immens.“

Bücher, Filme und Stadtführungen erinnern daran, wie der Serienmörder Fritz Haarmann von 1918 bis zu seiner Verhaftung vor fast 100 Jahren, am 23. Juni 1924, mindestens 24 junge Männer zu sich nach Hause lockte und missbrauchte. Wie er sie tötete, in seiner winzigen Dachwohnung zerstückelte und die Leichenteile in die Leine warf. Es gibt Verbrechen, die so monströs sind, dass man nicht aufhören kann, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Nacktbilder des Serienmörders

Der Fall Haarmann erzählt dabei viel von den sozialen Abgründen seiner Zeit. Der Erste Weltkrieg hatte eine beispiellose Verrohung der Gesellschaft gezeitigt. Es folgten Spanische Grippe, Inflation und eine Verelendung breiter Massen. „Die Armut brachte einen massiven Anstieg von Kriminalität und Prostitution mit sich“, sagt Archivar Hauner.

Teils sprach Haarmann arbeitslose junge Männer auf dem Strich beim Café Kröpcke an. Andere gabelte er am Hauptbahnhof auf. Hier kamen Ausreißer aus allen Teilen Deutschlands an. Auch deshalb blieb sein Morden so lange unbemerkt.

„Die Originalakten des Prozesses sind vermutlich 1943 verbrannt“, sagt Archivar Nicolas Rügge. Doch Akten von Polizei und Staatsanwaltschaft sowie Unterlagen der Heil- und Pflegeanstalt Göttingen, wo Haarmann psychologisch begutachtet wurde, sind erhalten.

Eine archivierte „Lichtbildmappe“ etwa zeigt neben Nacktfotos des verhafteten Haarmann auch Aufnahmen seiner schäbigen Dachkammer, deren Dielen mit Blut getränkt waren. Auch für Kenner des Falls bergen die Unterlagen noch manche Überraschung:

1. Wo Haarmann wirklich wohnte

Als der Mörder festgenommen wurde, hauste er in einer kleinen Dachwohnung in der Roten Reihe 2. Wie die marode Altstadt galt auch die Calenberger Neustadt als Elendsquartier – eine Gegend, die sozial verwahrloste Gestalten nicht nur anzog, sondern auch hervorbrachte.

„So kahl wie in den Steinschluchten der Straßen sieht es auch in den Seelen der Menschen aus, die darin zu leben verdammt sind“, schrieb der Philosoph Theodor Lessing als Beobachter des Haarmann-Prozesses. Polizeifotos bezeugen, wie schäbig der Serienmörder eingerichtet war.

Allerdings hat Haarmann häufig den Wohnsitz gewechselt. „Nach seiner Verhaftung hat die Polizei eine Art Bewegungsprofil von ihm erstellt“, sagt Archivar Hauner.

Akribisch haben die Ermittler aufgelistet, wo der Serienmörder gemeldet war. In der Roten Reihe lebte er nur gut ein Jahr lang, vom 9. Juni 1923 bis zu seiner Verhaftung. Länger (vom 3. März 1922 bis Juni 1923) wohnte er nahe der Leine in der Neuen Straße 8, die es heute so nicht mehr gibt.

Außerdem logierte er in der Osterstraße 46, der Vahrenwalder Straße 112, der Hallerstraße 7 – das Verzeichnis umfasst fast drei Dutzend Wohnsitze. In Hannover war Haarmann fast überall präsent.

2. Totenköpfe in der Gefängniszelle

Der umtriebige, jovial auftretende Kleiderhändler war zwar als Kleinkrimineller bekannt, doch er war auch als Spitzel für Hannovers Polizei tätig. Vielleicht auch deshalb hatte diese ihn lange unbehelligt gelassen – selbst, als es längst Hinweise darauf gab, dass in seinem Umfeld immer wieder junge Männer verschwanden.

Dabei war 1924 ganz Hannover in Aufruhr: In der Leine wurden immer wieder menschliche Knochen gefunden. Die Mutter eines vermissten Jungen identifizierte bei der Polizei den Schädel ihres Sohnes anhand der markanten Schneidezähne. Auf dem Flur des Polizeipräsidiums, vor Zimmer 185, traf die weinende Frau dann zufällig einen jungen Mann, der das Jackett ihres Sohnes trug. Haarmanns Vermieterin, Frau Engel, hatte es dem Mörder für ihren eigenen Sohn abgekauft.

Im Dauerverhör bestritt Haarmann auch unter Schlägen, etwas mit den Morden zu tun zu haben. Das Landesarchiv verwahrt einen mit Schreibmaschine getippten Bericht, in dem ein Ermittler später aufzeichnete, zu welch zweifelhaften Methoden die Polizisten schließlich griffen.

In Haarmanns Zelle stellten sie vier Totenköpfe auf, „die Augenhöhlen mit rotem Papier beklebt, dahinter ein Wachslicht, das nachts brannte“. In die Ecke legten sie Menschenknochen aus der Leine. Sie erklärten dem Verdächtigen, „daß die Seelen der Toten zu den Gebeinen zurück finden und ihn nicht mehr zur Ruhe kommen lassen würden, bis er seine Verbrechen gestand“.

3. Haarmann als „Roman“-Autor

Nachdem Haarmann gestanden hatte, wurde er in Göttingen psychiatrisch begutachtet. Dabei berichtete er freimütig aus seinem Leben. Er wuchs als Sohn eines Lokomotivheizers in einer kleinbürgerlichen Gegend auf, Engelbosteler Damm 21B. Schon als Kind sei er vom Vater („Das war ein Teufel“) geschlagen worden. Er erzählt von sexuellem Missbrauch und davon, wie andere Kinder ihn als „Hosenscheißer“ verspottet hätten.

Auf Anraten eines Gutachters schreibt er seine Erinnerungen auch eigenhändig auf. Das mehrseitige Dokument, von Haarmann selbst „Roman“ genannt, ist im Landesarchiv erhalten.

Detailliert beschreibt er darin seine sexuellen Vorlieben – und in kruder Orthografie schildert er eine seiner Mordtaten: „Ich habe in der Cellerstr. Friedel umgebracht wir haben Pussirt des Morgens lag Friedel tot im Bett ich hatte Fridel tot gebissen ich habe sehr geweint und wusste nicht was ich machen sollte und dann habe ich Fridel beerdigt und kaput geschnitten.“ Ein beklemmendes Dokument.

4. Haarmanns Geliebter lebte bis 1975 in Hannover

Die vielleicht einzige Konstante in Haarmanns Leben war sein langjähriger Geliebter, der deutlich jüngere Hans Grans. Gemeinsam verübten sie diverse Diebstähle. „Wenn der Hans mich küsste“, sagte Haarmann, „ dann war ich weg, dann konnte der mit mir machen, was er wollte.“

Haarmann beschuldigte im Prozess dann Grans, ihm die Opfer zugeführt zu haben. Obwohl dieser alles abstritt, wurde er wegen Anstiftung zum Mord zum Tode verurteilt. Auf einer Autofahrt vom Gerichtsgefängnis zum Polizeipräsidium warf Haarmann dann jedoch einen Brief aus dem Fenster, in dem er Grans entlastete und doch alle Schuld auf sich nahm.

Der Prozess wurde noch einmal aufgerollt. Grans wurde zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. In der NS-Zeit kam er dann in „Vorbeugehaft“ und in mehrere KZs. Als die Alliierten 1945 Bergen-Belsen befreiten, überstellten sie den Häftling Grans gleich ins Zuchthaus Celle. Erst nach 22 Jahren kam Grans frei. „Jahrelang kämpfte er vergeblich um eine Entschädigung als NS-Opfer“, sagt Archivar Hauner.

Bis zu seinem Tod 1975 lebte Grans in Oberricklingen – als vermutlich einziger Mensch, der ausgerechnet Fritz Haarmann sein Leben zu verdanken hatte.

5. Haarmanns letzte Worte

Der Serienmörder selbst hatte eine klare Vorstellung davon, wie er sterben wollte. „Das können wir doch auf dem Klagesmarkt machen“, schlug Haarmann vor. „Rutsch, fällt das Messer runter, wutsch, bin ich weg.“ Ein Gegner der Todesstrafe war er nicht einmal in eigener Sache. Der gläubige Mann freute sich sogar darauf, im Jenseits seine geliebte Mutter wieder zu sehen.

Mit seiner Idee einer öffentlichen Exekution wurde es aber dann doch nichts. Auf dem Hof des Gerichtsgefängnisses, ungefähr am heutigen Raschplatz-Pavillon, führte ihn der Scharfrichter am 15. April 1925 auf das Gerät, das die amtsdeutsche Bezeichnung „Fallschwertmaschine“ trug.

Der Pastor, der ihn in der Christuskirche konfirmiert hatte, weigerte sich, ihn in Haft zu besuchen. Doch ein Anstaltsgeistlicher betete in seinen letzten Stunden mit ihm. „Kaltblütig stand er vor dem Schafott“, wusste eine Zeitung zu berichten. Als das Beil gefallen war, sprachen die etwa 40 Anwesenden ein Vaterunser.

Haarmanns Kopf wurde als medizinisches Präparat lange in Göttingen aufbewahrt. Erst 2014 wurde er eingeäschert und auf einem anonymen Gräberfeld beigesetzt.

Haarmanns letzte Worte klangen wie ein düsteres Versprechen: „Auf Wiedersehen, meine Herrschaften.“ In gewisser Weise sollten sie sich schon ganz diesseitig erfüllen. Denn die Todesstunde des Menschen Fritz Haarmann war zugleich die Geburtsstunde des dunklen Mythos Fritz Haarmann.

Von Simon Benne

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