Reportage

Harriet bleibt bei ihnen: Alix und Philipp von Rössing verloren ihre Tochter – und wollen mit ihrer Geschichte anderen Eltern helfen

Barnten - Die kleine Harriet soll nach neun Monaten Schwangerschaft zur Welt kommen, doch dann schlägt plötzlich ihr Herz nicht mehr. Eine Geschichte über Verlust und den dunklen Weg ihrer Eltern durch die Trauer. Aber auch eine über Hoffnung – und den Plan einer Hildesheimer Hebamme, der künftig alles etwas heller machen soll.

Barnten - Als Harriet geboren wird, hat ihr Herz bereits aufgehört zu schlagen. Es ist der 11. September 2019, das Jahr vor der Corona-Pandemie. Zwei Tage zuvor, am 9. September, schaut die Hebamme bei Alix von Rössing in Barnten vorbei. Es ist Harriets errechneter Geburtstermin, neun Monate Schwangerschaft sind wie im Flug vergangen. Komplikationen? Keine, nie, nicht mal geschwollene Füße habe sie gehabt, sagt Alix von Rössing. Es ist ihre erste Schwangerschaft, eine wunderbare, eine wie aus dem Bilderbuch. An diesem 9. September bestätigt das auch die Hebamme noch einmal, die Untersuchung zeigt keine Auffälligkeiten.

Alix von Rössing schläft abends mit dem guten Gefühl ein, dass Harriet nun sicher bald zur Welt kommen wird. Am nächsten Morgen ist dieses Gefühl einem anderen gewichen, irgendetwas stimmt nicht, sind diese Schmerzen normal, sind das womöglich erste Wehen? Die junge Frau spürt keine Bewegungen im Bauch und ruft ihre Hebamme an. Als diese wenig später in Barnten eintrifft, sucht sie mit dem sogenannten Doppler vergeblich nach dem Herzschlag des Babys.

Im Hildesheimer Bernward-Krankenhaus bestätigt die Untersuchung: Harriet lebt nicht mehr. Am Abend, es ist noch hell, setzen bei Alix von Rössing Wehen ein. Ein Kaiserschnitt ist nicht vorgesehen, und so hält sie die Geburtsschmerzen aus und bringt ihre Tochter am 11. September um 11.55 Uhr auf die Welt. Warum Harriets Herz zu diesem Zeitpunkt nicht mehr schlägt, weiß auch Jahre später niemand. Es gab keine außergewöhnlichen Blutungen, die Plazenta war unauffällig, die Nabelschnur ebenfalls. Mediziner sprechen vom plötzlichen Kindstod im Mutterleib, Ursache: unklar.

Ein Teil der Familie, jetzt und in Zukunft

Wenn die heute 35-jährige Mutter davon erzählt, in ihrer Küche im Wohnhaus in Barnten, nennt sie immer wieder Harriets Namen. Sie hat kein namenloses Baby verloren, nein, es war ihre Tochter Harriet. Das Mädchen ist Teil der Familie, jetzt und in Zukunft, auch wenn es dieses Wohnhaus nie betreten hat. Harriet ist ihr erstes Kind gewesen, sagen Alix und Philipp von Rössing, ihre Tochter, von ihr möchten sie erzählen. Deshalb sitzen sie in ihrer Küche und sprechen über ein Erlebnis, über das andere womöglich schweigen würden. „Der Tod unserer Tochter soll kein Tabuthema sein, ich wünsche mir eine Entstigmatisierung“, sagt Alix von Rössing. „Wir möchten auch anderen Eltern Mut machen, über Verlust zu sprechen und ihn sichtbar zu machen. Der Tod gehört zu diesem Leben.“

Egal, wie groß die Berührungsängste sind, wir hätten es sonst ewig bereut.

Philipp von Rössing, Vater von Harriet

Am Tag, an dem Harriet auf die Welt kommt, entscheiden sich ihre Eltern dafür, Zeit mit ihr zu verbringen. Philipp von Rössing sagt heute: „Egal, wie groß die Berührungsängste sind, wir hätten es sonst ewig bereut.“ Die Geschwister des Paares kommen ins Krankenhaus, auch die Großeltern der kleinen Harriet schauen vorbei. Ihre Mutter liegt zu diesem Zeitpunkt in einem Einzelzimmer auf der BK-Neugeborenenstation. Sie hört Babys schreien, während ihr Harriet aus der Pathologie gebracht wird, verdeckt.

Eine Fotografin hält in diesen Stunden einige Momente fest, und mittlerweile, Jahre später, ist Alix von Rössing überzeugt: „Wir hätten auch ein Video drehen sollen.“ Das Paar verschickt Geburtskarten und spürt deutlich: Es möchte Harriet nicht verstecken, nicht verdecken, sondern sie anderen zeigen. „Ja, das schürt sicherlich Ängste“, sagt ihre Mutter. „Aber müssen andere Menschen vor unserem Kind geschützt werden?“ Neben den Fotos hütet das Paar im Wohnhaus in Barnten eine Haarlocke von Harriet und auch das Krankenhausbändchen mit ihrem Namen darauf. Da auf den Fotos ausschließlich Harriet allein zu sehen ist, hat ihre Mutter eine befreundete Künstlerin gebeten, ein Bild zu malen. Darauf zu sehen: Alix, Harriet und Philipp von Rössing.

Die Auszeit – und das Alleinsein

Zehn Tage nach ihrer Geburt wird Harriet im Familiengrab in Rössing beerdigt. Für ihre Familie beginnt eine Zeit, in der sie spürt, dass sich die Welt insgesamt sehr schnell weiterdreht, wie der 36-jährige Philipp von Rössing es heute beschreibt. „Unsere Welt allerdings stand still.“ Das Paar möchte einen Tapetenwechsel, nimmt eine krankheitsbedingte berufliche Auszeit und verbringt einige Wochen in den USA. Es gibt Freunde und Verwandte, die sagen: Meldet euch, wenn ihr etwas braucht, wir sind für euch da. Rückblickend, sagt Alix von Rössing, sei das einer der am wenigsten hilfreichen Sätze gewesen – obwohl er natürlich gut gemeint sei. Aber: „Wer trauert, meldet sich nicht.“ Es gibt allerdings auch Menschen wie diese eine Schulfreundin, die täglich ein Herz schickt bei WhatsApp, einfach so, ohne eine Reaktion zu erwarten. „Dadurch spürt man, dass man dann doch nicht ganz allein ist.“

Über den Tod wird ohnehin wenig gesprochen. Über den Tod eines Babys noch weniger. Das wollen wir ändern.

Alix von Rössing, Mutter von Harriet

Allein allerdings, das erzählt das Paar in seiner Küche, allein sei es in seiner Trauer mit vielem gewesen. Vorhandene Hilfsangebote in Stadt und Landkreis Hildesheim, seien es etwa Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen rund um Trauerarbeit, fokussierten sich oft vor allem auf Mütter. „Aber was ist mit trauernden Großeltern, Geschwisterkindern oder natürlich den Vätern?“, fragt Alix von Rössing. Das Paar wird selbst aktiv, recherchiert, möchte offen über Harriet sprechen. Alix von Rössing organisiert für sich mit Hilfe ihrer Hebamme einen Einzel-Rückbildungskurs, tauscht sich über einen eigenen Instagram-Kanal mit anderen Betroffenen aus. Philipp von Rössing fühlt sich als trauernder Vater besonders schlecht wahrgenommen und gründet eine Laufgruppe für Trauernde. „Über den Tod wird in unserer Gesellschaft ohnehin wenig gesprochen“, sagt seine Frau. „Über den Tod eines Babys – sei es im Mutterleib, bei oder nach der Geburt – noch weniger. Das wollten und wollen wir ändern.“

Hier soll es Hilfe geben

Mit diesem Wunsch stehen die Barntener nicht alleine da. 15 Kilometer weiter, in Hildesheims Neustadt, sitzt Anne-Kristin Schmidt, 46 Jahre alt, früher Intensiv-Kinderkrankenschwester und inzwischen Hebamme. Sie ist Gründerin des Nestglücks, einer Hebammenpraxis und Familienbegleitung. Und was sie da gemeinsam mit Anika Neuber vor einigen Jahren in Hildesheim aufgebaut hat, eine „normale Hebammenpraxis“, das soll es ab Oktober auch für den Trauerbereich geben. „Das Thema Geburt ist für Frauen und ihre Familien nicht irgendwann vorbei, sondern wirkt sich aufs ganze Leben aus“, sagt Schmidt. „Und war eine Geburt traumatisch oder stirbt ein Kind vor, während oder nach einer Geburt, spielt das fortan eine enorme Rolle – nicht nur für die Gesundheit der Frau.“ Viele Frauen suchten bei sich selbst eine Schuld, viele spürten Scham, teils ein Leben lang. „Das ganze Thema findet oft im Alleinsein statt, denn Trauer ist ein dunkler, einsamer Raum. Darin möchten wir das Licht anknipsen.“

Im Nestglück betreuen Schmidt und ihre Kolleginnen bereits viele trauernde oder traumatisierte Familien, oft ehrenamtlich. Der Bedarf sei riesig, sagt Schmidt. Bloß sei er in der Gesellschaft nicht sichtbar – eben weil zahlreiche Betroffene über die wahren Gründe ihrer Verfassung schweigen. In Hannover etwa gibt es den Verein „Leere Wiege“, eine zentrale Anlaufstelle für Familien in Trauer. Und seit wenigen Wochen gibt es nun in Hildesheim den gemeinnützigen Verein „Sternennest“, gegründet von Anne-Kristin Schmidt und einigen anderen. Noch fehlt die vollständige Finanzierung, der Verein hofft auf Spenden, aber das Ziel hat die 46-Jährige deutlich vor Augen. „Wir stellen ein Projekt auf die Beine, bei dem klar ist: Wenn mir, uns, ein Kindsverlust passiert – sei es früh in der Schwangerschaft oder nach der Geburt – dann gibt es in Hildesheim diese eine Anlaufstelle.“

Wir wollen alle in den Blick nehmen: Mütter, Väter, Omas, Opas, Geschwister, eben die ganze Familie.

Anne-Kristin Schmidt, Hebamme

Ein Notfall-Telefon soll stets besetzt sein, Wartezeiten für Termine soll es kaum geben. Das „Sternennest“ möchte zudem Aufklärung bieten, Informationen rund um mögliche Hilfen sowie Aus- und Weiterbildungen für Hebammen oder Trauerbegleiter. „Und vor allem wollen wir alle in den Blick nehmen: Mütter, Väter, Omas, Opas, Geschwister, eben die ganze Familie.“ Um dieses Hilfsnetzwerk professionell für zunächst zwei Jahre an den Start zu bringen, Stellen zu finanzieren, brauche es rund 50.000 Euro, sagt Schmidt. Bereits Anfang März begann sie ein Crowdfunding, viele haben bereits gespendet. Auch von Stadt und Landkreis Hildesheim erhofft sie sich finanzielle Unterstützung. „Für mich gehört ein solches Angebot zur Daseinsfürsorge, das ist mein absolutes Herzensanliegen, seit Jahren“, sagt Schmidt. „Wenn man diese Hilfe in einer Stadt nicht bietet, wird es irgendwann für alle noch teurer. Denn das hat langfristige Folgen fürs Gesundheitssystem.“

Von Schuld, Scham und Hoffnung

Die Schuld und die Scham, die kennt auch Alix von Rössing. Die Fragen an sich selbst und andere, was sie denn falsch gemacht haben könnte in der Schwangerschaft. Das Gefühl des Kontrollverlustes. Es ist das Frühjahr 2020, als Alix und Philipp von Rössing an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Auf das Paar wirkt der Corona-Lockdown, der zu diesem Zeitpunkt folgt, fast heilsam. Die Welt der von Rössings steht noch immer still, durch die Pandemie fühlt es sich an, als würde der Rest des Erdballs ebenfalls ruhen. Alix von Rössing arbeitet als Lehrerin, ihr Mann ist Redakteur. Kurz nach Harriets erstem Geburtstag wird Alix von Rössing erneut schwanger. Sie weiß: Ein zweites Kind ersetzt kein erstes. „Aber es gibt Hoffnung“, sagt ihr Mann. Und diese Hoffnung ist es auch, die in Barnten über die Angst in der zweiten Schwangerschaft überwiegt.

Zu Harriets fünftem Geburtstag im vergangenen Jahr haben nur noch wenige Menschen gratuliert. Aber ihre Tante brachte zum fünften Mal die Blüte einer Hortensie, die sie nach Harriets Tod im Garten gepflanzt hatte. Es sind Rituale wie diese, die Alix und Philipp von Rössing bis heute Kraft geben. Kraft finden sie auch in der Musik, in den Wolken, in Farben oder in der Erinnerung. Ganz wichtig dabei: Harriet soll nicht in Vergessenheit geraten. Das weiß auch der mittlerweile fast vierjährige Alfred, seine Schwester, das war Harriet. Und der einjährige Konrad, der in der Küche über den Tresen turnt, wird das in einigen Jahren ebenfalls wissen. Denn Harriet soll einen Platz in dieser Welt haben. Auch wenn sie nicht darin gelebt hat.

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