Buch von André Schneider

Harsumer lädt zur Zeitreise zu den Anfängen von Corona

Hildesheim - André Schneider stammt aus Harsum, ist eigentlich Schauspieler und lässt sich in Berlin gerade zum Erzieher ausbilden. Der Lockdown hat ihn zum Schreiben verführt. Nachts, allein. Das Ergebnis ist lesenswert.

André Schneider ist Schauspieler und jetzt auch Autor. Die Corona-Zeit hat den 42-Jährigen zum Schreiben gebracht. Foto: Giovanna Schulte-Ontrop

Hildesheim - „Ein Virus reist um die Welt und pfercht die Menschen in ihre Behausungen.“ Was mittlerweile zur Gewohnheit geworden ist, notiert André Schneider Mitte März überrascht in seinem „Corona-Nachtbericht.“ Knapp zwei Monate schreibt der gebürtige Harsumer Autor und Schauspieler an seiner Corona-Chronik „Es wird schon hell“. Herausgekommen ist ein lesenswertes Schreibprojekt zwischen Tagebuch und Autofiktion.

Die Seiten des Buches sind unnummeriert wie die eines Schreibhefts; der Text ist im Nachhinein inhaltlich weder bearbeitet noch lektoriert. Schneider nimmt einen mit zurück in eine unmittelbare Gegenwart, in der Corona noch besonders ist – ganz anders als heute. Diese Zeit authentisch einzufangen, ist Ziel des Buches: „Nach vorne schreiben, nicht zurückblättern, nichts löschen, nichts verändern, nichts googeln. Das gehörte zum Projekt.“ Schneider versteht, dass die Eindrücke der frühen Corona-Phase fragil sind, wir sie ohne Erinnerungshilfe blitzschnell wieder vergessen werden: „Die Zeit ist kein Güterzug […], sondern ein schnittiger TGV auf polierter Strecke mit Rückenwind.“

Suche nach passenden Worten

Schneider schreibt in einer kleinen Wohnung in Berlin-Treptow, oft bis der Morgen graut. Mal scheint es, als mache er das nur für sich, auf der Suche nach passenden Worten: „Straßen wie gefräst, apokalyptisch leer schon am Spätnachmittag bei klarstem Sonnenhimmel.“ An anderen Stellen kalkuliert er schon eine Leserschaft ein, erzählt sein Leben wie eine Geschichte: „Mit dreißig war ich ein Exilant, der sich in London nach Madrid sehnte und in Madrid nach Paris.“

Beim Lesen beobachtet man, wie sich aus dem ungeplanten Losschreiben langsam Themen, Motive, Stränge herausbilden. Neben dem ständigen Rekurs auf die Infektionslage kommt Schneider immer wieder auf seine besitzergreifende Mutter, seine Film-Drehs und seine aktuelle Ausbildung zum Erzieher zu sprechen. Auch seine Kindheit in Harsum verarbeitet der 42-Jährige in „Es wird schon hell“.

Autobiografisches Projekt

Dieses ungefilterte, autobiografische Projekt erinnert an Karl Ove Knausgårds „Mein Kampf“ – allerdings auf gut 180 Seiten statt in sechs Mammutbänden. Tatsächlich liest sich Schneiders Text in guten Passagen flüssig runter wie die Bücher des Norwegers. Allerdings schreibt Schneider deutlich weniger exhibitionistisch und wählt in seinen nächtlichen, unkorrigierten Sessions auch schon einmal eine schiefe Metapher oder Formulierung – aber das ist notwendiger Teil seines Projektes.

Man begibt sich gerne in seine Gedankenwelt. Schneiders Text schafft das, was nur Literatur wirklich gut kann: Er schlägt die Brücke vom Einzelschicksal zur geteilten Erfahrung.

André Schneider: „Es wird schon hell. Ein Corona-Nachtbericht“, Books on Demand, 184 Seiten, 9 Euro.

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