Unter vier Augen

Hart und direkt: Hildesheims Ur-Blueser Udo Wolff über deutsche Songtexte und die seltsame Rücksicht auf den Papst

Hildesheim - Hildesheims Ur-Blueser Udo Wolff im Vier-Augen-Gespräch: Warum Deutsche nicht auf Englisch singen sollten – und wie der Papst vor dem Dritten Ohr bewahrt werden sollte.

Blues auf Deutsch: Keiner konnte das so gut wie Udo Wolff. Der ehemalige Sänger vom Dritten Ohr hat seine Schallplatten verkauft, schreibt aber immer noch Songtexte. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Udo Wolff, 75, ist eine Institution in der deutschen Bluesszene. Als Sänger der Band Das Dritte Ohr hat er etwas getan, das sich vor und nach ihm nur wenige Blueser getraut haben: Er schrieb seine Songtexte auf Deutsch – und hatte Erfolg damit. Die LP „Zahltag“ von 1980 gilt bis heute als bestverkaufte Bluesschreibe. Die HAZ erfuhr von Wolff, warum deutsche Musikerinnen und Musiker sich englischen Gesang verkneifen sollten, sprach mit ihm über Dreadlocks und natürlich über den Blues.

Chuck Berry, Beatles, Stones –Rock’n’Roll, Pop, Rock – das gab es nur in englischer Sprache. Den Blues sowieso. Wie sind bist du auf die Idee gekommen, Blues auf Deutsch zu singen?

Das war einfach das Bedürfnis, vor den eigenen Leuten verständlich zu sein. Und der aktuelle Anlass war dann – ungefähr 1972, 73 – der erste Druckerstreik. Wir haben auf einer Druckerdemo gespielt; da wäre ich mir doof vorgekommen, nicht deutsch zu singen.

Die erste Platte, „Pur“ im Jahr 1977, hatte aber noch englische Texte.

Das kann gut sein, da hatten wir wahrscheinlich noch nicht genug deutschsprachige Stücke. Bloß: Da war immer dieses unwohle Gefühl. Max Goldt hat mal etwas Gutes gesagt: „Englisch singen ist wie durch eine Milchglasscheibe zu kommunizieren.“

Wie hat das Publikum reagiert, als Du mit den deutschen Texten angefangen hast?

Gut. Ich erzähle zwischendurch eine Geschichte. Ich hatte einen anderen Bandleader gefragt nach deutschen Texten. „Ja“, hat er gesagt, „das haben wir auch mal versucht. Aber Englisch versteht ja inzwischen jeder.“ Nach dem Konzert habe ich seinen Schlagzeuger gefragt: Was hat eigentlich dein Chef in der letzten Nummer gesungen, worum geht’s denn da? „Weiß ich nicht“, hat er gesagt. Das ist schon eine Entfremdung: Wie kann ich denn etwas sinnvoll begleiten, wenn ich nicht weiß, worum es in dem Text geht?

Hat nicht aber jede Sprache ihren eigenen Rhythmus und Klang, der sich mehr oder weniger mit einer bestimmten Musikrichtung verbindet?

Mit dem Verbinden ist das so eine Sache. Deutsch ist natürlich als Singsprache nicht geeignet, anders als Italienisch oder Englisch zum Beispiel. Wir haben wenig lange Vokale und viele harte Endungen. Das habe ich in Kauf genommen. Manche musikalische Locke konnte ich nicht singen, weil sie auf Deutsch komisch klang. Wir haben aber auch bis zum Schluss einige Klassiker auf Englisch gemacht. Übrigens halte ich auch nichts von dieser Bluesromantik.

Was ist das?

Die Leute projezieren immer. Sie sind gar nicht unbedingt auf Durchblick aus, sondern wollen die Mystifizierung. Das gilt aber allgemein in der Pop-Musik. Zum Beispiel Joe Cocker: Den hätte man am liebsten immer total betrunken gesehen, aber er sollte astrein singen. Das geht natürlich nicht. Im Blues sind das die rostigen Wellblechhütten…. Da wollte ich irgendwie durch, deshalb habe ich der Gruppe auch einen deutschen Namen gegeben.

Das Dritte Ohr hat viele amerikanische Bluesmusiker als Tourband begleitet. Wie haben die reagiert?

Die haben gesagt: „Weißt du, für uns klingt das merkwürdig, aber es ist richtig, das so zu machen. Wenn ich vor meinen Leuten in den USA in einer fremden Sprache singen würde: Ich käme mir dämlich vor.“ Ich bin ja vor allem am schwarzen Blues interessiert. Wenn du erlebt hast, wie ein Schwarzer vor Schwarzen gespielt hat: Die direkte Reaktion aus dem Publikum – mit Zurufen, mit Ja und Nein – da war eine Korrespondenz.

Also fassen wir zusammen: Englisch bringt es für ein deutsches Publikum einfach nicht.

Nimm „Take A Walk On The Wild Side“ von Lou Reed. Weißt du, worum es da geht?

Keine Ahnung, ich war nie ein Fan von Velvet Underground oder Lou Reed.

In unserem Stück „Mordwest-Stadt“ heißt es: „Nordweststadt ist Mordweststadt, da hörst du keinen Vogel und wenn, wenn, wenn, wenn, wenn, dann nach Bäumen schrein. Gäb’s einen Gott, er müsste schon längst seinen Arsch aus den Wolken strecken, um dieses Viertel zuzuscheißen, wo die Leute im Beton verrecken.“ Das hat der WDR von der Spielliste genommen, das weiß ich aus erster Hand. Warum? Weil der Papst in Osnabrück war. Zur selben Zeit haben sie aber „Take A Walk On The Wild Side“. Da geht es darum, dass ein Transmann im Hinterzimmer einem Typen einen bläst. So, jetzt kommst du! (lacht)

Manchmal ist es ganz gut, wenn die Leute nicht alles verstehen. Im Blues hat sich, anders als im Pop oder Rock, das Deutsche nicht durchgesetzt. Auch bei den Hildesheimer Bands, obwohl ihr von denen viele beeinflusst habt.

Von zweien weiß ich, dass sie es im Keller versucht, aber nicht hingekriegt haben.

Weil es zu schwer ist?

Ja. Da kommt hinzu: Sobald du auf Deutsch singst, steigen die Ansprüche. Auf Englisch kannst du irgendeinen Blödsinn singen, das kriegt keiner mit. Bei deutschen Texten musst du plötzlich zu den Sachen stehen.

Vor 25 Jahren haben wir schon einmal ein Interview geführt. Du hast damals über englische Texte von Deutschen gesagt: „Das ist ein bisschen wie Indianer spielen, das ist keine authentische Wahrnehmung.“ Siehst du das immer noch so?

Aber ja! Natürlich ist dieses Auf-der Bühne-stehen immer eine Art Indianerspiel. Albert King hat mal gesagt: „Wenn ich alles erlebt hätte, wovon ich singe, wäre ich tot.“

Womit wir bei der Frage wären, was überhaupt authentisch ist. Die hannoversche Musikerin Ronja Maltzahn ist der kulturellen Aneignung beschuldigt worden, weil sie Dreadlocks trägt. Darf ein weißer Niedersachse überhaupt Blues spielen – und dann noch mit deutschen Texten?

Was ist das denn für eine komische Form von umgekehrtem Rassismus? Mensch, dass Kulturen sich mischen, ist doch etwas Wunderbares! Würde ich etwa hingehen und einer schwarzen Opernsängerin sagen: Jetzt hör aber mal auf Verdi zu singen?

Wenn du heute Radio hörst… Hörst du noch Radio?

Deutschlandradio Kultur.

Gefallen dir die deutschsprachigen Stücke, die da laufen?

Das ist so verschieden. Ich würde jedenfalls nicht sagen: Geh mir weg damit. Ein Phänomen in Deutschland ist aber, dass Lindenberg, Westernhagen oder Grönemeyer alles keine begnadeten Sänger sind. Wobei Johnny Cash auch kein begnadeter Sänger war.

Für meinen Geschmack sind in der heutigen Popmusik viele Texte austauschbar. Jan Böhmermann hat vor ein paar Jahren einen Popsong gesungen, den Affen des Gelsenkirchener Zoos nach einem Zufallsprinzip aus Versatzstücken getextet haben. Eine Persiflage auf Sänger wie Tim Bendzko oder Max Giesinger.

Das kann aber auch unfair sein. Aufgrund dieser Unmenge von Produktionen, die es gibt, wirst du diese Stanzen immer finden.

Die meisten haben eh keine Affen zur Hand, um sich Texte schreiben zu lassen. Aber man könnte Chat GPT zur Hilfe nehmen. Würdest du so etwas tun? Oder hast du es schon ausprobiert?

Noch brauche ich es nicht.

Aber es wäre okay?

Die Frage ist einfach: Woher holst du dir Anregungen? Manchmal ist es ein Satz, den du im Stadtbus hörst, und der setzt einen Film in Gang.

Was sind deine Vorbilder oder Inspirationsquellen?

Im Blues Sonny Boy Williamson II. Und Mickey Jupp. Der Junge hatte Texte! Und dann hat er plötzlich aufgehört und ist in Schottland Souvenirverkäufer geworden. Außerdem einige Schriftsteller: Brecht, Heine, Kästner, nicht zu vergessen Tucholsky. Ich hatte aber nie die Absicht, zu schreiben wie der oder der. Was beim Blues das Gute ist: Du hast ja nur drei Zeilen. Dadurch musst du lernen, dich knapp zu fassen, fast epigrammhaft. Das gilt überhaupt für den Blues, da haben ja viele darauf herab geschaut. Coltrane hat sinngemäß gesagt: Gerade die Beschränktheit des Rituals gibt dir innerhalb des Rituals unheimliche Freiheit.

Letzte Frage: Was bedeutet dir der Blues heute?

Es war mal eine Art Überlebensmittel. Als Ventil. Und heute? Ist es eine Musik, die ich immer noch mag. Ich höre sie nicht mehr rotbäckig wie in meiner Jugend. Ich mag immer noch guten Blues – das, was die Amis Deep Blues nennen. Ich stehe nicht auf den Amüsierblues. Wobei Blues immer auch eine Unterhaltungsmusik war. Die haben halt irgendwann festgestellt, dass es mehr Geld bringt, sich mit der Gitarre an die Straße zu setzen statt Baumwolle zu pflücken. Ursprünglich war es einfach die Musik ländlicher Schwarzer, die als Sklaven importiert worden waren. Was heute läuft, ist nicht so meine Welt: diese Leute, die den Blues nur benutzen, um zu zeigen, wie fingerfertig sie sind. Ich will das nicht abwerten, aber es hat nichts mit der Art Blues zu tun, die mir etwas bedeutet.


Zur Person: Udo Wolff

Udo Wolff wurde 1947 in Hildesheim geboren, ist in der Nordstadt aufgewachsen und lebt bis heute hier. Mit 15 Jahren bekam er eine Stelle als Hilfsarbeiter in der Setzerei der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung – mit dem klaren Ziel: „Ich will Redakteur werden.“ Was ihm gelang. 1968 gründete er die Band Das Dritte Ohr. Seit 1973 lebte er als Sänger und Mundharmonikaspieler von der Musik, seine tiefe, raue Stimme war sein Markenzeichen. In 40 Jahren spielte die Gruppe rund 3500 Konzerte und veröffentlichte acht Alben. Aufgrund gesundheitlicher Probleme kann Wolff heute nicht mehr singen, schreibt aber weiterhin Texte. Seine Schallplatten hat er inzwischen alle verkauft, „aber ich habe noch genug Musik im Kopf“.


HAZ-Redakteur Ralf Neite ist zwar kein Ur-Hildesheimer wie Udo Wolff, kennt ihn aber seit vielen Jahren. In seiner Freizeit macht Neite selbst Musik und hat sich bereits 2008 von Wolff bekehren lassen, die Finger von englischen Songtexten zu lassen und lieber auf Deutsch zu singen. Sehr zum Leidwesen seiner Bandkollegen, die lange brauchten, um sich daran zu gewöhnen. Inzwischen kommen sie damit klar.

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