Eine Expertin ordnet ein

Hat mein Kind ein Sprachdefizit? Im Landkreis Hildesheim sind zumindest ein Viertel aller Kinder davon betroffen

Hildesheim - Die Zahl der Kinder mit Problemen bei der Sprachentwicklung hat seit der Pandemie zugenommen. Covid ist aber nur eine von vielen möglichen Ursachen. Eine Expertin aus Hildesheim erklärt, woran es noch liegen könnte.

Dass Kinder erste Worte nicht richtig aussprechen, ist normal. Ein typisches Beispiel ist der Begriff Banane [baˈnaːnə]. Viele Kinder sagen stattdessen "nane" [ˈnaːnə]. Ab einem gewissen Alter sollten sie die korrekte Aussprache jedoch beherrschen. Doch rund ein Viertel der Kinder im Landkreis Hildesheim zeigte bei den Schuleingangsuntersuchungen Defizite bei der Sprachentwicklung.   Foto: Chris Gossmann/Grafik:Jennifer Möller

Hildesheim - Seit der Corona-Pandemie ist die Zahl der Kinder mit Defiziten bei der Sprachentwicklung nachweislich gestiegen. Im Landkreis Hildesheim zeigte rund ein Viertel der Kinder bei den Schuleingangsuntersuchungen entsprechende Auffälligkeiten – im Jahr 2023 waren es 27,4 Prozent. Der Landkreis lag damit über dem niedersächsischen Landesdurchschnitt (24,6 Prozent). Im Jahr 2016 lag die Zahl im Landkreis noch bei 21,9 Prozent.

Laut Dr. Ann-Kathrin Bockmann lässt sich dieser Anstieg aber nicht pauschal mit den Pandemiefolgen erklären. „Covid hat auch einen Beitrag geleistet, aber es gibt noch weitere Einflussfaktoren“, sagt die Wissenschaftlerin. Sie leitet das Projekt „Kea“ am Institut für Psychologie der Universität Hildesheim, das seit 2011 alle rund 180 Kindertageseinrichtungen in Stadt und Landkreis Hildesheim bei der Sprachförderung von Kindern unterstützt. Kea, das steht für „Kinder entwickeln alltagsintegriert Sprache“.

Covid ist nur ein möglicher Grund

Dass Covid allein nicht der Grund für die aktuellen Sprachdefizite bei Kindern sein kann, zeige sich auch in Schwankungen der Zahlen, die es bereits vor der Pandemie gegeben habe. „Von 2016 auf 2017 gab es auch schonmal einen Anstieg“, betont Bockmann. Bei der Betrachtung der Daten unterscheidet die Forscherin zwischen Defiziten der Sprachentwicklung, die bei den Schuleingangsuntersuchungen festgestellt werden, und sogenannten Sprachentwicklungsstörungen, die dort nicht diagnostiziert werden. Bockmann verweist in diesem Zusammenhang auf statistische Erhebungen der Krankenkassen. Dort würden nur Kinder und Jugendliche erfasst, denen die Diagnose einer Sprachstörung attestiert worden ist. „Verschiedenen Krankenkassen zufolge gibt es seit der Pandemie einen Anstieg der Sprachentwicklungsdefizite zwischen sechs und 21 Prozent“, berichtet Bockmann.

Warum das so ist, kann die Forschung bislang nicht klar benennen. „Wir nehmen Medien und Covid als Faktoren an, aber genau kennen wir die Ursachen nicht“, sagt Bockmann. Bei den Sprachentwicklungsstörungen vermutet die Wissenschaft auch eine genetische Komponente. So gebe es Familien, in denen sich ein Sprachschwächetypus durchziehe. „Dann heißt es, der Opa hat auch schon nicht viel gesprochen, der Onkel auch nicht. Aber vielleicht hätten die gern, und konnten nicht mehr sagen.“

Eltern haben den größten Einfluss

Mit Blick auf die Pandemie sei zumindest denkbar, dass Covid als gesamtgesellschaftliche Erfahrung Einfluss auf die Sprachentwicklung von Kindern genommen haben könnte. „Den größten Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben immer noch die Eltern.“ Allerdings fehle in den Kitas immer öfter das Personal, merkt Bockmann an. Ihre Hypothese: „Wenn aus verschiedenen Gründen mit Kindern weniger gesprochen wird, konnte das in der Kita noch ausgeglichen werden. Aktuell haben wir aber wirklich höhere Belastungen und damit weniger Interaktionszeiten bei einer gleichzeitigen Zunahme von Kita-Schließungen.“ Verlässliche Zahlen, die das belegen, gibt es nicht. Man sollte es aus Sicht der Forscherin bei der Ursachenforschung aber mitdenken.

Ein anderer Erklärungsversuch zielt auf den heutigen Umgang mit Medien: „Wir sehen Eltern, die viel in Medien aktiv sind.“ Doch wer am Smartphone oder vor dem Computerbildschirm sitzt, kann sich im selben Moment nicht mit seinen Kindern unterhalten. „Die gemeinsame Aufmerksamkeit, also, dass man zusammen etwas macht und darüber spricht, hat abgenommen“, sagt Bockmann. So würden es ihr ganz viele Fachkräfte aus den Kitas berichten. Wie oft werden Bilderbücher angeguckt, wie viele Bücher stehen im Regal? Das hat einen Zusammenhang damit, wie gut Sprachentwicklung ist.“ So würden es Studien zeigen.

Alle Bevölkerungsschichten betroffen

Dennoch sind Defizite bei der Sprachentwicklung nicht nur ein Problem bestimmter, etwa sozial benachteiligter Familien. „Das kommt in der gesamten Bevölkerung vor – in allen Familien, nicht nur in bildungsfernen Schichten oder bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache.“ Bei letzteren gebe es zwar vermehrt Defizite. Dabei handele es sich aber nicht per se um eine Sprachentwicklungsstörung. „Davon sprechen wir nur, wenn es auch in der Erstsprache Probleme gibt.“ Zweisprachigkeit sei keine Ursache für Sprachstörungen. „Das ist ein Mythos.“

Einen Zusammenhang zeigen die Zahlen für Hildesheim dennoch: „Kinder mit geringem oder mittlerem Bildungsniveau oder Migrationshintergrund haben vermehrt Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung, vor allem was die Deutsche Sprache betrifft. Und das hat für die weitere Laufbahn einen Einfluss.“

Die Folgen reichen weit

Um einordnen zu können, wie besorgniserregend die aktuellen Zahlen der Schuleingangsuntersuchungen sind, müssten Kinder mit Sprachdefiziten und deren weitere Laufbahn in der Schule langfristig beobachtet werden, sagt Bockmann. Bislang ist das nicht passiert. Aber: „Bei Kindern mit Sprachstörungen wissen wir das.“ Da gebe es einen Zusammenhang zu Lernstörungen wie Lese-Rechtschreib-Schwächen und Rechenstörungen. „Das hat natürlich einen Einfluss auf den Erfolg in der Schule.“ Auch könne das die Persönlichkeit von Kindern beeinflussen. „Da gibt es einen Einfluss auf das Temperament und darauf, wie sich ein Kind zeigt.“

Kinder mit Sprachstörungen hätten weniger soziale Interaktion, könnten sich weniger in der Schule beteiligen, und damit deutlich schlechter zeigen, was eigentlich ihre nonverbale Intelligenz hergeben würde. „Und damit haben wir vielleicht eine Menge an Chancen verpasst und an Lebenswegen, die anders laufen könnten.“

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