Zwei Menschen, ein Thema – in diesem Sommer startet die HAZ wieder ihre Sommerserie „Unter vier Augen“. Diesmal spricht Joscha Röhrkasse mit dem pensionierten Polizisten Achim Frost über Mitgefühl. Ein Interview über die Grenzen im Beruf und warum es sich richtig anfühlen kann, solche manchmal zu überschreiten.
Herr Frost, wir reden heute über Mitgefühl. Als Brandursachenermittler haben Sie oft mit Verstorbenen zu tun gehabt.
Ja, ich habe sehr viel Leid und Elend gesehen. Die Bevölkerung weiß teilweise gar nicht, was die Polizei alles an Leichen zu bearbeiten hat.
Von der ersten Leiche, die Sie als Polizist gesehen haben, bis zur letzten: Hat sich in Ihrem Umgang damit etwas verändert?
Nein. Die erste Leiche werde ich nie vergessen. Ich war junger Polizeibeamter in Barsinghausen. Da ist jemand betrunken gegen den Baum gefahren und an der Verletzung verstorben. Das bleibt einem in Erinnerung. Die letzte Leiche, die ich bearbeiten sollte, war der Fund einer Bahnleiche in einem Tunnel, zwei Tage bevor ich in Pension gegangen bin. Die habe ich dann aber nicht mehr bearbeitet.
Verfolgt sie manches davon in Ihren Träumen?
Nein. Ich bin von Natur aus so ausgestattet, dass ich damit gut umgehen kann. Das Einzige, das mich immer sehr belastet hat, war der Tod von Kindern. Ich musste mal eine Kindsleiche im Sarg ausziehen, die war so alt wie mein Sohn und auch ähnlich gekleidet. Da muss man dann schon mal kräftig schlucken.
Aber es braucht Leute, die so was aushalten.
Ja, das ist Arbeit, die gemacht werden muss. Die Dunkelziffer bei Tötungsdelikten ist riesengroß. In der Rechtsmedizin wird gesagt: Wenn für jeden unentdeckten Mord eine Lampe brennen würde, wäre es auf dem ganzen Friedhof hell.
Wenn Sie mit Toten zu tun hatten, dann sicherlich auch mit Angehörigen.
Ganz oft. Ich kann mich noch an einen Motorradfahrer erinnern, der tödlich verunglückt ist. Ich musste die Todesnachricht überbringen. Da hat die Mutter auf mich eingeschlagen, ich würde sie belügen, das würde alles nicht stimmen. Dafür muss man auch Verständnis haben und versuchen, vernünftig damit umzugehen.
Wie geht das?
Da gibt es kein Erfolgsrezept. Man muss auf die Menschen zugehen und versuchen, jeden so zu nehmen, wie er in der Situation gerade ist.
Konnten Sie als Polizist dann auch mal jemandem die Hand auf die Schulter legen?
Ja, warum nicht? Menschen haben mir manchmal im Arm gelegen und bitterlich geweint, weil sie jemand Nahes verloren haben.
Das verlangt viel Menschlichkeit.
Ja. Auch innere Stärke ist da gefragt.
Hatten Sie auch mal Mitgefühl mit Menschen, die Sie verhaften mussten?
Das ist eine schwierige Frage. Sicherlich hatte ich auch mal Mitgefühl – bei häuslicher Gewalt etwa, wenn jemand von den Eheleuten eingesperrt wurde und ich die Person am nächsten Tag verrotzt und verheult aus dem Polizeigewahrsam abgeholt habe. Für Straftäter, die für ihre Straftaten in U-Haft gegangen sind, hatte ich nie großes Mitgefühl. Wenn man eingesperrt wird, ist da meist schon eine riesige Portion Gerechtigkeit dabei.
Es gab da mal diesen Fall in Alfeld. Ein ehemaliger Kindersoldat geriet dort mehrfach ins Visier der Polizei. Später hat man ihm vor Gericht gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung, Bedrohung und Nötigung vorgeworfen. Sie haben den Mann damals kennengelernt.
Ja, dieser Mensch, der aus Afrika kam, ist hier straffällig geworden. Und ich sage immer, es gibt Regeln. Die hat er nicht gekannt und deshalb immer wieder verletzt. Anfänglich waren es Kleinigkeiten. Wir haben uns kennengelernt, weil ich eine Gefährderansprache halten musste. Und das kam immer wieder vor.
Und dann?
Hat er mich im Laufe der Zeit akzeptiert. Wir haben uns ein bisschen angefreundet. Ich muss hier einflechten, dass er ein sehr religiöser Mensch ist. Seine Bibel ist sein ein und alles. Er meinte, sein Gott habe mich geschickt – als seinen Vater-Stellvertreter. Er hat mich quasi als seinen Vater adoptiert.
Das hört man auch nicht oft.
Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Das war für meine Kollegen sehr praktisch, weil er auf mich gehört hat.
Wieso auf Sie?
Ich habe ihn mit dem nötigen Respekt behandelt. Das war immer das, was er wollte: Respekt. Den habe ich ihm gezollt und er hat ihn seinerseits auf seine ganz eigene Weise ausgedrückt.
Wie genau?
Indem er vor mir, quasi wie ein Soldat, salutiert hat. Er hat immer zu mir gesagt, das sei sein höchster Respekt. Wir haben dann einen Draht zueinander aufgebaut. Wenn ich mit meiner Familie durch die Stadt gelaufen bin, hat er vor meiner Frau gestanden und sich gefreut wie ein kleines Kind – das Gleiche mit meinem Sohn. Und wenn er jetzt von meinem Enkelkind hört, dann kriegt er glänzende Augen.
Das war aber noch nicht das Ende der Geschichte.
Nein. Es war schwer für ihn, besagte Regeln zu kapieren.
Was bestimmt mit seiner Vorgeschichte zu tun hat.
Ja, das ist seine Mentalität. Aufgewachsen in Liberia – so hat er es mir erzählt – wurde er als Kindersoldat angeworben. Seine ganze Familie ist umgebracht worden. Vater, Mutter, Geschwister: alle getötet. Dann musste er als Kindersoldat selbst töten. Und ich hatte immer Verständnis dafür, dass so etwas einen Menschen kaputt macht. Damit kann man gar nicht fertig werden, gerade in dem Alter.
Wie kam er da raus?
Er hat mir erzählt, dass er geflüchtet ist, hat sich auf so einem Bananenschiff versteckt. Dann ist er an einem Hafen angekommen und hat gerufen: God save america. Leider war’s Hamburg. Da ist er dann in Haft genommen worden, hat unterschiedliche Stationen durchlaufen. Er war in Algermissen, in Gronau – da haben sich Bürgerinitiativen gegen ihn gebildet. Hier in Alfeld ist er dann aufgenommen worden. Über Jahre ging es ganz gut – bis diese Austicker kamen. Und die wurden von Mal zu Mal schlimmer.
Was für Austicker?
Ich weiß noch, da habe ich gerade Sträucher im Garten geschnitten, als mein Sohn kam und meinte: Papa, du musst mal wieder los, bei George (Name geändert) ist schon wieder die Polizei.
Was war passiert?
Im Haus war eine Sicherung durchgebrannt und George hat gleich wieder Gefahr gewittert, dass ihm irgendwelche Mitbürger einen bösen Streich gespielt haben. Also ist er mit dem Messer los und wollte sich rächen. Dann musste ich ihn erst mal wieder runterholen, bin mit ihm zum Sicherungskasten, habe alles erklärt.
Sie haben noch andere Dinge für ihn getan.
Ja. Ich war mit ihm in Berlin bei der ghanaischen Botschaft. Wir sind auch zum Landkreis gefahren, zum Sozialpsychiatrischen Dienst. Dann habe ich ihm einen Hausarzt vermittelt – alles nicht unsere Aufgabe.
Da geht das Engagement schon über das Dienstliche hinaus.
Weit über das Dienstliche hinaus. Der Hausarzt hatte ihm Tabletten aufgeschrieben und wir haben ihm einen Betreuer vermittelt, der dafür sorgen sollte, dass er die Medikamente regelmäßig einnimmt – den hat er mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Er akzeptiert nicht groß andere Autoritäten. Das Einzige, das immer geklappt hat, war, wenn ich aufgelaufen bin.
Weil er den Respekt gespürt hat?
Ja, ich bin ihm als Mensch gegenübergetreten und nicht als Polizeibeamter. Ganz zum Schluss ist die Situation aber aus dem Ruder gelaufen, weil er es nicht verstanden hat, seine Medikamente regelmäßig einzunehmen. Meine Frau arbeitet in der Apotheke. Wir waren regelmäßig da und haben es kontrolliert. Irgendwann hat er vier Jahre abgelaufene Psychopharmaka mit Wodka runtergespült, dazu noch ein paar Spaßmacher genascht und dann war gar nichts mehr mit ihm anzufangen. Es ist derart eskaliert, dass jedes Mal fünf, sechs Streifenwagen kommen mussten. Bei der letzten Situation haben wir dann gesagt: Jetzt müssen wir Maßnahmen treffen.
Vieles von dem, was Sie berichten, gehört nicht zu den Pflichtaufgaben eines Polizisten. Was hat Sie zu diesem außergewöhnlichen Engagement getrieben?
Das war einfach Menschlichkeit. Der arme Kerl kann für sein Schicksal überhaupt nichts. Was man ihm angetan hat, war einfach nur schlimm. Und ich habe mir gedacht, wenn du es halt bist, den er braucht, um auf den rechten Weg zu finden, warum sollte ich es dann nicht auch machen? Der Kontakt ist ja dann auch später nicht abgerissen.
Bis heute nicht?
Genau. Ich hatte von der Staatsanwaltschaft eine Besuchsgenehmigung, bin mit seinem Rechtsanwalt hingefahren.
Er ist jetzt …
… in Moringen (im Maßregelvollzug Anm. d. R.). Kürzlich hatte er Geburtstag. Da haben wir ihn alle angerufen, haben Happy Birthday gesungen. Ich habe mitgekriegt, dass er am Ende wieder geschluchzt hat. Und er ist jetzt, soweit ich weiß, Freigänger.
Das heißt?
Er darf die Anstalt verlassen, sich draußen in einem abgesteckten Rahmen bewegen. Mein Sohn und ich wollen demnächst wieder hinfahren, mit ihm eine Tasse Kaffee trinken.
Maßregelvollzug ist nicht dasselbe wie Gefängnis.
Im Maßregelvollzug werden kranke Menschen untergebracht. Nicht jeder ist so strafmündig und schuldfähig, dass er einsehen kann, was er tatsächlich gemacht hat. Und bei ihm finde ich es vollkommen richtig, wie das Gericht entschieden hat. In Moringen wird ihm geholfen. Er bekommt psychologische Betreuung, wird medikamentös eingestellt.
Wie alt ist George jetzt?
Um die 40. Man weiß es nicht genau. Das ist schon eine außergewöhnliche Geschichte, mit meinem Freund George.
Er war in Alfeld bekannt, richtig?
Im Grunde hat man sich gefürchtet. Ich bin darauf angesprochen worden, was ich da eigentlich machen würde, warum ich mich um ihn kümmere.
Was haben Sie erwidert?
Dass das meine Entscheidung ist. Da braucht mir keiner zwischenreden. Die sollten sich mit dem Menschen vielleicht mal beschäftigen, was das für ein armer Kerl ist, was er mitgemacht hat – und nicht pauschal auf ihn einhacken.
Er hat eine posttraumatische Belastungsstörung?
Richtig, durch den Einsatz als Kindersoldat.
Wie alt war er, als seine Familie getötet wurde?
Kann ich nicht sagen. Aber es muss furchtbar gewesen sein. Für uns als Mitteleuropäer unvorstellbar, was dort abgelaufen sein muss.
Wie geht es ihm jetzt?
Was ich von ihm höre, wenn wir telefonieren, gibt mir das Gefühl, dass er sich verändert hat. Er ist sanfter, umgänglicher. Wenn man ihn früher auf dem falschen Fuß erwischt hat, ist er hochgegangen wie eine Rakete.
Würden Sie sagen, ohne ihr Mitgefühl wäre das anders gekommen?
Es wäre niemand dagewesen, der ihm geholfen hätte.
Er kennt auch Ihr Enkelkind.
Ja. Er hat auch Bilder von meinem Enkelkind bei sich. Das haben wir ihm geschickt. Da kriegt er richtig Tränen in den Augen. Er liebt Kinder über alles. So ein schlechter Mensch kann er gar nicht sein.
Wie zeigt er Ihnen seine Dankbarkeit?
Er ist wirklich nicht mit Reichtümern gesegnet. Das Bisschen, was er hat, gibt er dann bis zum Letzten. Manchmal kam er vorbei und hat mir ein Pfund Kaffee gebracht oder mal ein Deo oder irgendwas, das er für sich als ganz toll empfunden hat. Ich habe das auch gerne alles genommen, obwohl die Annahme von Geschenken ja nur bis 5 Euro gestattet ist, aber damit habe ich ihm eine Riesenfreude gemacht, indem ich ihm gezeigt habe, guck George, ich bin dankbar. Jedes Jahr zu Weihnachten und zu seinem Geburtstag haben wir ihm auch Geschenke gebracht. Ich kann mich noch erinnern: Vor Emotionen war der fast weg, ist richtig geschmolzen.
Das kannte er so vielleicht nicht.
Er hat nie Mitgefühl erlebt, immer nur die Knute gekriegt.
Hat Sie Ihr Mitgefühl jemals beruflich in ein Dilemma geführt, Herr Frost?
Nein, das war immer gut. Wir sind ja keine Maschinen. Wir sind Menschen. So müssen wir uns auch verhalten.
Zur Person
Achim Frost, 63, ist seit August 2022 Polizist im Ruhestand. Er blickt damit auf eine 47-jährige Karriere bei der Polizei Niedersachsen zurück. Fast 40 Jahre davon war er für das Polizeikommissariat Alfeld tätig. Nach einigen Jahren im Streifendienst hat er sich auf Brand- und Todesursachenermittlung spezialisiert sowie auf Waffenrecht und Delikte am Menschen.
Für sein außergewöhnliches Engagement für den ehemaligen Kindersoldaten „George“ ist Achim Frost vom damaligen Polizeipräsidenten Uwe Lührig aus Göttingen mit einem persönlichen Anerkennungsschreiben belobigt worden. Bis heute haben Frost und „George“ freundschaftlichen Kontakt. Als Pensionär genießt Frost die Zeit mit seinem Enkelkind im Garten, wo er Erdbeeren und andere Genusspflanzen zieht.
