Ihr Name steht ganz oben auf dem Plakat zum neuen Til-Schweiger-Film „Lieber Kurt“: Hauptdarstellerin Franziska Machens aus Algermissen wird mit ihrem Kino-Debüt gerade schlagartig bekannt. Donnerstag startet der Streifen bundesweit. Eine ganz neue Rolle für die 38-Jährige, die schon seit acht Jahren fest zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin gehört. Im Gespräch mit der HAZ erzählt sie, wie sie die Rolle bekommen hat, wie sich Liebesszenen mit Til Schweiger anfühlen, und warum es beim Thema Trauer durchaus auch fröhlich zugehen kann. Und wer die Schauspielerin live sehen möchte: Am Samstag, 17. September, 17 Uhr, ist sie zu Gast im Thega-Kino.
Frau Machens, was fanden Sie reizvoller, das Buch von Sarah Kuttner oder die Zusammenarbeit mit Til Schweiger?
Beides. Ich wusste, das Casting kommt, hatte aber noch kein Drehbuch. Dann habe ich zweimal den Roman gelesen – und finde den wirklich großartig. Beim Casting habe ich dann einen Geschmack davon bekommen, wie es sein könnte, mit Til Schweiger zu arbeiten. Und gedacht: So, den Film möchte ich unbedingt machen.
Sind Sie am Deutschen Theater in Berlin nicht ausgelastet?
Doch (lacht). Film reizt mich aber auch total. Es ist die andere Spielweise. Sich am Theater sieben Wochen lang intensiv mit einem Text auseinanderzusetzen – das macht schon Spaß. Gerade weil hier manche Texte eben eine artifiziellere, größere oder außergewöhnliche Spielweise erfordern. Jetzt beim Drehen habe ich aber gemerkt, dieses authentische, ja normale Spiel ist schon das, was mir am besten liegt.
Gegen wieviele Bewerberinnen für die Rolle der Lena mussten Sie sich beim Casting durchsetzen?
Oh, das weiß ich nicht genau. Ein paar andere Schauspielerinnen waren an dem Tag da, an dem auch ich mein Casting hatte. Aber ich weiß nicht, wie viele es genau waren.
Till Schweiger muss ja gleich ziemlich begeistert von Ihnen gewesen sein. Wussten Sie vorher, dass sie zusammen so viele Liebesszenen spielen?
Viele? Das sehe ich gar nicht so. Aber ja, es geht auch um die Liebe in diesem Film. Es gibt schöne, zärtliche Momente des Paares. Die Sexszene, auf die ich auch schon mehrfach angesprochen wurde, die dauern vielleicht drei Sekunden. Ich möchte nicht, dass es so rüberkommt: Til Schweiger macht einen Film über den Verlust eines Kindes und da wird die ganze Zeit nur rumgevögelt – das wäre falsch.
Wir haben derzeit so viel Krise, Krieg, Pandemie – passt so ein Film jetzt?
Im Theater stellen wir uns bei jedem Probenbeginn diese Frage. Aber was wäre denn die Alternative? Dass wir uns nicht mehr mir schweren Themen auseinandersetzten? Ich finde, es muss alles weiter thematisiert werden. Til ist selber vierfacher Vater – und er bearbeitet Themen, die ihm wichtig sind. Tod und Trauer gehören dazu.
Trotzdem schafft er es als Regisseur, dass beim Kino-Preview auch gelacht wurde...
Genau, das ist mir wirklich wichtig, dass der Film nicht nur schwer ist. Gerade weil Til die ganzen Rückblenden mit dem Kind eingebunden hat – die gibt es im Buch so nicht. Erinnerung ist ein ganz zentrales Thema des Films. Damit zwischendurch gelacht, ja aufgeatmet werden kann. Das funktioniert sehr gut.
Der plötzliche Tod des kleinen Kurt, die Fassungslosigkeit der Eltern und Familie, das ist schon ziemlich ergreifend. Wie haben Sie sich in diese Trauer, in dieses Unglück hineinversetzen können?
Das ist ja mein Beruf, ich mache ja seit zwölf Jahren nichts anderes, als mich in unterschiedlichste Situationen hineinzuversetzen. Als eine mir nahestehende Person ganz plötzlich gestorben ist, habe ich im Weinen immer wieder gesagt, jetzt gibt es nur noch Erinnerungen. Bis ich dann später sagen konnte: Gott sei dank, gibt es die Erinnerungen. Aber natürlich würde ich niemandem sagen, der gerade jemanden verloren hat: Ach, denk doch an die schöne Zeit.
Sondern was...
Der Film zeigt doch, das Trauer individuell ist – man guckt mehreren Leuten sehr genau beim Trauern zu. So wird das Thema an die Oberfläche geholt. Das finde ich super. Aber ich war schon dankbar, dass ich nicht spielen musste, dass mein eigenes Kind gestorben ist. Der Film gibt kein Patentrezept, das fände ich auch falsch. Er zeigt einfach, daß alles erlaubt ist in der Trauer.
Haben Sie Kinder?
Nein. Das ist ja genau das Thema der Rolle, dass die Lena als Freundin des Vaters dieses Kind eben auch wahnsinnig liebt – auch wenn es nicht ihr eigenes ist. Sie kennt das Kind schon als Baby und trotzdem ist sie in der Trauer so unsicher und hilflos, weil sie nicht weiß, wie sehr sie trauern darf. Gleichzeitig versucht sie, eine Stütze für den großen Kurt, also den Vater des kleinen Kurti, zu sein. Und so weit entfernt von Lena bin ich auch gar nicht. Ich kann ihre stoische Fürsorge und Zerrissenheit gut verstehen. Ihren Willen, das gemeinsam zu überstehen, ihre abwartende Art und die vielleicht darunterliegende Angst, Sachen noch schlimmer zu machen. Sie handelt, so gut sie kann und versteht dennoch, dass sie allein nicht die Macht hat, die Situation zu verändern. Das geht nur gemeinsam. Ich hab sie so gern gespielt.
Der kleine Kurt, Levi Wolter, ist im Film aber mal nicht das eigene Kind von Til Schweiger?
Man weiß es nie... (lacht) Nein, das ist ein Scherz.
...so bringen Sie aber fix die Gerüchteküche zum Brodeln. Wollten Sie schon immer Schauspielerin werden?
Also interessiert hat mich das schon immer. Ich war auch am Stadttheater – erst im Kindertheater, dann im Jugendclub – und hab auch in der Schule Theater gespielt. Aber irgendwie habe ich immer gedacht, beruflich braucht man dafür noch irgendetwas – ich kann jetzt gar nicht genau sagen was. Bis dann Ludmilla Heilig, damals Leiterin des Jugendclubs, mich vor dem Abi gefragt hat, ob ich mich denn jetzt mal bei Schauspielschulen beworben habe. Beim Vorsprechen habe ich dann gemerkt: Ja, ich will das unbedingt zu meinem Beruf machen.
Sind Sie denn gleich angenommen worden?
Nein, gar nicht. Ich habe 14 Anläufe gebraucht, war sieben Mal in der Endrunde. Furchtbar, denn da war ich so ganz kurz davor – und dann hat es doch wieder nicht geklappt. Aber ich wurde schließlich genau da angenommen, wo ich auch hin sollte, glaub ich (Anm. d. R.: an der Falckenberg-Schauspielschule in München).
Aus welcher Machens-Dynastie kommen Sie eigentlich, sind Sie mit dem ehemaligen Oberbürgermeister verwandt?
Nee. Der hat aber auch eine Tochter, die Franziska heißt. Und unsere beiden Väter haben zusammen im Krankenhaus gearbeitet. Immer wenn ich im Bernward angerufen habe: Hallo, hier ist Franziska Machens, könnte ich bitte meinen Vater sprechen? Dann hatte ich immer Kurt Machens am Telefon. (lacht)
Werden wir Sie jetzt öfter auf der Leinwand sehen?
Ich hab auch im nächsten Schweiger-Film „Der Anfang vom Ende“ eine Rolle – der kommt aber erst im nächsten Jahr raus. Ende des Monats ist von Mareile Klein „Da kommt noch was“ mit mir im Kino. Weitere Anfragen habe ich aktuell nicht.
Nachtrag:
Die Agentin von Franziska Machens hatte ihr die Interview-Anfrage der HAZ mit den Worten geschickt: „Soll ich das absagen – eben aus Zeitgründen?“ Antwort der Hildesheimerin: „Sind Sie wahnsinnig, ich will unbedingt in meiner Heimatzeitung stehen – endlich.“
Zur Person
Franziska Machens, Jahrgang 1984, aus Algermissen hat am Josephinum in Hildesheim Abitur gemacht. Schon während der Schulzeit spielte sie Theater, war Regieassistentin und drehte sogar einen Film. Als Schauspiel-Studentin (2005 bis 2009) in München gastierte sie am Schauspielhaus Zürich, wo sie anschließend bis 2013 fest engagiert war. Seit der Spielzeit 2013/14 gehört sie zum Ensemble am Deutschen Theater Berlin. Derzeit ist sie auf der Bühne unter anderem in „Maria Stuart“, „Birthday Candles“, im „Zerbrochenen Krug“ oder demnächst in „Minna von Barnheln“ zu sehen. 2019 ist sie mit dem „Friedrich-Luft-Preis“ für die Beste Berliner und Potsdamer Aufführung von Molières Komödie „Der Menschenfeind“ ausgezeichnet worden.






