Hildesheim - Der Vergleich mit dem Kranzler-Eck erscheint zwar ambitioniert, aber zumindest architektonisch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn tatsächlich erinnert das Tessner-Haus Ecke Hoher Weg/Kurzer Hagen mit seiner auffällig gebogenen Fassade an das legendäre Café mit aufgesetzter Rotunde und rot-weiß gestreifter Markise an der Kreuzung von Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße.
Beide Gebäude sind Kinder der Fünfziger Jahre, allerdings hat Architekt Heinz Giese an der Innerste mit seinem Entwurf für Modezar Georg Tessner die Nase vorn: Im Hohen Weg 37 sind die Handwerker schon 1952 fertig, in der Hauptstadt erreicht Hanns Dustmann erst sechs Jahre später das Ziel.
Dennoch bleibt man beispielgebend, wird das zur Jahrtausendwende modernisierte Quartier heute als „Sowas von Berlin“ vermarktet. Das inspiriert wiederum eine Agentur aus der Hildesheimer Oststadt, im Obergeschoss bald „Sowas von Marketing“ anzubieten. Unbewusst knüpfen die Macher damit an ein Kapitel lokaler Werbegeschichte an, das hier kurz nach der Wiedervereinigung begonnen hat. Und dessen Ursprung wiederum an der Spree zu finden ist, denn dort flimmert damals am Kranzler die einzige elektronische Wandzeitung des Landes über Bildschirme auf drehbaren Würfeln.
Auch im Inneren des Tessner-Hauses verändert sich 1991 viel, der Modehändler gibt auf, die Bernward Buchhandlung übernimmt den Standort. Im kleinen Café in der zweiten Etage finden Carmen und Cappuccino zueinander. Allerdings nur bis 1999, dann endet mit der Fusion der Buchhandlungen von Gerstenberg und Bernward die literarische Nutzung des Tessner-Hauses, die Haute Couture kehrt zurück.
Das „unschlagbar aktuelle und umweltfreundliche“ Format wollen zwei Jungunternehmer auch in der Bischofsstadt etablieren. Ingo Klinge, Sohn des früheren OB, der nach seinem BWL-Studium in Kiel beruflich in die Fußstapfen des Vaters treten wird, und sein Kommilitone Christian Eggers. Und die beiden haben auch schon den passenden Standort für ihr Projekt in der Fußgängerzone im Visier.
Heiko Klinges Sohn Ingo und sein Kommilitone Christian Eggers basteln neben ihrem BWL-Studium als kreative Köpfe an Plakatronic. Allein die aus heutiger Sicht bescheiden anmutende Computertechnik schlägt damals mit einem Investment von gut 100.000 Mark zu Buche, für ein Start-Up nicht leicht zu schultern.
Bei Tessner tut sich im Sommer 1991 einiges, der Räumungsverkauf läuft, der 1934 im historischen Syndikushaus eröffnete Traditionsbetrieb schließt für immer seine Pforten. Mit der Bernward Buchhandlung aus der Schuhstraße steht ein Nachfolger bereit, der hier fortan auf vier bunten Etagen „den schönsten Seiten des Lebens“ ein neues Zuhause bieten will.
Senior Klinge, damals noch geschäftsführender Gesellschafter des katholischen Medienhauses, ebnet dem Junior den Weg, vermittelt die Fläche und gibt mit seinen Kontakten der „Hildesheimer Wandzeitung Betriebsgesellschaft mbH“ etwas Starthilfe. Die Pläne sehend deutlich schlankere Strukturen vor als am Kudamm, auf einer nur zehn statt 270 Quadratmeter großen Tafel wird rot auf schwarz gesendet. 120.000 Leuchtdioden können sogar Bewegung erzeugen, trickfilmartig mit bis zu 27 Bildern pro Sekunde. Das zehnminütige Programm aus Nachrichten und Werbung soll bis zu 16 Stunden täglich wiederholt werden, die Kreissparkasse steuert die Börsenkurse bei.
Die Macher sehen sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Tageszeitung, sind vor allem an Anzeigekunden interessiert. Die preiswerteste Tagesbuchung für einen fünf Sekunden Spot im Newsblock liegt bei 90 Mark. Es finden sich weitere Gesellschafter, die Anschubfinanzierung ist gesichert, die Wandzeitung Plakatronic nimmt Ende November 1991 erfolgreich den Betrieb auf.
Dumm nur, dass parallel der kommerzielle Siegeszug des Internets einsetzt, binnen weniger Jahre wird es den technischen Informationsaustausch völlig dominieren. Das hinterlässt auch am Tessner-Haus Spuren, die Lichter der Wandzeitung erlöschen rasch wieder, die Tafel wird zum ausgedienten Relikt eines kurzlebigen Mediums. Die Werbewelt ist zwar schön und bunt, aber auch immer wieder für einen Wandel gut.
Der Erfolg der Wandzeitung währt nicht lang, bald gehen die Leuchtdioden am Hohen Weg wieder aus. Die Tafel bleibt als Relikt von Plakatronic aber fast 20 Jahre lang an der Fassade. Erst als die französische Kette Promod 2010 das Tessner-Haus umbaut, wird sie für die bessere Sicht auf die Auslage im Obergeschoss entfernt. Bis zur Geschäftsübergabe Ende April bietet unten noch Vero Moda seine Waren an, oben zieht bald eine Werbeagentur ein.










